Tuba Isik-Yigit und Kristina Schröder auf der Islamkonferenz 2010; Foto: dpa
Nach den Anschlägen in Norwegen

Wir brauchen endlich eine ''transkulturelle Gesellschaft“!

Die Anschläge in Oslo haben die Fundamente der europäischen Gesellschaften tief erschüttert. Wie können Deutschland und Europa auf die Bedrohungen durch Rechtsextreme und Populisten am besten reagieren? Antworten von Kamuran Sezer

Mit den abscheulichen und brutalen Anschlägen in Oslo hat die vermeintliche Islamkritik in Deutschland und in ganz Europa nun endgültig ihre Unschuld verloren!

Konnten die sogenannten Islamkritiker stets auf den 11. September Bezug nehmen, so haben die Gegner der Islamkritik mit den Anschlägen in Oslo ein Datum, das die empirische Evidenz für ihre Kritik an der Islamkritik liefert. Dies jedoch kann und sollte für niemanden ein Trost sein:

76 Menschen sind den Anschlägen zum Opfer gefallen. Da sind Haut- und Haarfarbe, religiöse Überzeugungen und ethnische Herkunft irrelevant – denn am Ende dieser schrecklichen Tat bleibt nämlich nur die einzig evidente Erkenntnis übrig, dass die große Trauer in ganz Europa die gleiche ist. Aus diesem schrecklichen Ereignis müssen drei Lehren gezogen werden.

Erstens: Wir müssen uns wieder auf die "Mitte der Gesellschaft" besinnen!

Vor allem sollten wir uns dabei bewusst machen, dass die Mitte der Gesellschaft schon lange multiethnisch und multireligiös aufgestellt. Multikulti ist also alles andere als tot! Im Gegenteil: Die multiethnische Gesellschaft stellt sogar den einzigen Lösungsweg dar, um gesellschaftlichen Frieden und ökonomischen Wohlstand nachhaltig zu garantieren.

Kamuran Sezer; Foto: privat
Kamuran Sezer: "Wir brauchen endlich eine transkulturelle Gesellschaft, die durch die Mitte der Gesellschaft akzeptiert wird. Denn sie ist die beste Antwort und der beste Weg, Brandstiftern allen Couleurs ihre Grenzen aufzuzeigen."

​​Denn die Anschläge in Oslo haben uns auf schmerzvolle Weise vor Augen geführt, dass die Sicherheit einer Gesellschaft von ihren extremistischen Rändern bedroht wird – und nicht von konstruierten Geistern, die von politischen Partikularinteressen instrumentalisiert wurden. Nach Oslo haben wir nun endgültig die Erkenntnis gewonnen, dass der Extremismus viele Gesichter haben und Mohammed Atta oder Anders Behring Breivik heißen kann.

Zweitens: Plädoyer für eine transkulturelle Identität

Die soziodemografischen Parameter sind irreversibel, und sie können nur durch einen Akt gewalttätiger Intervention rückgängig gemacht werden, die die Grundlagen einer Gesellschaft fundamental erschüttern würden.

Wir werden nicht, sondern wir sind bereits eine multiethnische und multireligiöse Gesellschaft, die nicht mit dem Deutschen oder dem Christentum beginnt und beim Türken oder dem Islam aufhört. In Deutschland leben über 90 Nationen – aus allen Ecken der Welt und mit allen bekannten sowie unbekannten Religionen und Sprachen.

Deswegen ist eine transkulturelle Identität die unabdingbare Voraussetzung. Wir benötigen einen konsensualen Wertekonsens, der verschiedenste Identitäten und religiöse Bezüge zusammenfasst.

Das Konzept der transkulturellen Gesellschaft bildet damit einen referentiellen Mittelpunkt, der an alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen adressiert ist. Eine solche Gesellschaft stellt damit nicht nur an die Aufnahmegesellschaft Forderungen. Auch die Einwanderer sind aufgefordert, an dieser Gesellschaft zu partizipieren. Traditionen, Bräuche und Sitten müssen daher kritisch reflektiert werden.

Junge Migranten und Integrationskurs "Deutsch als Fremdsprache"; Foto: picture alliance
Für gleiche Bildungschancen und Teilhabe an gesellschaftlichem Wohlstand in Deutschland: Junge Migranten und Integrationskurs "Deutsch als Fremdsprache"

​​Der effektivste Weg dorthin verläuft über den gesellschaftspolitischen Dialog. Im weitesten Sinne stellen die Islamkonferenz und der Integrationsgipfel solche oder ähnliche Verhandlungsforen dar, auch wenn sie in den vergangenen Jahren ihre originären Ziele zunehmend aus den Augen und damit an Bedeutung verloren haben.

Die Verhandlungsforen sind aber für die Bildung und Verstetigung der transkulturellen Gesellschaft wichtig. Denn dort funktioniert der Aushandlungsprozess jenseits der Profit- und Machtlogik politischer und ökonomischer Partikularinteressen und der Medien. Bei Letzteren muss gar kritisch angemerkt werden, dass sie sich einer “Empörungsindustrie” bedienen, von der sie nicht nur ökonomisch und politisch profitieren, sondern auch einseitige Zerrbilder der multiethnischen und religiösen Realitäten in der Gesellschaft vermitteln.

Drittens: Umfassende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben

Die multiethnische und multireligiöse Gesellschaft muss zum Normalfall der gesellschaftlichen Realität werden, auch wenn wir hiervon in Deutschland noch ein ganzes Stück entfernt sind.

Gehört der Islam zu Deutschland oder nicht? Sind wir ein Einwanderungsland oder doch nicht? Benötigen wir eine aktive Einwanderungspolitik? Und wenn ja, wie soll die Integration der Einwanderer aussehen? Und nach welchen Kriterien beurteilen wir erfolgreiche Integration?

Diese Grundsatzdebatten sind aber Scheindebatten, die vom Wesentlichen ablenken: Es geht um Zugang und Verteilung von gesellschaftlicher Macht und Wohlstand. Die transkulturelle Gesellschaft wird daher nur funktionieren, wenn Arbeit, Bildung, Partizipation und gesellschaftliche Anerkennung allen Bürgern gleichermaßen zuteil wird. Und dies kann nur gelingen, wenn in der Aufnahmegesellschaft auch die Einsicht und Bereitschaft wächst, dies mit den bereits in Deutschland lebenden Einwanderern sowie künftigen Immigranten auch wirklich umfassend zu teilen.

Kamuran Sezer

© Qantara.de 2011

Kamuran Sezer ist Soziologe und Gründer des sogenannten "futureorg Instituts", eine Denkfabrik für Integration, Migration und "Ethnic Business", die eine Sozialstudie über die türkischen Akademiker und Studierenden in Deutschland (TASD-Studie) gemacht hat.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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