Neue Rhetorik bei der Hamas

Unter Zwang zum Kompromiss

Die im Gazastreifen regierende Hamas hat ihre militante religiöse Rhetorik gemäßigt und duldet jetzt sogar die säkulare Erinnerungskultur der Rivalin Fatah. Aber in der Sprache ihres militärischen Arms lebt der Dschihad ungebrochen weiter, berichtet Joseph Croitoru.

Im Oktober 2016 machte die Nachricht die Runde, dass im Gazastreifen die Bevölkerungszahl auf zwei Millionen Menschen angewachsen sei. Inzwischen leben dort aber, wie die der Hamas-Regierung nahestehende Zeitung „Felesteen“ im April meldete, schon knapp 2,1 Millionen Menschen: Das sind fast fünf Prozent Bevölkerungswachstum in nur eineinhalb Jahren.

Auch wenn sie dies nicht offen artikuliert, hat die regierende islamistische Hamas durch ihr neuerliches Bemühen um einen Kompromiss mit der säkularen Rivalin Fatah zu verstehen gegeben, dass sie nicht mehr imstande ist, die Menschen im Gazastreifen allein zu versorgen.

Ein Großteil von ihnen ist ohnehin schon länger auf internationale Hilfe angewiesen, um zu überleben. Die angestrebte Kooperation mit der Fatah, die sich immer wieder verzögert hat und über die in diesen Tagen in Kairo verhandelt wird, hat die Islamisten im vergangenen Jahr dazu veranlasst, ihr politisches Programm zu ändern. Ägyptischer Druck hat hierzu maßgeblich beigetragen.

Abschied von Dschihad-Parolen

So sind anders als in der Hamas-Charta von 1988, die mit Koranzitaten und Dschihad-Parolen gespickt war, im neuen Grundsatzpapier nirgends derartige Anspielungen zu finden. An keiner Stelle wird darauf verwiesen, dass die Hamas ursprünglich aus einem Zweig der ägyptischen Muslimbruderschaft hervorgegangen ist. Das erklärte Ziel, Palästina mit Waffengewalt zu befreien, wird aber auch hier nicht aufgegeben.

Entsprechend ihrer islamistischen Ideologie spricht die Hamas dem israelischen Staat nach wie vor das Existenzrecht ab und erhebt Anspruch auf das gesamte Gebiet des historischen Palästina. Trotzdem erklärt sie sich bereit, einen Palästinenserstaat in den Grenzen von 1967 zu akzeptieren – allerdings nur, wenn unter den Palästinensern darüber nationaler Konsens herrscht. Theoretisch würde dann Israel neben einem solchen Palästinenserstaat zwar weiter existieren dürfen, aber von ihrem alten Endziel, den israelischen Staat abzuschaffen, distanziert sich die Hamas damit nicht.

Neben dieser rhetorischen Überarbeitung ist in letzter Zeit bei der politischen Führung der Hamas die Tendenz zu beobachten, auch bei öffentlichen Auftritten Abstand von der früher so eifrig verwendeten Dschihad-Semantik zu nehmen. Allerdings ist dies nur das eine Gesicht der militanten Organisation. Ihr militärischer Arm, die Qassam-Brigaden, favorisiert die Dschihad-Rhetorik wie eh und je, auch wenn man sie gegenüber dem Ausland, etwa in der englischsprachigen Version der Website der Qassam, deutlich zu mäßigen versucht. Wer hier den Begriff Dschihad  sucht, wird ihn in jüngeren Beiträgen nicht finden – anders als in der arabischen Fassung, wo der Terminus nach wie vor auf Schritt und Tritt begegnet.

Dass unterdessen die politische Führung der Hamas derzeit weitgehend auf dschihadistische Parolen verzichtet, heißt noch lange nicht, dass sie nicht auf andere Weise Kampfentschlossenheit demonstriert. In ihrem Bestreben, die Proteste des „Großen Marschs der Rückkehr“ am Grenzzaun zu Israel möglichst für sich zu vereinnahmen, erheben Hamas-Kader in letzter Zeit immer lauter die Forderung nach einem Rückkehrrecht für alle in der Diaspora lebenden Palästinenser.

Politisches Kalkül

Mit der Forderung nach einem Rückkehrrecht beschwört die Hamas die palästinensische Lebenswelt vor der Gründung Israels im Jahr 1948. Es zeigt sich, dass die Hamas, wohl aus politischem Kalkül, durchaus bereit ist, eine Erinnerungskultur zu dulden, die nicht unbedingt in ihr islamistisches Weltbild passt. So darf im Gazastreifen neuerdings jene traditionelle palästinensische Folklore gepflegt werden, die schon in den siebziger Jahren von den säkularen Kampforganisationen der PLO zum Symbol des nationalen Widerstands erhoben worden war.

Der streng puritanischen Ästhetik ihrer religiösen Kontrahenten standen schon immer die traditionellen palästinensischen Frauengewänder mit den bunten Stickereien ebenso diametral entgegen wie die Debka-Tänze. Tanz war bei islamistischen Bewegungen seit jeher verpönt. Zur Unterhaltung der Massen duldete die Hamas lange nur Männerbands, die mit ihren religiös gefärbten Kampfliedern eine passende Hintergrundmusik für die islamische Widerstandsbewegung lieferten.

Nun aber war zu sehen, wie in manchen der von den „Rückkehr“-Demonstranten am Grenzzaun zu Israel errichteten Zeltlagern vor laufender Kamera Debka getanzt wird. Auch scheint es neuerdings unter jungen Palästinenserinnen im Gazastreifen zum guten Ton zu gehören, bei besonderen Anlässen die bunten traditionellen Trachten anzulegen. Sie begegnen einem immer häufiger, nicht nur bei Zeremonien an nationalen Gedenktagen wie dem „Tag der Erde“, mit dem an Bodenkonfiszierungen durch Israel erinnert wird.

Kunststudentinnen der Al-Aqsa-Universität in Gaza erschienen bei der Eröffnung der Jahresausstellung im Fach Bildende Kunst Anfang April in traditionellen Gewändern. In der Ausstellung dominierten Bilder mit nationaler palästinensischer Ikonographie, wie sie säkulare einheimische Künstler bereits vor einigen Jahrzehnten etabliert hatten: traditionell gekleidete Frauenfiguren, bisweilen kombiniert mit der Landkarte Palästinas und dem Hausschlüssel als Symbol für die Rückkehr. Daneben skizzenhafte Darstellungen der von Israel zerstörten Dörfer, verklärende Bilder von palästinensischen Bäuerinnen und Bauern, stilisierte Ölbäume.

Die Rückkehr-Forderung unterstreicht auch ein von den Studenten gedrehtes Video: Darin stellen sich die Kunststudenten nacheinander mit Namen vor und nennen den Ort im ehemaligen Palästina, aus dem ihre Vorfahren stammen. Dann schließen sie mit dem standardisierten Statement: „Und dorthin kehre ich zurück“.

In ähnlicher Form wurde die symbolische Rückkehr bei den Protestaktionen am Grenzzaun inszeniert. Transparente, auf denen, teilweise auch auf Englisch und Hebräisch, der Name eines ehemaligen palästinensischen Dorfes steht, wurden an den Zelten angebracht. Dies geschah häufig im Beisein von Angehörigen der Großelterngeneration, von denen manche den Schlüssel zu ihrem einstigen Haus hochhielten. Immer wieder erschienen hier nicht nur ältere sondern auch jüngere Palästinenserinnen in traditionellen bestickten Kleidern. Diese Aktionen wurden laufend fotografiert und sind auf der Facebook-Seite des „Rückkehr-Marsches“ dokumentiert.

Ein Ventil für die Wut der Jugend

In einigen „Rückkehr-Zeltlagern“ wurde, wenn auch in patriotischem Sinne, fleißig gemalt. Offensichtlich hat die Hamas – bekanntlich Produzentin von visuell häufig komplexen Märtyrerpostern, aber nicht unbedingt eine Freundin der bildenden Kunst als solcher – die Malerei als Ventil für die Sehnsüchte und Protestwut der Jugend entdeckt. Tatsächlich vergeht heute wohl kaum ein Monat, ohne dass irgendwo im Gazastreifen eine neue Kunstaustellung eröffnet wird, häufig auch von jungen Künstlerinnen. Die gezeigten Bilder haben allerdings eines gemeinsam: Die Hamas und ihre Herrschaft wird nicht thematisiert, geschweige denn kritisiert.

Im Zeichen der innerpalästinensischen Versöhnung dürfen in letzter Zeit auch der Fatah nahestehende Künstler im Gazastreifen wieder aktiv werden. Erst vor kurzem waren etliche von ihnen mit ihren Werken in einer großen Schau in Gaza-Stadt vertreten. Initiiert wurde diese Ausstellung jedoch bezeichnenderweise vom Kulturministerium in Ramallah – und nicht dem Pendant der Hamas in Gaza. Anlass der Ausstellung mit dem Titel „Das Lied der Steine“ war der dreißigste Jahrestag der ersten Intifada. Viele Bilder zeigten das vertraute Motiv von steinewerfenden jungen Männern. Ein großes Ölgemälde war gar der feierlichen Ankunft Jassir Arafats in Gaza-Stadt im Juli 1994 gewidmet. Auf dem Bild erscheint der PLO-Führer überdimensioniert dargestellt inmitten der Masse seiner Anhänger – allerdings ohne Fatah-Symbole.

Arafats Konterfei schmückt nun auch das Logo der Facebook-Seiten von Künstlergruppen aus dem Gazastreifen, die Fatah-Kreisen nahestehen. Sie dürfen schon seit einiger Zeit mit diesem Medium für sich werben, haben sich aber mit politischen Inhalten erst einmal zurückgehalten. Jetzt trauen sie sich immer mehr. So werben sie mittlerweile offen für politische Versammlungen der Fatah im Gazastreifen. Offenbar darf aber auch auf diesen Facebook-Seiten – wie in der Kunst – die rote Linie nicht überschritten werden. Kritik am Herrschaftsapparat der Islamisten bleibt tabu.

 

Joseph Croitoru

© Qantara.de 2018

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