Nach der Wiederwahl von Rohani

Neue Töne in Iran?

Im Iran gab es in der ersten Amtszeit von Präsident Rohani mehr Freiräume für Musiker. Jetzt hoffen die Künstler auf weitere Erleichterungen für ihre Arbeit nach der Wiederwahl Rohanis. Doch bisher sind musikalische Darbietungen mit großen Unsicherheiten verbunden und den Hardlinern ist sogar traditionelle religiöse Musik ein Dorn im Auge. Von Nahid Fallahi

Es ist unter islamischen Rechtsgelehrten umstritten, wie Musik zu beurteilen ist. Das spiegelt sich auch in der iranischen Politik wider. Während gemäßigte und reformorientierte Kräfte um den Präsidenten Konzerte erlauben, versuchen die Hardliner mit allen Mitteln, musikalische Aufführungen zu verhindern. Doch auch sie wissen, dass die Bevölkerung nicht auf Musik verzichten will. Deshalb nutzen sie diese Kunst für sich, wo sie nur können.

„Die Ahmadinedschad-Ära war ein großer Schock für die iranische Musik“, sagt der Komponist Karen Keyhani im Gespräch mit dem Iran Journal. „Der staatliche Rundfunk ist gegenüber der Musik nach wie vor negativ eingestellt. Zeitgleich ist jede musikalische Tätigkeit im Iran aufgrund der anhaltenden Einschränkungen mit großen Unsicherheiten verbunden.“ Der iranische Rundfunk wird von den Ultrakonservativen dominiert.

Einschränkungen, Störungen oder gar Verbote von Konzerten seien im Iran selbstverständlich geworden, bedauert Keyhani: „Es gibt sogar Gruppierungen, die nicht einmal religiöse Lieder von Mohammad Reza Schajarian, dem Meister des traditionellen Gesangs, tolerieren.“ So ist es kein Wunder, dass viele iranische Musiker in den vergangenen Jahren ihrer Heimat den Rücken gekehrt haben. Keyhani selbst hat in verschiedenen Ländern wie der Schweiz, Italien und den USA Konzerte gegeben.

Der Vorstandsvorsitzende der nichtstaatlichen iranischen Organisation „Khaneye Moussighi“ (Haus der Musik), die sich um die Belange der Musiker im Land kümmert, beschrieb Anfang Juni in einem Interview mit der Nachrichtenagentur ILNA die Lage so: „Wenn es um Musik geht, kommt es einem so vor, als ob wir in einem feudalen Land leben würden. Ständig erlaubt sich jemand, der sich stark fühlt, zu handeln, wie er gerade Lust hat. Diese Problematik bedroht die Existenz der Künstler und belastet ihre Psyche.“

Der Solo-Auftritt von Frauen ist tabu

Im Iran dürfen Sängerinnen nicht öffentlich vor Männern singen. Ihre Stimme würde Männer sexuell erregen, glauben die Ayatollahs. Nur als Background-Sängerinnen oder im Chor mit anderen Sängern dürfen sie auftreten. Offiziell dürfen sie allerdings vor weiblichem Publikum singen. Doch immer mehr Städte verbieten Frauen, überhaupt aufzutreten, sei es als Sängerin oder als Instrumentalistin.

Mitte Juli sagte Baran Rezai von der Band Sheyda der Nachrichtenagentur ILNA, dass Frauen nur in zwei Städten, Teheran und Sanandaj, Auftrittsmöglichkeiten hätten. Keine andere iranische Stadt habe in letzter Zeit Auftritte von Musikerinnen zugelassen.

2014 berichteten iranische Nachrichtenseiten, in 13 Provinzen dürften Musikerinnen nicht mehr öffentlich auftreten. Wer dieses Verbot veranlasst hatte, wurde nicht bekannt. Laut dem damaligen Vizekulturminister Pirouz Ardjmand, zuständig für Musik, hatte die Regierung Rohani damit nichts zu tun. „Wenn Künstlerinnen mit vorschriftsmäßiger Bekleidung und unter Beachtung der religiösen und gesellschaftlichen Regeln an einer Veranstaltung gemeinsam mit Männern teilnehmen, gibt es keine Bedenken gegen ihren Auftritt auf der Bühne“, so Ardjmand.

Im April dieses Jahres ließ er wissen, dass die Regierung in den vergangenen vier Jahren – in der ersten Amtszeit Rohanis – keine Konzerte abgesagt hat. Ihm zufolge fanden 2015 landesweit 3.000 Konzerte statt. Nach Angaben von Vertretern der derzeitigen Regierung hatte das Kulturministerium unter der Vorgängerregierung von Mahmoud Ahmadinedschad (2005 – 2013) nur 400 Konzerte zugelassen.

Hoffnung auf mehr

Auch Karen Keyhanfar sieht kleine, aber wichtige Änderungen unter der Regierung Rohani: „Das nationale Orchester hat seine Arbeit wieder aufgenommen. Es gibt wieder mehr Absolventen der Fachrichtung Musik. Die düstere Zeit für die klassische Musik scheint langsam ein Ende zu finden. Schahdad Rohani dirigiert das Teheraner Symphonieorchester, das älteste im Nahen Osten, das unter Ahmadinedschad aufgelöst worden war.

Der höchste Entscheidungsträger für Musikangelegenheiten im Kulturministerium ist fachkundig. Es werden mehr Konzerte genehmigt und die instrumentale klassische Musik braucht keine offizielle Genehmigung für Aufführungen mehr. In den Musikschulen, die in der Zeit von Ahmadinedschad sehr an Qualität verloren haben, gibt es spürbare Verbesserungen in der Leitung.“

Auch die Lage der verbotenen Underground-Musik soll sich etwas gebessert haben. Laut Pirouz Arjmand bemühe sich die Regierung Rohani, auch hier für Lockerungen zu sorgen. „Zum ersten Mal nach der Revolution wurden ihre Songs und Musikclips genehmigt. Das führt dazu, dass die Untergrund-Musiker ihre Arbeit offiziell anbieten können“, so Arjmand.

Nach der Wiederwahl von Hassan Rohani wächst die Hoffnung, dass sich die Lage der Musik und ihrer Schöpfer weiter verbessert. Die Wahl seines neuen Kulturministers wird zeigen, ob diese Hoffnung eine reale Basis hat. Ob der gemäßigte Rohani es gar erreicht, dass Solo-Sängerinnen vor gemischtem Publikum auftreten dürfen? Man wird abwarten müssen.

Nahid Fallahi

© Iran Journal 2017

Aus dem Persischen von Iman Aslani.

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Leserkommentare zum Artikel: Neue Töne in Iran?

Dem Beschriebenen ist wenig hinzuzufügen - außer, dass sich die vorgegebenen Regeln jederzeit änden können und mal mehr, mal weniger großzügig ausgelegt werden. Dazu gesellt sich viel Widersprüchliches. Vor nicht allzu langer Zeit berichtete mir ein iranischer Musikverleger, dass er keine Hörbücher mit Texten des persischen Großdichters Hafez veröffentlichen dürfe, weil die angeblich erotische Aspekte enthielten. In Buchform könne man die Werke aber überall erwerben und nachlesen. Kurz vor unserem Gespräch war die Heavy-Metal-Band Kahtmayan zweimal in der Hauptstadt aufgetreten - rein instrumental, vor ausverkauftem Haus. Wenig später berichteten ausländische Medien, dass zwei Metal-Sänger wegen Blasphemie angeklagt seien und vor Gericht gestellt würden. Der Unterschied scheint also darin zu liegen, ob und was man singt. Deshalb sah das Ershad, das Ministerium für Islamische Angelegenheiten, wohl auch kein Problem darin, ein Konzert der Gipsy Kings zu genehmigen, das vor wenigen Tagen in Teheran stattfand. Das dankbare Publikum feierte die internationalen Musikstars begeistert und nahm dabei routiniert in Kauf, von Aufpassern am Tanzen gehindert und auf die Plätze zurückverwiesen zu werden. Neben solchen Musikdarbietungen in öffentlichen Räumen gibt es die im privaten Rahmen konsumierte Musik. Die unterliegt naturgemäß keiner Kontrolle, auch nicht der der Geschmackspolizei. So hört man dort viel Uniformes aus den exiliranischen Gemeinden in den USA und in Europa, aber natürlich auch internationale Popmusik, zum Beispiel Adele, die vermutlich meistgehörte Sängerin unter jungen und junggebliebenen iranischen Großstädtern. Und wenn Letzteren nach Techno-Klängen zumute ist, dann fahren diese mit ihren Allradfahrzeugen in die Wüste - bis dorthin, wo ihnen kein Sittenwächter mehr folgen kann.

Bernd G. Schmitz12.08.2017 | 12:39 Uhr