Auch wenn diese umfangreiche Klasse bisher angesichts ihrer erheblichen Abhängigkeit von der Regierung weniger dazu neigte, sich politischen, sozialen oder arbeitsrechtlichen Bewegungen anzuschließen, so ist sie jetzt dabei, sich der Kontrolle des Großen Bruders zu entziehen. Genauer gesagt wurde diese Möglichkeit durch einen politischen Streit innerhalb des Regierungslagers eröffnet. Konservative Kräfte und Gegner von Präsident Rohani träumten davon, die Leiden der prekarisierten Mittelklasse für ihren eigenen Vorteil zu nutzen. Sie glaubten, sie könnten vor den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen die Stimmung der Wähler dadurch beeinflussen, dass sie den Hexenkessel der wirtschaftlichen Sorgen anheizen – ganz im Stil von Ex-Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Jetzt allerdings ist der Deckel des Kessels in die Luft geflogen, politische Figuren aller Seiten haben sich das Gesicht verbrannt.

Diffuse Sehnsucht nach der Vergangenheit

Dieser überkochende Kessel ist die Folge der iranischen Wirtschaftspolitik. Und diese Situation ist keineswegs ausschließlich ein iranisches Phänomen, sondern manifestiert sich weltweit: Der Neoliberalismus und seine politischen sowie ökonomischen Folgen haben den Kapitalismus in eine Krise gestürzt. Die Rohani-Regierung ist daher auch nicht mehr besonders angetan von der Idee, sich vollends im globalen Wettbewerbsmarkt zu integrieren, da dies Auswirkungen hätte, die sie wohl lieber vermeiden möchte.

Iranische Exil-Royalisten und Regimegegner demonstrieren am 7. Januar 2018 in Los Angeles, Foto: Reuters
Verklärter Blick in die Vergangenheit: "Sogar die reaktionären Forderungen, die manche Demonstranten zuletzt gestellt hatten (wie etwa die nach der Rückkehr zur Diktatur von Mohammed Reza Pahlevi und seinem Vater) sind in Wirklichkeit die iranische Art, sich eine Rückkehr in die Vergangenheit zu wünschen – eine diffuse Sehnsucht, die von der breiten Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Lage zeugt", schreibt Bozorgian.

Sogar die reaktionären Forderungen, die manche Demonstranten zuletzt gestellt hatten (wie etwa die nach der Rückkehr zur Diktatur von Mohammed Reza Pahlevi und seinem Vater) sind in Wirklichkeit die iranische Art, sich eine Rückkehr in die Vergangenheit zu wünschen – eine diffuse Sehnsucht, die von der breiten Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Lage zeugt. Sie korrespondiert in gewisser Weise global mit der Unzufriedenheit von Bevölkerungsteilen in anderen Ländern, wie man am Beispiel des Brexit oder der Wahl Donald Trumps beobachten konnte.

Was bedeutet "Mäßigung?"

Als sich Hassan Rohani um die Präsidentschaft im Iran bewarb, präsentierte er sich als Erbfolger Rafsandschanis sowie als gemäßigter Politiker mit einer neoliberalen Wirtschaftsagenda. Doch vor dem Hintergrund einer allenfalls mäßigen ökonomischen Ausgangslage bleibt wohl nichts wirklich gemäßigt: Denn um unter den immer noch miserablen ökonomischen Bedingungen im Iran "Mäßigung" herzustellen, muss erst ein gravierender Wandel erfolgen. Und es müssen unliebsame Stimmen zum Schweigen gebracht werden.

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