Nachruf auf Tajjib Salich

Zeit der Südwanderung

Mit dem sudanesischen Kultautor Tajjib Salich verstarb am Mittwoch (18.2.) der bedeutendste arabische Erzähler nach Nagib Machfus. Eine Würdigung von Stefan Weidner.

Tajib Salich; Foto: &copy Unionsverlag
Weder politischer Propagandist noch "Schwarz-Weiß-Maler" - der sudanesische Schriftsteller Tajjib Salich starb im Alter von 80 Jahren in London.

​​Der Sudan war eine literarische terra incognita, ein weißer Fleck in den Atlanten der Poesie, bevor der im Alter von 80 Jahren verstorbene Tajjib Salich in den 1960er Jahren die brodelnde literarische Szene von Beirut betrat.

Er war ein Meister in der Kunst, zu beweisen, dass für die Literatur kein Ort zu klein, zu abgelegen, zu unbedeutend ist. Selbst jenes Dorf im Norden Sudans nicht, wo der Nil einen großen Knick macht, einmal in der Woche der Flußdampfer hält, tagein, tagaus die Wasserpumpe rattert – und in dem Salich 1929 geboren wurde.

In seinen Erzählungen und Romanen trägt es den Namen Wadd Hamid. Wir übertreiben nicht, wenn wir feststellen: Jeder arabische Leser kennt es.

Zeit der Nordwanderung

Salich galt trotz seines schmalen, nicht mehr als vier Bücher umfassenden literarischen Werks, das auf Deutsch komplett im Lenos Verlag vorliegt, zu den größten Autoren sowohl Schwarzafrikas wie auch der arabischen Welt.

Sein 1966 erschienener Roman "Zeit der Nordwanderung" zählt zu den ewigen Top Ten der modernen arabischen Literatur und ist für eine ganze Generation nahöstlicher Intellektueller ein Kultbuch gewesen ist, der literarische Startschuss für die arabischen Achtundsechziger.

Buchcover Tajib Salich im Lenos-Verlag
Salichs Roman "Nordwanderung" behandelt die Themenfelder Kolonialismus und Sexualität - aus der Perspektive eines sudanesischen Außenstehenden.

​​Zur Etikettierung der Geschichte des hochbegabten sudanesischen Intellektuellen Mustapha Said, der im England der 1920er Jahre studiert und, bloß um die ehemaligen Kolonisatoren zu demütigen, steile Karriere macht und zum "Erotomanen" wird, schien sich schon damals das Schlagwort vom clash of civilisations aufzudrängen.

Von heute aus gesehen erscheint Mustapha Said tatsächlich wie ein literarischer Vorfahr Mohammed Attas. Doch Tajjib Salich war nie ein politischer Propagandist oder "Schwarz-Weiß-Maler".

Und so gesellte er zu Mustapha Said als weiteren Helden einen Erzähler hinzu, der eine Generation später ebenfalls in England studiert und nun in sein Heimatdorf zurückkehrt, wo alles beim alten geblieben ist – außer dass sich inzwischen ein Fremder dort niedergelassen hat, der seine Neugier weckt: Mustapha Said.

Hier beginnt der Roman. Als er endet, hat Mustapha Said den Freitod im Nil gewählt, und der Erzähler, am Schlusspunkt seiner Nachforschungen angekommen und sich ebenfalls dem Nil anvertrauend, wählt in letzter Sekunde das Leben.

Dorfwelten

Der dritte Protagonist des Buches, ja fast aller Geschichten Tajjib Salichs, ist aber das erwähnte Dorf. In Salichs erster längerer Erzählung "Sains Hochzeit" war Wadd Hamid noch ein ländliches Idyll; in "Zeit der Nordwanderung" gerät es aus den Fugen.

Es ist keine Insel mehr im Strom der Zeit, sondern wird mit fortgerissen, und wer unter seinen Bewohnern nur sensibel genug ist, dies wahrzunehmen, gerät mit ins Schleudern.

Dem Nihilismus des entwurzelten Mustapha Said, weiß der Erzähler immerhin etwas entgegenzusetzen: "Ich werde leben, weil es einige wenige Menschen gibt, mit denen ich solange wie möglich zusammenbleiben möchte, und weil es Pflichten gibt, die ich erfüllen muss. Es interessiert mich nicht, ob das Leben einen Sinn hat oder nicht."

Postkoloniales Meisterwerk

Salichs Werk thematisiert nicht nur das Verhältnis Orient-Okzident, sondern führt auch einen subtilen Dialog mit der Literatur der ehemaligen britischen Kolonialmacht. Mustapha Said – der sich immer wieder mit Othello vergleicht – reist in das finstere Herz des nachviktorianischen Englands und vor allem in seine eigene Finsternis.

Und wie bei Joseph Conrad wird er von einem Erzähler beschrieben, der dem Geheimnis und der Faszination seines Vorgängers in das Herz der Finsternis auf die Spur kommen will. "Zeit der Nordwanderung" ist die beste postkoloniale Literatur avant la lettre!

Ein unbequemer Autor

​​Dabei wollte Salich vor allem eins nicht werden: Autor. Letztlich war es, wie er in einem Interview sagte, nichts als Heimweh, was ihn in London zum Schreiben brachte.

Nach England war er 1952 als Sprecher für den arabischen Dienst der BBC gegangen. Der bis zuletzt in der britischen Hauptstadt wohnende Salich verstand sich stets als gläubiger Muslim und trat zugleich als harter Kritiker des sudanesischen Regimes hervor, der die Vertreibungen und Morde in Darfur unmißverständlich verurteilte.

Er wurde dafür vom Sudan regelmäßig mit Einreiseverboten belegt. Im persönlichen Umgang freundlich, bescheiden, aber auch zurückhaltend, liebte er das Understatement. Jedes der großen Gedichte der klassischen arabischen Literatur, so betonte er, sei mehr wert als seine Romane.

"The Empire writes back"

Doch Literaturgeschichte, dies ist sicher, wird ein anderes Urteil fällen, wenngleich Salich bereits 1971 sein letztes größeres Werk vorlegte.

Der Roman "Bandarshah" ist ein dunkles, schwieriges, fast mystisches Buch. Damit war das Werk, mit dem Salich vor aller Theorie aufgezeigt hatte, wie die Ränder des einstigen britischen Imperiums literarisch zurückschlagen können, in nur zehn Jahren entstanden.

Gerade die jüngeren arabischen Schriftsteller berufen sich wieder auf ihn, vom ägyptischen Bestsellerautor Alaa Al-Aswani ("Der Jakubian-Bau"), bis zum englisch schreibenden, saudischen Schriftsteller Sulaiman Addonia, der im eben auf deutsch erschienenen Roman "Die Liebenden von Dschidda" seine beiden Helden gemeinsam "Die Zeit der Nordwanderung" lesen lässt wie einst Werther und Lotto ihren Klopstock.

Dass die vormaligen Karawanenwege des west-östlichen, nord-südlichen Literaturaustauschs heute vielbefahrene Highways sind, ist keinem mehr als Tajjib Salich zu verdanken: Zeit der (literarischen) Südwanderung!

Stefan Weidner

© Qantara.de 2009

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