Nach den ausländerfeindlichen Übergriffen in Chemnitz

#WirSindMehr: Mit Empathie fängt Menschlichkeit an

Beleidigungen, Hetze und Gewalt – ist das die Antwort einer aufgeklärten, demokratischen Gesellschaft, die von humanen Wertvorstellungen geprägt ist? Fereshta Ludin, deutsche Lehrerin afghanischer Herkunft aus Kabul, mit einem Plädoyer für mehr Menschlichkeit und Toleranz gegenüber Geflüchteten.

Ich bin kein Flüchtling mehr und auch keine Asylsuchende. Aus meinen Erinnerungen kann ich dennoch diese Phase meines Lebens nicht auslöschen. Sie ist ein Bestandteil dessen, weshalb ich hier bin. Ein Teil meiner Existenz.

Nicht vergessen bleibt, dass Afghanistan durch die Weltmacht Russland in den achtziger Jahren zum größten Minenfeld der Welt gemacht wurde und nach dem Abzug der Sowjets aus Afghanistan das Land seit über vierzig Jahren ein Bürgerkriegsgebiet ist.

Hoffnung auf Menschlichkeit und Schutz

Heute befindet sich Afghanistan in einem bewaffneten Interessenkonflikt, aus dem das Land nicht herauszukommen scheint. Ein Land, in dem kein sicheres und friedliches Leben gewährleistet werden kann. Heimatlos, entwurzelt und hilfesuchend kommen viele Menschen zu uns. Aus Afghanistan, aus Syrien, aus vielen Teilen der Erde. Kriege und Naturkatastrophen sind häufig die Ursachen. Es kommen Menschen. Was sie erwarten: Eine Chance auf Leben, in Würde. Menschlichkeit und Schutz.

Was geben wir ihnen? Wie antworten wir auf ihre Hilflosigkeit? Wie reagieren wir darauf? Welche Mimik und Gestik vermitteln wir ihnen? Die einzige Sprache, die Flüchtlinge, wenn Sie zu uns kommen, verstehen können. In welcher Sprache und in welchem Ton pflegen wir mit ihnen zu sprechen? Kennen wir ihre Geschichte und wissen wir, was sie durchgemacht haben? Welche Auswirkung hat Ihr Leid, auf ihre Gesundheit, auf ihre Psyche und Körper? Wissen wir, was sie aufgeben mussten, damit sie den Weg zu uns schaffen? Wissen wir, ob sie je in der Lage sein werden, zurückzukehren, oder ob sie hier je Fuß fassen können?

Können wir das Leid nachempfinden?

Ich kannte Flüchtlinge, die zehn Jahre wartend auf ihre Anerkennung in Heimen wohnen mussten. Wissen und fühlen wir, was diese Menschen täglich erleben und empfinden?

Die Einen helfen, geben und opfern, damit diesen Menschen hier ein würdevolles Leben führen können. Dann reagierte manch einer mit Ablehnung, Distanz und Verdrängung und Gewaltakten. Allein oder in Gemeinschaften. Immer mehr öffentlich.

Die Hilfsbedürftigkeit und Not unserer Mitmenschen, die weder hier noch woanders ein Zuhause, ein Dach über den Kopf haben und Sicherheit empfinden, ist Teil unserer Realität in Deutschland, wo auch immer sie herkommen. Wir verdrängen das Leben von Menschen, die ihre Liebsten verloren haben, ihre Häuser, ihre Erinnerungen, ihr Hab und Gut und sogar ihre Würde. Ihre Suche ist nach einem neuen Ort, nach einem neuen Umfeld, nach einer neuen Gesellschaft und Werte, die ihnen ihre Würde wiederherstellen.

Fühlen wir mit, wie sich Geflüchtete, Hilfsbedürftige, Schutzsuchende fühlen, wenn sie herablassende Kommentare von uns und von Politikern hören? Und wie fühlen sie sich, wenn Märsche gegen ihr Bleiberecht organisiert werden? Können wir ihre Traumata nachempfinden, wenn sie erleben, dass viele hunderte Flüchtlingsheime jährlich bei uns brennen, organisierte Angriffe, Gewalttaten und Anschläge auf Flüchtlingsheime stattfinden? Ist das die Antwort einer aufgeklärten, demokratischen, von menschlichen und humanen Werten geprägten Gesellschaft?

Wir können es besser. Mit Empathie fängt Menschlichkeit an. Menschlichkeit ist das Herz einer Identität. Feindschaft sein Versagen.

Fereshta Ludin

© Qantara.de 2018

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