Muslimischer Poetry Slam

Muslimischer Poetry Slam: Die "5 Säulen des i,Slam"

Mit Worten in der muslimischen Community etwas verändern: Im Gespräch mit Barabara Teichelmann erklären Youssef Adlah und Younes Al-Amayra, die Initiatoren von "i,Slam", warum der Poetry Slam für Muslime wichtig ist.

Youssef Adlah, Younes Al-Amayra, der Poetry Slam wurde Mitte der 1980er Jahre in den USA erfunden. 2011 habt Ihr den ersten muslimischen Dichterwettstreit ausgetragen. Wie kam es dazu?

Younes Al-Amayra: Youssef ist damals bei einem Slam in Kreuzberg aufgetreten, er hat einen satirischen Text über die Mehrheitsgesellschaft vorgetragen. Das Publikum hatte Spaß, die Botschaft ist angekommen, er hat den zweiten Platz gemacht. Für uns war das eine Erkenntnis: Du kannst jede Kritik anbringen, es geht nur darum, wie man sie verpackt. Wir haben uns gefragt, warum so wenig Muslime diese Plattform nutzen und kamen darauf, dass es wohl am Konzept liegt: Meist wird in Kneipen geslammt, und religiöse Texte werden eher belächelt.

Youssef Adlah: Dazu kommt, dass Poetry Slam eine Männerdomäne ist. Da ist es für Mädchen ohnehin oft schon unangenehm, auf die Bühne zu gehen, noch schwieriger wird es mit Kopftuch. Und so haben wir versucht, mit i,Slam einen Rahmen zu schaffen, in dem sich Muslime ausprobieren können. Und nach ein, zwei Auftritten bei uns können sie immer noch sagen: Okay, jetzt habe ich genug Selbstbewusstsein und probiere es auf einer anderen Bühne. Der Empowerment-Gedanke ist uns wichtig.

 

Was unterscheidet i,Slam von anderen Slams?

Youssef Adlah (links) and Younes Al-Amayra; Foto: i,slam
"i,Slam ist eine Kunstbühne. Aber für mich ist Kunst nur dann relevant, wenn sie etwas beiträgt zur gesellschaftlichen Bildung, und das wiederum bedeutet, politisch aktiv zu sein", meint Youssef Adlah.

Al-Amayra: Unsere Slams finden nicht in Kneipen, sondern an neutralen Veranstaltungsorten wie der Akademie der Künste in Berlin oder dem Thalia-Theater in Hamburg statt. Es wird kein Alkohol ausgeschenkt. Und wir haben fünf Regeln, die "5 Säulen des i,Slam": Jeder Dichter wird mit Respekt behandelt, die Texte müssen selbst verfasst sein, Requisiten auf der Bühne sind nicht erlaubt, jeder hat sechs Minuten Zeit – diese vier Regeln unterscheiden sich nicht von anderen Poetry Slams. Nur die fünfte Regel "No Verbalism" ist anders und uns wichtig: Wir wollen keine Kraftausdrücke oder Beleidigungen.

"Der islamische Rahmen muss gewahrt werden", so steht es auf der i,Slam-Website …

Al-Amayra: Egal, welches Thema behandelt wird, der Respekt vor den Religionen muss gewahrt werden – und zwar vor allen Religionen.

Adlah: Es gibt kein Thema, das bei uns verboten ist, solange man vernünftig formuliert. Man kann sagen "sterben" oder man kann ein beleidigendes Wort dafür wählen – wir bevorzugen nicht abwertende Wörter. Wir glauben, dass man so nicht miteinander sprechen sollte, außerdem: Mit Beleidigungen erreicht man niemanden. Und wir wollen die Leute erreichen.

Gab es Fälle, bei denen Ihr einschreiten musstet?

Publikum während einer i,Slam-Veranstaltung in Berlin; Foto: Arne List/DW
Anspruchsvolle Unterhaltung und Respekt vor allen Religionen: Publikum während einer i,Slam-Veranstaltung in Berlin.

Adlah: Wir hatten bisher erst einen Regelverstoß auf der Bühne, jemanden, der "ein Buh für Merkel" verlangte. Das ist ein direkter Angriff auf eine Person, aber wir wollen niemanden bloßstellen. Satire ist in Ordnung, sie soll aber nicht verletzend sein. Sonst gibt es Punktabzug.

Macht Ihr Ausnahmen oder dürfen wirklich nur Muslime auftreten?

Al-Amayra: i,Slam ist eine Plattform für Muslime, da stehen nur Muslime auf der Bühne. Das Publikum ist natürlich gemischt. Wir wollen aber auch mit anderen Religionen in Kontakt treten und haben deshalb einen weiteren Poetry Slam, den "i,Slam–we,Slam!" gegründet – da können auch Nicht-Muslime mitmachen. In der ersten Veranstaltung sind Juden, Christen und Bahai aufgetreten, in der zweiten Muslime, Juden und Christen. Und in der nächsten werden auch Atheisten mitmachen.

Wie kommt Ihr an die Slammer, beziehungsweise wie kommen die Slammer zu Euch?

Adlah: Sie bewerben sich, indem sie uns zwei Texte schicken. Wir treffen keine qualitative Auswahl, aber wir überprüfen, wie die Texte geschrieben sind – also ohne Kraftausdrücke, ohne Beleidigungen.

Welche Themen werden auf der Bühne verhandelt, sind Tendenzen erkennbar?

Rabbi Walter Rothschild auf einer Poetry Slam Veranstaltung in Berlin; Foto: Arne List/DW
Slam Poetry interreligiös: Rabbi Walter Rothschild auf einer "i,Slam – we,Slam!"-Veranstaltungen in Berlin.

Al-Amayra: Anfangs ging es oft um Diskriminierung. Vor allem in den Texten der Slam-Poetinnen, die Kopftuch tragen. Auch um Religion ging es häufig, es gab aber auch lustige Texte. Mittlerweile sind die Themen sehr gemischt: Es gab Liebesgedichte, einer schrieb über seine Turnschuhe, und unser slammender Imam trug einen Text vor, der ganz plakativ Die Hasspredigt heißt und die muslimische Community auf die Schippe nimmt.

Ist i,Slam eine politische Bühne?

Adlah: i,Slam ist eine Kunstbühne. Aber für mich ist Kunst nur dann relevant, wenn sie etwas beiträgt zur gesellschaftlichen Bildung, und das wiederum bedeutet, politisch aktiv zu sein. Also sind wir eine Kunstbühne, die sich aktiv an gesellschaftlichen Themen beteiligt.

Al-Amayra: i,Slam wurde nicht gegründet, um politisch zu sein – aber auf der Bühne kann es schon mal politisch werden. Es ist uns wichtig, dass Impulse gesendet werden, dass das Publikum zum Nachdenken angeregt wird.

Auf Eurer Website beschreibt Ihr i,Slam als "eine Möglichkeit, mit Worten etwas zu verändern". Was hat sich seit der Gründung 2011 getan?

Adlah: Ich glaube, dass wir einiges verändert haben. Wir haben es geschafft, Poetry Slam in der muslimischen Community bekannt und beliebt zu machen – über 40 muslimische Slammer, mehr als die Hälfte von ihnen Frauen, sind bei uns aufgetreten. Wir haben mit i,Slam–we,Slam! einen interreligiösen Dialog aufgebaut und mit beiden Slams die deutsche Öffentlichkeit erreicht. Man hat die Möglichkeit, in die Gedankenwelt eines muslimischen Jugendlichen einzutauchen, während der sich auf der Bühne alles von der Seele redet.

Interview: Barbara Teichelmann

© Goethe-Institut 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Youssef Adlah, Jahrgang 1989, studiert Luft- und Raumfahrttechnik an der TU in Berlin. Seit 1999 lebt er in Deutschland, seit 2001 schreibt er eigene Texte. Bei i,Slam tritt er regelmäßig auf. In seinem neuesten Text beschäftigt sich der geborene Syrer mit der Situation in seinem Heimatland.

Younes Al-Amayra, Jahrgang 1986, hat Islamwissenschaften, Politikwissenschaften und Öffentliches Recht studiert und arbeitet momentan an seiner Doktorarbeit. In der DDR geboren und aufgewachsen, interessiert sich Younes vor allem für Politik. Thema seines neues Textes: Der Islam gehört zu Deutschland.

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