Digitale Möglichkeiten nutzen

Zweitens muss die Identität der Flüchtlinge besser geschützt werden. Damit sind sowohl die Ausweispapiere und Dokumente als auch kulturelle Rechte gemeint. Flüchtlinge sollten die Möglichkeit erhalten, digital auf ihre Daten zuzugreifen und sich im Internet mit ihrer Community zu vernetzen.

Das wäre zum Beispiel mit einer sog. Blockchain-Technologie möglich, einem Datensystem mit vielen Teilnehmenden. So könnte man das Registrierungssystem der Vereinten Nationen für Flüchtlinge entsprechend nutzen, um die Verteilung von Nahrungsmitteln zu erleichtern, die Mobilität der Flüchtlinge zu erhöhen und den Zugang zu Online-Zahlungsdiensten zu verbessern. Das würde es den Flüchtlingen erleichtern, Geld zu verdienen und zu sparen.

Mit einem verbesserten Zugang zu Kommunikationsnetzen könnten Flüchtlinge leichter mit Familie und Freunden in Verbindung bleiben. Mit Internet für Flüchtlinge wäre es für Geberstaaten möglich, Programme wie das „digitale Klassenzimmer” und Online-Gesundheitskliniken zu unterstützen.

Solche Dienstleistungen für Flüchtlinge sind sonst oft schwer zu realisieren. Frauen, die in Situationen von Flucht und Vertreibung oft am meisten isoliert sind, würden besonders von den digitalen Angeboten profitieren.

Kontrolle der Papiere von Flüchtlingen auf ihrem Weg von der libanesischen Stadt Arsal zurück ins syrische Dorf Al-Jarajir
Aus dem Ausland kehrten bislang laut UNHCR kaum Flüchtlinge nach Syrien zurück. Im ersten Halbjahr lag ihre Zahl bei lediglich rund 13.000. Die syrische Flüchtlingskatastrophe ist dem UN-Hilfswerk zufolge die größte humanitäre Krise der Gegenwart. Nahezu zwölf Millionen Syrer sind auf der Flucht. 5,6 Millionen halten sich im Ausland auf, sechs Millionen als Binnenflüchtlinge im Land selbst.

Wiederaufbau frühzeitig planen

Wenn die Konflikte eines Tages enden – wann immer das sein mag -, muss die internationale Gemeinschaft den Wiederaufbau unterstützen. Nach Jahren gewaltsamer Auseinandersetzungen werden sich dann in Ländern wie Irak, Syrien und Sudan neue Möglichkeiten für Investitionen ergeben.

Für die Vertriebenen aus diesen Ländern wird der Wiederaufbau neue Chancen schaffen, weil er das Wachstum ankurbelt und Arbeitsplätze schafft. Eine Bauplanung für die gesamte Region könnte die Gesamtkosten senken und die Effizienz des Wiederaufbaus steigern.

Es ist wichtig, die Bausteine für die Nachkriegszeit jetzt schon zu entwerfen. Beispielsweise würde die Einrichtung einer neuen Arabischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung sicherstellen, dass die entsprechenden Finanzmittel dann zur Verfügung stehen. Diese Finanzinstitution könnte leicht vom Golf-Kooperationsrat unter Beteiligung der Europäischen Union, von China, Japan, den Vereinigten Staaten, der Asian Infrastructure Investment Bank und anderen Akteuren der internationalen Entwicklungszusammenarbeit finanziert und verwaltet werden.

Mit diesem dreigliedrigen Ansatz ist es möglich, die schwerste Flüchtlingskrise zu bewältigen, die die Welt seit Jahrzehnten erlebt hat.

Wenn es einen Zugang zum Arbeitsmarkt, verbesserte Kommunikation und entsprechende Voraussetzungen für den Wiederaufbau nach dem Krieg gibt, können die Menschen mit der Planung einer besseren Zukunft beginnen. Die Alternative - kurzfristige Hilfe ohne eine sinnvolle Strategie - würde nur weitere Enttäuschungen hervorrufen.

Nasser Saidi

Aus dem Englischen von Eva Göllner.

© Project syndicate 2018

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