Muslimische Identität in Europa

Entwickeln Muslime in Europa eigene Konzepte? Und wenn ja, welche Perspektive hätte solch ein europäisch geprägter Islam? Diesen Fragen ging die Bundeszentrale für Politische Bildung auf einer Konferenz in Brühl nach.

Die ungefähr 25 Millionen Muslime in Europa setzen sich aus unzähligen ethnischen, sozialen, politischen und ideologischen Gruppierungen zusammen. In mancher Hinsicht sind sie zersplittert, manchmal sogar zerstritten.

Der Islamwissenschaftler Bassam Tibi beobachtet in Deutschland „gated communities“: Die eingewanderten Muslime zögen sich hinter die Mauern ihrer Gemeinschaften zurück. Das ist aber das Gegenteil von dem, was er in seinem Konzept des „Euro-Islam“ fordert, mit dem er Probleme bei der bislang unzureichenden Integration islamischer Zuwanderer lösen will: Islam in Europa müsse sich demnach verbindlich an demokratischen Werten orientieren.

„Integration wird das Megathema der nächsten Jahre“, prophezeit Christoph Müller-Hofstede von der Bundeszentrale für politische Bildung. Dabei müssten beide Seiten davon abkommen, sich gegenseitig Identitäten zuzuweisen und sich an ihrer Vergangenheit zu beurteilen. Der Präsident der Bundeszentrale Thomas Krüger stößt ins gleiche Horn: „Der Blick muss auf die Potentiale und das Neue gelenkt werden.“

Probleme ergeben sich aber bereits daraus, dass der Staat nach wie vor keinen offiziellen Ansprechpartner in der muslimischen Gemeinschaft hat, der für eine Mehrheit ihrer Mitglieder repräsentativ wäre. Eine Klage, die von deutscher Seite routinemäßig vorgebracht wird. Es scheint auch noch immer kein Medium gefunden zu sein, die höchst unterschiedlichen Gruppen geschlossen anzusprechen. Und die Muslime in Europa wiederum tun sich schwer, sich auf Repräsentanten einigen zu können. In der Hauptsache organisieren sich Minderheiten, die oftmals radikale Ansätze vertreten. Und die große Masse der moderaten Muslime, die Karriere gemacht haben oder an ihrer wirtschaftlichen Integration interessiert sind, werden von Organisationen mit religiöser Ausrichtung ignoriert.

Der französische Ansatz

Die aus Algerien stammende französische Soziologin Leila Babès findet, dass der Islam von Europäern nach wie vor als monolithischer Block wahrgenommen werde. Daran scheitere im laizistischen Frankreich die Zusammenarbeit der öffentlichen Behörden mit Vertretern der muslimischen Gemeinschaft, die eben nicht die Mehrheit repräsentierten. Für Babès ist unklar, wieso der Staat nicht von Muslimen fordert, was bei Christen selbstverständlich sei: Den Laizismus zu verstehen und zu akzeptieren. Das Konzept der individuellen Integration müsse hinterfragt werden, denn „man kann nicht laizistisch sein und gleichzeitig ein Kalifat fordern!“

Auf der anderen Seite entsprechen die gegebenen Strukturen bei weitem nicht dem Bedarf der Gläubigen. Im Gegensatz zu Christen verfügen Muslime nicht über gleichwertige Orte der Religionsausübung. „Daher tritt der Islam in Frankreich ärmlich auf“, stellt Babès fest, „aber das war nie ein Selbstbildnis des Islam.“ Auch das sei ein Grund für die mangelnde Präsenz von Muslimen im institutionalisierten Dialog zwischen Staat und Islam. Bei der Gründung des Dachverbandes der Muslime in Frankreich (CNAM) „hat man nur die organisierten Muslime an den Verhandlungstisch gebeten, die es gab, und das waren Vertreter von Minderheiten.“

Anpassung an neue Werte

Klar ist, dass sich die europäischen Gesellschaften weiter verändern werden. Tareq Oubrou, Imam der Moschee in Bordeaux und Präsident der Vereinigung „Imams de France“, sieht für die religiöse muslimische Seite keine Probleme, wenn verhärtete und veraltete Denkstrukturen der Gläubigen aufgebrochen werden. Islam, so Oubrou, sei schließlich eine Sache der Interpretation. Dementsprechend müssten Muslime die Möglichkeit bekommen, den Koran neu zu interpretieren. Die heutige Zeit erfordere neue Rollen, und die Menschen müssten sich von traditionellem Denken befreien. Dahingehend müsse die Theologie die Gläubigen bei der Auslegung des Korans und der Überlieferungen unterstützen, und nicht, wie Babès beobachtet, verunsichern. Der Koran müsse „desakralisiert“ und das alltägliche Leben dürfe nicht mit religiösen Handlungen überfrachtet werden.

Doch nach wie vor wird der Islam in Europa weitaus mehr vom islamischen Ausland beeinflusst als umgekehrt. Das hat viele Gründe. Unter anderem treten säkulare Muslime hier kaum öffentlich in Erscheinung. Es mangelt also an alternativen Leitbildern zu den sehr eloquent auftretenden radikalen Splittergruppen. Manche Muslime klagen auch, dass sie immer nur Forderungen seitens der westlichen Gesellschaften zu hören bekommen, aber kaum von ihnen gefördert werden.

Die türkische Variante

Die Türkei ringt schon seit nahezu 80 Jahren um ein produktives Verhältnis zwischen laizistischer Republik und Islam. Im letzten Jahr veröffentlichte das einberufene Präsidium für Religiöse Angelegenheiten unter Mitwirkung von über hundert Theologen in Istanbul die Dyanat-Erklärung. Sie sei, so der Theologe Christian Troll, der Versuch des türkischen Staates, Islam zu integrieren, zu institutionalisieren, Diskussionen zuzulassen und Normen zu setzen. Die Dyanat-Erklärung kann auch für Türken in Deutschland von Bedeutung sein, da sich viele am Religionsstandart ihrer Heimat orientieren. Allerdings scheint der türkische Staat es versäumt zu haben, die Erklärung großflächig zu verbreiten. Mehmet Soyhun von der Türkisch-Islamischen Union (DITIB) erfuhr von dem Communiqué aus dem Fernsehen. In der Erklärung bemüht man sich, religiöse Standards und Traditionen an einen modernen Lebensstil und Zeitgeist anzupassen. Jegliche religiöse Interpretationen mit universellem Anspruch werden abgelehnt und die Unterordnung der religiösen Pflichten unter den Anforderungen des Arbeitsalltags gestattet.

Jedoch gehen solche Erklärungen jungen Muslimen, die sich in der westeuropäischen Gesellschaft bewegen wie ein Fisch im Wasser, nicht weit genug, oder sogar in die falsche Richtung. Sie wehren sich gegen „importierte Imame“ aus dem aus ihrer Sicht reaktionären Anatolien. Für sie ist es eine Qual anzusehen, wie sich zum Beispiel Oubrou nach langen Argumentationsketten zu der Schlussfolgerung durchringt: „Es gibt bei Frauen keine Anzeichen für moralische Inkompetenz“, sprich, auch Frauen dürfen das Amt des Imams ausüben. Sie fühlen sich in ihrem selbst gewählten Lebensweg durch die stärker werdende Präsenz mitgebrachter Traditionen im öffentlichen Raum bedroht. Und so ist zu beobachten, dass die feindlichsten Ausfälle gegen Frauen mit Kopftuch manchmal von jungen Türkinnen kommen.

Aufklärung aus der Community

Nachdem die Gastarbeitertheorie sich als falsch herausgestellt habe und die Idee der natürlichen Integration auch in Frankreich und Großbritannien gescheitert sei, kann die beste politische Bildung, nach Überzeugung der Bundeszentrale, nur aus der community kommen.

Nach wie vor wird hart darüber diskutiert, wie tolerant die Gesellschaft gegenüber Immigranten sein soll. Zwar müsse Deutschland, so Thomas Hartmann vom Kulturmanagement in Berlin, akzeptieren, dass Vielfalt etwas schönes sei und Integration ein Veränderungsprozess, von dem alle betroffen seien. Doch fürchten andere die Aushöhlung der Grundwerte oder erleiden sogar einen Schock, wenn sie sich plötzlich in der Minderheit sehen.

Lennart Lehmann

© 2003, Qantara.de

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