Mythos von der Nicht-Säkularisierung von Muslimen

Stiller Rückzug statt Islamisierung

Während die entstehende Religionsdemografie nur Kirchenmitglieder als Christen zählt, gelten Hindus, Juden, Muslime u.a. als von Geburt an religiös – ohne Möglichkeit zum Austritt. Dies verzerrt die Statistiken und Wahrnehmungen. Ein Essay von Michael Blume

Sie machen sich Sorgen um das "christliche Abendland"? Dann hätte ich einen einfachen Vorschlag: Lassen Sie uns doch zukünftig alle Deutschen statistisch als "Christen" zählen, die irgendwie Weihnachten begehen. Voila – die gesamte Bundesrepublik einschließlich der neuen Bundesländer wäre auf einen Schlag wieder dominant christlich!

Wenn Sie an dieser Stelle schmunzeln, dann haben Sie den Fehler gefunden. Gestützt auf die klassische Kirchensoziologie werden Christinnen und Christen gemeinhin nur dann als solche gezählt, wenn sie getauft wurden und einer Kirche angehören, für die sie normalerweise auch Beiträge bzw. Kirchensteuern bezahlen.

Entsprechend werden in den nationalen Statistiken, aber auch in verdienstvollen, internationalen Erhebungen zum Beispiel des Pew-Institutes auch Jahr für Jahr jene Menschen zu Konfessionslosen, die gar nicht erst getauft wurden oder die aus ihrer Kirche ausgetreten sind. Konfessionslose PEGIDA-Demonstranten werden nicht schon dadurch statistisch zu "Christen", dass sie zur "Verteidigung des Abendlandes" Weihnachtslieder vom Blatt lesen.

Der Islam kennt keinen formalen Ein- und Austritt

So weit, so richtig. Doch leider wird diese Trennschärfe, die Säkularisierungsprozesse sichtbar macht, bislang bei Angehörigen anderer Religionen nicht angewandt. Als Jüdin, Hindu oder Muslimin wird man geboren und es ist keinerlei spezielles Ritual und auch keine Verbandsmitgliedschaft notwendig, um weiterhin dazu zu gehören. Mehr noch: Vom Übertritt zu einer anderen Religion abgesehen gibt es gar keine Stelle, bei der man einen formalen "Austritt" erklären könnte! Einmal Muslim, immer Muslim, mindestens "Kulturmuslim" - auch wenn die Religion im Leben kaum mehr eine Rolle spielt oder die eigene Einstellung im privaten Rahmen längst eher mit Agnostizismus oder Atheismus beschrieben wird.

Eine Folge dieses "Details" ist, dass Statistiken für Europa und die Welt eine vermeintliche "Islamisierung" mit einem "Schrumpfen der Kirchen" kontrastieren und entsprechend "prognostizieren", schon ab 2050 oder 2070 werde es global gesehen "mehr Muslime als Christen" geben!

 Pegida-Protest gegen Moscheen in Dresden; Foto: Getty Images/AFP/R. Michael
"Gerade auch im Hinblick auf Angst- und Hassprediger gilt es klarzustellen: Deutschland und die Welt werden heute ebenso wenig 'islamisiert' wie sie am Anfang des 20. Jahrhunderts 'judaisiert' wurden. Stattdessen tritt neben die zunehmende, religiöse Vielfalt eine schnell wachsende Zahl an Menschen, denen ihre religiöse Herkunft keinen Monatsbeitrag mehr wert ist und die das Weihnachts- oder das Zuckerfest nur noch als kulturelle Traditionen begehen", schreibt Michael Blume.

Tatsächlich sind diese Vergleiche statistischer Quatsch – und würden erst dann Sinn machen, wenn entweder alle kulturell christlich Geprägten weiterhin als "Christen" oder nur verbandlich organisierte Muslime als "Muslime" gezählt würden. Empirische Befragungen – wie zum Beispiel zuletzt für die Deutsche Islamkonferenz 2009 – zeigen, dass nur noch eine Minderheit der Muslime in Deutschland "täglich betet"; vom fünfmal täglichen Pflichtgebet ganz zu schweigen.

Erhebliche Prozentanteile gaben dagegen an, "nie" oder "selten" zu beten. Und dabei sind selbst solche Studien beispielsweise auch des Bertelsmann Religionsmonitors wiederum auf Freiwilligkeit angewiesen – wer sich selbst gar nicht (mehr) als Muslim bezeichnet oder keiner bestimmten Konfession (Sunniten-, Schiiten- oder Alevitentum) zurechnen will, wird meist gar nicht mehr erfasst! Damit aber erreichen solche Befragungen wiederum nur immerhin noch bekennende Ausschnitte "der Muslime", die dann wiederum auf die Gesamtheit projiziert werden.

Bislang geringer Organisationsgrad unter "Muslimen"

Auch beim letzten, bundesdeutschen Zensus war die Frage nach der Religionszugehörigkeit nur für Mitglieder von Körperschaften des öffentlichen Rechts verpflichtend, also für Muslime und Angehörige anderer Religionen freiwillig – und prompt fiel die Zahl der "Muslime" kaum halb so hoch aus wie erwartet! Über die Gründe der Nicht-Antworten kann mangels einschlägiger Forschungen nur spekuliert werden; doch selbst auf Basis der vorliegenden Daten ist die Vermutung gerechtfertigt, dass vielen vermeintlichen "Muslimen" ihre religiöse "Zugehörigkeit" einfach wenig oder nichts mehr bedeutet.

Konkret äußert sich dieses Missverständnis auch in beliebten Vorwürfen an "die deutsche Politik", die mit den "islamisch-konservativen Verbänden" anbandeln würden, wobei letztere doch "nur einen kleinen Teil der Muslime in Deutschland" repräsentierten. Dabei wären nach meiner Erfahrung ausnahmslos alle demokratischen Politikerinnen und Politiker unseres Landes sogar sehr erfreut, wenn es zahlenmäßig bedeutende, liberal-islamische Verbände gäbe!

Tatsächlich ist die Bereitschaft säkular und liberal gesinnter Muslime aber bislang sehr gering, sich zu eigenen Verbänden zusammenzuschließen und für diese Engagement, Spenden und Beiträge zu leisten. In den islamisch geprägten Ländern hat dies auch wenig Tradition, da private Stifter, Sufi-Orden und vor allem der Staat Moscheen, Lehrpersonal usw. bereitstellen.

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Leserkommentare zum Artikel: Stiller Rückzug statt Islamisierung

'Gerade auch im Hinblick auf Angst- und Hassprediger gilt es klarzustellen: Deutschland und die Welt werden heute ebenso wenig "islamisiert" wie sie am Anfang des 20. Jahrhunderts "judaisiert" wurden.'

Gab es denn Anfang des 20. Jahrhundert auch relevante jüdische Angst- und Hassprediger? Ich find den Artikel insgesamt recht interessant und aufschlussreich, aber diesen bestenfalls unglücklichen Vergleich hätte man sich sparen sollen.

Dão08.12.2016 | 16:45 Uhr

Sehr geehrte/r @Dao,

haben Sie herzlichen Dank für Ihre Rückmeldung!

Tatsächlich betrachte ich den Sachverhalt gerade aus der anderen Perspektive: Dass die Juden Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland überwiegend sehr gut integriert, überdurchschnittlich gebildet, gesellschaftlich integriert und von Säkularisierungsprozessen betroffen waren, änderte nichts an der weiten Verbreitung antijüdischer Vorurteile und Ängste. Obwohl eine "Verjudung" objektiv nicht stattfand, wurde sie behauptet. Entsprechend rate ich, diese bittere, historische Erfahrung bei der Beurteilung religiöser Minderheiten und Verschwörungsvorwürfe stets zu reflektieren. Der Glauben an Superverschwörungen und die "Unterwanderung" einer Mehrheitsgesellschaft durch religiöse Minderheiten sagt oft weit mehr über den Zustand der Gesellschaft insgesamt als über die beschuldigte Minderheit aus. Eine Aufgabe von Wissenschaft ist es m.E. daher, solche Vorwürfe empirisch, historisch und auch sozialpsychologisch zu hinterfragen und dazu beizutragen, dass sich Fehlurteile nicht festsetzen oder gar wiederholen. So sind m.E. klare Anzeichen für Integrationsprobleme sowie die Verbreitung extremistischer Einstellungen auch unter Muslimen zu erkennen; für den Mythos einer verschwörerisch geplanten Unterwanderung (eines Geburtendschihad u.a.) finden sich jedoch keinerlei haltbare Belege.

Dr. Michael Blume12.12.2016 | 08:42 Uhr

Es gibt mehrere Völker; die sich seit Jahrhunderten kriegerisch gegen die Islamisierung,
Christianisierung und Judaisierung wehren müssen und wirklich Frei vor Gott und der Natur sind.
Bleiben sie bei ihrem Bücherglauben.

TK17.12.2016 | 07:00 Uhr