Nach den IS-Terroranschlägen in Brüssel

Eliminierung der Grauzone

Nun wird wieder allerorten kommentiert, dass die brutalen Attentate in Brüssel ein Anschlag auf die westliche Lebensweise und Freiheit seien. Derweil ist die Strategie und Taktik des sogenannten "Islamischen Staates" weit ausgefeilter, als so mancher Post-Anschlags-Kommentar. Von Karim El-Gawhary

In den europäischen Medien wird bislang kaum beleuchtet, dass die Dschihadisten ein bestimmtes strategisches Ziel verfolgen, das sie sehr offen diskutieren: Ihnen geht es vor allem darum, auch in Europa eine Welt in "Schwarz und Weiß" zu schaffen. Jede "Grauzone" müsse eliminiert werden, fordern sie. Gemeint ist damit die Koexistenz zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Ihr Ziel ist es, Europa weiter zu polarisieren, in der Hoffnung  dann die Muslime in Europa mit ihrer Hassbotschaft mobilisieren zu können.

Ausführlich wurde diese Idee der "Eliminierung der Grauzone" unter dem gleichen Titel im IS-Online-Magazin "Dabiq" nach den Anschläge gegen die Satire Zeitschrift Charlie Hebdo im Februar letzten Jahres diskutiert, also lange vor der darauffolgenden Anschlagserie in Paris vom vergangenen November und der jüngste nun in Brüssel. In dem englischsprachigen Artikel wird die Welt in zwei Lager eingeteilt, dem des Islam mit seinem neuen Kalifat in der Führungsrolle und dem "Lager der Ungläubigen" und der "Kreuzfahrer-Staaten". Zitiert wird darin auch Bin Laden, der einmal sagte, dass George W. Bush Recht hatte, mit seiner Aussage, "Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns und mit den Terroristen", denn entweder, so Bin Ladens Retourkutsche: "Seid Ihr mit dem Islam oder mit den Kreuzfahrern?"

Kein Erbarmen für Renegaten

Cover des IS-Magazins Dabiq
Perfide Strategie der gesellschaftlichen Polarisierung: Anschläge wie in Brüssel oder Paris haben das Ziel, Europa zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu spalten. Sie sollen die Muslime zu einer Entscheidung zwingen, sich der dschihadistischen Ideologie anzuschließen. Dabei hoffen die IS-Dschihadisten auch auf eine europäische Reaktion, die die in Europa lebenden Muslime ausgrenzt, in der Hoffnung, dass diese Muslime sich dann einfacher für den Dschihad rekrutieren lassen.

Muslime, die nicht in dieses Bild passen und "der Grauzone angehören", müssten – so das Credo des Artikels – ausgelöscht werden. Erstmals sei diese "Grauzone" von den Anschlägen des 11. September ins Wanken gebracht worden. Später sei die angestrebte Spaltung Europas durch den Arabischen Frühling noch einmal in Gefahr geraten. Ein Arabischer Frühling, der von Apostaten getragen worden sei – also von Menschen, die ihrer Religion abtrünnig geworden seien, aber auch von anderen Sekten oder schiitischen Muslimen, wie etwa bei den Aufständen in Bahrain.

Doch spätestens mit der Entstehung des sogenannten "Islamischen Staates" und des Kalifats, so wird in "Dabiq" weiter argumentiert, gäbe es für Muslime keine Ausrede mehr, nicht am Krieg gegen die Ungläubigen teilzunehmen. Der Aufbau des Kalifats hätte jedem individuellen Muslim das Gefühl gegeben, zu etwas Größerem zu gehören, heißt es dort.

Ergo: Muslime, die sich in dieser Polarisierung neutral verhalten oder ihre Unabhängigkeit von der Dschihad-Ideologie bewahren, werden in dem Kontext als "Sünder" gebrandmarkt. Wer sich als Muslim nicht im Sinne des IS versteht, müsse als Abtrünniger seiner Religion behandelt werden.

Anschläge wie in Brüssel oder Paris haben also vorwiegend das Ziel, Europa zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu spalten. Sie sollen die Muslime zu einer Entscheidung zwingen, sich der dschihadistischen Ideologie des IS anzuschließen. Dabei hoffen die Dschihadisten des sogenannten "Islamischen Staates" auch auf eine europäische Reaktion, die die in Europa lebenden Muslime ausgrenzt, in der Hoffnung, dass diese Muslime sich dann einfacher für den Dschihad rekrutieren lassen.

Weltweiter Aufruf zum bewaffneten Kampf

IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi hatte letzten Mai in einer Audio-Botschaft die Muslime weltweit aufgefordert, sich zu bewaffnen. Dabei hatte er auch auf einen einfachen Mechanismus hingewiesen. Je mehr die Muslime, etwa in Europa, ausgegrenzt werden, desto mehr werden sie anfällig für die Ideologie des IS.

"Die Kreuzfahrer behaupten, sie wären nicht gegen die muslimische Öffentlichkeit als solches, sondern gehen nur gegen diejenigen vor, die bewaffnet seien", erklärte Al-Baghdadi in seiner Botschaft. Aber, fügte er an die Muslime gerichtet fort: "Ihr werdet bald sehen, dass sie gegen alle Muslime vorgehen. Und wenn die Kreuzfahrer in den Ländern des Kreuzes die Muslime überwachen, verhaften und verhören, werden sie bald beginnen sie zu deportieren, sie werden tot sein, gefangen oder ohne Heimat. Sie werden niemanden in Ruhe lassen, außer jene Muslime, die von ihrer Religion abtrünnig geworden sind und die ihrer folgen."

Die Autoren des Artikels im IS-Magazin haben eine klare Schlussfolgerung parat. "Irgendwann wird die Grauzone ausgestorben sein, dann wird es keinen Platz mehr für die Grautöne und ihre Bewegungen, sondern  nur noch das Lager der Gläubigen gegen das der Ungläubigen geben".

IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi; Foto: picture-alliance/AP
Wer nicht für uns ist, ist gegen uns: "IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi hatte letzten Mai in einer Audio-Botschaft die Muslime weltweit aufgefordert, sich zu bewaffnen. Dabei hatte er auch auf einen einfachen Mechanismus hingewiesen. Je mehr die Muslime, etwa in Europa, ausgegrenzt werden, desto mehr werden sie anfällig für die Ideologie des IS", schreibt Karim El-Gawhary.

Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten

Manche der IS-Aussagen finden bei rechtspopulistischen europäischen Bewegungen ihre Entsprechung, die Europa auch gerne in zwei Lager aufteilen und die die Muslime im Namen der Rettung des Abendlandes ausgrenzen wollen. In diesem Sinne sind Pediga und die ihren wahrscheinlich der beste Freund des IS in Europa. Und ein Online-Manifest des norwegischen Attentäters und Islamhassers Breivig liest sich fast wie eine IS-Streitschrift von der andern Front im Kampf der Zivilisationen.

Nach jeder Anschlagserie in Europa, wie jetzt in Brüssel, wird diskutiert, wie sich Europa schützen und verteidigen kann. Und auch jetzt werden neue Sicherheitsmaßnahmen diskutiert, die notwendig sind, die am Ende aber auch keine ultimative Sicherheit schaffen werden. Gerade diese Sicherheitsmaßnahmen bedürfen eines Fingerspitzengefühls, wenn sie nicht zu einer Radikalisierung einer weiteren Generation junger Muslime in Europa führen sollen. 

Die wichtigste politische Aufgabe Europas aber ist es, nicht in die Schwarz-Weiß-Falle zu tappen, die der IS ausgelegt hat und mit der er auf fette Rekrutierungsbeute hofft.  Das beste Gegenmittel gegen das ideologische Gift des IS, bleibt die von ihr so verhasste Grauzone gelebter Koexistenz.

Karim El-Gawhary

© Qantara.de 2016

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Leserkommentare zum Artikel: Eliminierung der Grauzone

Denke eher die "ausgefeilte" Taktik wird von manchen si interpretiert und ist halt ein schönes Argument gegen den Rechtsdruck. Damit lässt sich das Motto "Lasst uns doch alle friedlich zusammenleben" besser verkaufen. Ich denke jedoch nicht das die Jihadisten so weitblickend und taktisch planen. Die müssen sich halt nach den Möglichkeiten richten die sie haben... Und außer irgendwelche Affen mit Sprengstoffgürtel loszuschicken bleibt ihnen halt nicht viel.

Martina24.03.2016 | 07:48 Uhr

Ich stimme zu, dass der IS spalten will und durch Krisen am meisten Zulauf bekommt. Nur: die Probleme der Integration islamischer Bevölkerungsgruppen waren schon vor dem IS da und auch nicht nur in Belgien sondern auch in anderen europäischen Ländern, in USA, Südafrika, etc. Wir beobachten nicht nur bei den Einwanderern der 2. Generation, sondern auch bei vielen Muslimen in ihren Heimatländern ein Minderwertigkeits- oder Ohnmachtsgefühl, dass sie dazu veranlasst den Westen zu hassen. Dass die meisten muslimisch geprägten Gesellschaften nicht gerade für ihre Friedfertigkeit, Liberalität, und Innovationsfreudigkeit bekannt sind und das vielleicht der Grund ist, warum sie in der Entwicklung zurück bleiben, wird dagegen gerne verschwiegen.
Ich halte den Islam für zwiespältig und in seiner Wirkung für sehr problematisch. Er ist eine Anhängerreligion, der für Gläubige durchaus auch friedliche und soziale Regeln bereithält. Für Anders- oder Ungläubige ist er aber ausgrenzend oder gar tödlich.
Nachdem viele (nicht alle) Täter sogar im Westen aufgewachsen sind, folgern jetzt einige Kommentatoren, dass unsere Gesellschaft schuld sei, dass die Integration nicht gelungen ist und wir wegen dem IS-Terror jetzt erst recht unsere Wilkommenskultur verstärken müssen.
Das ist letztlich eine sich selbstimmunisierende Theorie, die von falschen Voraussetzungen ausgeht und die Verantwortung der Muslime auf die aufnehmende Gesellschaft abschiebt.
Ich muss inzwischen sagen, dass ich nicht (mehr) bereit bin Kompromisse bei meinen kulturellen Werten, den Freiheitsrechten oder bei der öffentlichen Sicherheit einzugehen. Zudem halte ich es für ein extrem gefährliches gesellschaftspolitischen Experiment weiterhin unkontrolliert und ohne Obergrenze Menschen in unser Land zu lassen, ohne die gesellschaftliche und wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit zu berücksichtigen. In der Geschichte sind schon einige Utopien grandios gescheitert - ich habe keine Lust beim Entstehen eines weiteren Kapitels tatenlos zuzusehen.
Auch wenn jedes Individuum anders und jeder Verallgemeinerung falsch ist: Es ist immer auch eine Frage der Anzahl: Parallelgesellschaften, wie wir sie aus den Banlieus, in Molenbeek, oder auch in anderen Vierteln in unserer Nähe kennen, müssen ausgetrocknet werden. Das geht nur, wenn die Gesellschaft jetzt einmal eine Verschnaufpause bekommt, nicht Integrationswillige oder Straffällige konsequent abschiebt und für einige Jahrzehnte nur noch begrenzte Kontingente von qualifizierten Einwanderern aufnimmt. Dann wird sich auch das Klima ggü. Ausländern wieder entspannen und normalisieren. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin auch dafür die "Fluchtursachen", so es überhaupt in unserer Macht steht, zu bekämpfen und humanitäre Hilfe vor Ort für Menschen in Not zu leisten. Aber eine Gesellschaft kann nur dann dauerhaft helfen, wenn sie sich nicht vorher aufgegeben hat.

Wernus24.03.2016 | 10:35 Uhr