Ex-Innenminister und neuer Thronfolger Prinz Naif; Foto: AP
Neue Thronfolge in Saudi-Arabien

Riads Riege der Gerontokraten

Die Wahl des alternden, als streng konservativ und reformunwillig geltenden Hardliners Prinz Naif als Nachfolger von Kronprinz Sultan wirft ein Schlaglicht auf das erstarrte politische System Saudi-Arabiens, meint die saudische Publizistin Mai Yamani.

Der Kontrast zwischen den zwei Tage auseinander liegenden Todesfällen von Libyens Muammar el-Gaddafi und des saudischen Kronprinzen Sultan Bin Abdel Aziz entspricht dem zwischen Narretei im Endstadium und dekadenter Gerontokratie. Und ihr jeweiliges Ableben wird wohl sehr unterschiedliche Folgen haben: Befreiung für die Libyer und Stagnation für die Saudis.

Aber der Tod des 86-jährigen Sultan steht für den Beginn einer kritischen Zeit innen- und außenpolitischer Unsicherheit für das Königreich. Immerhin liegt der Halbbruder von Sultan, der 87 Jahre alte König Abdullah, nach einer schweren Operation letzten Monat immer noch in Riad im Krankenhaus. Das Regime altert und krankt und wird von der Bevölkerung als handlungsunfähig wahrgenommen.

Erstmalig wurde nach Sultans Tod das Begräbnis eines Mitglieds der regierenden saudischen Königsfamilie verzögert, um Zeit für die Entscheidung über einen Nachfolger zu gewinnen – ein Zeichen interner Unstimmigkeiten (und Übereinstimmung über die Fortführung der dynastischen Herrschaft).

Drohende innere Spaltung

Die Stabilität des Saudi-Regimes hängt letztlich davon ab, ob es über das System der Nachfolge eine klare Einigung erreichen kann. Mit dem Tod des Kronprinzen besteht für die Stabilität des Königreichs (und dessen Ölexporte) die Gefahr innerer Spaltung, da die Sauds inzwischen 22.000 Mitglieder zählen, was zu immer mehr internen Streitigkeiten zwischen immer mehr Anwärtern auf die Macht führen kann.

Sultan bin Abdul Aziz Al Saud; Foto: picture alliance
Der 83-jährige Sultan bin Abdul Aziz Al Saud starb am 22. Oktober in New York, wo er sich seit Juni zu medizinischen Behandlungen aufhielt.

​​Politisch war Sultan bereits seit drei Jahren tot. Und als er im Juni 2011 zur Behandlung nach New York flog, spekulierten junge Saudis auf zahlreichen Webseiten darüber, dass dies auch körperlich der Fall sei.

Die Riege der 80-jährigen Nachfolger von Abdullah erinnert an die letzten Jahre der Sowjetunion, als ein altersschwacher Staatsführer nach dem anderen für kurze Zeit erfolglos regieren durfte. Viele saudische Untertanen haben dasselbe Gefühl ständiger Unsicherheit und Erstarrung.

Mysteriöser Vertrauensrat

Verschlimmert wird die Situation dadurch, dass die Nachfolgeregelung nicht eindeutig ist. Nachdem Abdullah von seinem Bruder Fahd, der 23 Jahre lang bis zu seinem Tod 2005 regiert hatte, die Führung übernahm, gründete er einen Vertrauensrat – eine unklare und mysteriöse Familieninstitution, die Ähnlichkeiten mit dem Kardinalskollegium des Vatikans aufweist.

Aber hier bestehen Restriktionen nicht nur in Bezug auf das Alter, sondern auch auf den Familienstammbaum. Mitglieder des Rates wurden auch die überlebenden königlichen Prinzen der 43 Söhne von Ibn Saud, des Gründers des Königreiches, und die Söhne ihrer verstorbenen Brüder – und so auch die Nachkommen von König Faisal.

Aber im Zuge der Krankheit von Sultan setzte sich Abdullah über seine eigene Institution hinweg und ernannte Prinz Naif, den Innenminister, zum zweiten Stellvertreter. Folglich wurde Naif auch zum Kronprinzen gesalbt. Passend zu diesem immer blutleereren Imperium ist der 78-jährige Naif allerdings an Leukämie erkrankt.

Sein Vermögen, das auf 270 Milliarden US-Dollar geschätzt wird, hat Sultan vor seinem Tod an seine Söhne verteilt, um deren politische Position innerhalb der Arena konkurrierender Prinzen zu stützen. Tatsächlich haben alle führenden Prinzen ihre jeweiligen Lieblingssöhne auf wichtige Positionen innerhalb des Königreichs verteilt.

Im Zeichen der Erbmonarchie

Sultan sicherte seinem Sohn Khaled das Verteidigungsministerium und brachte Khaleds berüchtigten Bruder Bandar zurück an die Spitze des Geheimen Sicherheitsrates. Abdullah setzte seinen Sohn Mitaeb an die Spitze der Nationalgarde. Der neue designierte Kronprinz Naif hat seinen Sohn Mohammed als nächsten Innenminister vorgesehen.

König Abdullah von Saudi-Arabien; Foto: picture alliance
Krankendes, alterndes Regime: Auch das hohe Alter König Abdullahs und dessen Gebrechlichkeit haben erneut zahlreiche Spekulationen über die künftige Führung in Saudi-Arabien ins Kraut schießen lassen.

​​Kurz gesagt, ist es trotz Abdullahs innovativer Nachfolgeregelung ein offenes Geheimnis, dass es keine Garantie für einen Übergang auf eine jüngere oder stärkere Führungsgeneration gibt. Die Geschichte des Kampfs um die Nachfolge innerhalb der Familie Saud gelangt immer mehr an die Öffentlichkeit. Alle Komplotte, Ambitionen und Doppelzüngigkeiten der königlichen Familie werden über das Internet sichtbar.

Die Sauds, eine Art Familienunternehmen, entstanden 1932. Das riesige Gebiet der arabischen Halbinsel wurde von Ibn Saud erobert und vereint und erhielt seinen Familiennamen. Er brachte seine Cousins und Brüder durch Stiftung von Zwietracht unter Kontrolle und konnte dadurch seine Söhne als klare und unumstrittene Nachfolger einsetzen. Obwohl diese nach seinem Tod nie völlig geeint waren, existierte doch genug Zusammenhalt, um das System aufrechtzuerhalten. Auf die Tausende von Prinzen, die sie produzierten, trifft das jedoch nicht mehr zu. Mit dem Tod der älteren Generation begann die neue Generation, sich im Geschäft vor den Kunden zu streiten.

Da heute jeder tausendste Einwohner des Landes Mitglied der Königsfamilie ist (verglichen mit jedem fünfmillionsten in Großbritannien), war die Aufgabe der Verteilung der Privilegien, Gehälter und Arbeitsplätze für die Prinzen noch nie so schwierig. Zu den königlichen Sozialleistungen gehören lebenslange Pfründe und die Leitung der öffentlichen Verwaltung, was den Prinzen zusätzlich zu ihren Gehältern lukrative Aufträge und Kommissionen einbringt.

Spannungen und Legitimationsverlust

Also ist die saudische Regierung immer mehr sektiererischen Spannungen ausgesetzt, während gleichzeitig ihre Legitimität in Frage steht. Darüber hinaus laufen die Ölexporte zwar glänzend, aber in den Nachbarländern lodern die Flammen der Revolution.

Kurzfristig wird Naif als Kronprinz das Königreich mit eiserner Faust noch mehr in die Repression drücken, indem er unter anderem die Position der wahabitischen Hardliner-Kleriker innerhalb der staatlichen Machtstrukturen stärken wird. Gestützt von ihren Dogmen werden riesige Summen Geldes ausgegeben, um die Folgsamkeit und das Schweigen des Volkes zu gewährleisten. Während Abdullah über Reformen zumindest noch geredet hat (wenn auch ohne wirkliche Konsequenzen), nimmt Naif nicht einmal das Wort in den Mund.

Weiterhin bleibt Verweigerung der bevorzugte Geisteszustand der saudischen Führung. Sie glauben, ihr Amt als Bewahrer der heiligen Orte des Islam gäbe ihnen in der arabischen Welt einen besonderen Status, der durch keine Revolution angetastet werden dürfe. Und falls es doch jemand wagen sollte, würden sie wohl rasch an den Rat von Naif erinnert werden: "Was wir durch das Schwert erobert haben, behalten wir durch das Schwert."

In der gesamten Region versuchen couragierte arabische Jugendliche, ihren Ländern Reformen und Freiheit zu bringen. Doch Saudi-Arabien, so scheint es bis heute, bewegt sich leider in die völlig entgegengesetzte Richtung.

Mai Yamani

© Project Syndicate 2011

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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