Muslime in Großbritannien

Manko an intellektuellen Leitfiguren

Die Diskussionen in Kreisen britischer Muslime standen im Jahr 2005 ganz im Zeichen der Londoner Bombenanschläge. Aber viel wichtiger als die sozialen Probleme junger Muslime ist laut Tahir Abbas die Frage nach den Führungsqualitäten ihrer Vorbilder.

Die Diskussionen in Kreisen britischer Muslime standen im Jahr 2005 ganz im Zeichen der Londoner Bombenanschläge vom Juli. Aber viel wichtiger als die sozialen Probleme junger Muslime ist laut Tahir Abbas die Frage nach den Führungsqualitäten ihrer Vorbilder.

Moschee in London; Foto: Arian Fariborz
Ein pan-islamisches Identitätsgefühl britischer Muslime gibt es nicht, meint Tahir Abbas -
Moschee in Regent's Park, London

​​Es ist offensichtlich, dass Muslime sich seit den Ereignissen des 7. Juli einerseits mit Problemen auseinandersetzen müssen, die ihre eigene soziale und ethnisch-religiöse Lebenswelt betreffen, andererseits aber auch mit ihrer Beziehung zur britischen Gesellschaft.

Es sind zum einen die typischen Probleme junger asiatischer Muslime, die in ihrem Gastland entfremdet, unzufrieden und marginalisiert sind. Zum anderen haben sie aber auch mit den Leitbildern dieser gesellschaftlichen Gruppe zu tun, wobei vier Aspekte unterschieden werden können.

Eine Frage der Führungsqualität

Erstens gibt es erschreckend wenige intellektuelle Leitfiguren in der muslimischen Gemeinschaft Großbritanniens.
Zugegeben, es gibt ein gut entwickeltes philosophisches, ideologisches und wissenschaftlich-empirisches Denken, aber die verschiedenen Ansätze ergänzen einander nicht gut.

Der Empirie fehlt es an Geist, der Philosophie an Verankerung in der konkreten Lebenserfahrung, und die ideologischen Systeme sind entweder zu progressiv oder zu regressiv geworden. Nur ein scharfes, kritisches Denken kann jetzt noch zum Motor realer Veränderungen im Sozialen werden.

Es bedarf dringend mehr Gelehrter in diesem Land, die ein Interesse daran haben, den Islam britischer Prägung zu studieren, und es wäre wünschenswert, wenn diese Gelehrten aus den unterschiedlichsten ethnischen und kulturellen Verhältnissen kämen.

Die Bedingungen dafür waren nie so gut wie jetzt: Das höhere Bildungssystem in Großbritannien ist im Wandel begriffen, die Babyboomer sind im Begriff, einer jüngeren Generation von Intellektuellen Platz zu machen.

Clanstrukturen mit verheerenden Folgen

Zweitens ist der Führungsanspruch politischer Eliten der islamischen Gemeinschaft in eine deutlich wahrnehmbare Krise geraten.

In den großen pakistanischen Gemeinschaften in Mittelengland (etwa in Birmingham und Leicester) und im Norden des Landes (z.B. in Bradford und Blackburn) haben Muslime sich immer mit demselben Problem herumgeschlagen, nämlich mit auf Clan-Strukturen basierenden Gefolgschaftsansprüchen, einer Art Vetternwirtschaft.

Muslime in Londoner Jamme Masjid Moschee; Foto: dpa
Tahir Abbas: "Als muslimische Minderheit sind wir in Großbritannien ziemlich unterentwickelt." -
Muslime in Londoner Jamme Masjid Moschee

​​Die großen politischen Parteien haben freilich schnell gelernt, ihren Vorteil aus diesem System zu ziehen, und nicht selten waren Muslime deshalb tatsächlich in lokalen und nationalen politischen Körperschaften vertreten – doch für die südasiatischen muslimische Gemeinschaften war diese Art der Repräsentation eher verheerend. Der Eklat um die Briefwahl in Birmingham im Jahr 2005 hat dies noch einmal gezeigt.

Dass etwa muslimische Frauen zur Kandidatur ermutigt werden, kommt selten vor (Salma Yaqoob von der linken "Respect"-Partei ist eine Ausnahme). Dies muss sich ändern, schließlich machen Frauen etwa die Hälfte der Gemeinschaft der Muslime aus. Im Hinblick auf Repräsentation wie auf Partizipation von Frauen ist die derzeitige Situation ein Desaster.

Dass Frauen in die Politik einbezogen werden, dass auf lange Sicht die Bruderschaft und ihr Exklusivitätsanspruch aufgegeben und Frauen eine politische Artikulation ermöglicht wird, ist von entscheidender Bedeutung.

Es fehlt ein britischer Islam

Drittens ist die islamische Theologie in Großbritannien praktisch überhaupt nicht vertreten.

So etwas wie ein pan-islamisches Identitätsgefühl britischer Muslime gibt es nicht. Sektiererische Abgrenzungsbestrebungen greifen immer mehr um sich und führen zunehmend dazu, dass Muslime nicht mehr im Stande sind, mit Glaubensgenossen zusammenzuarbeiten, geschweige denn mit dem Rest der Gesellschaft.

Für Selbstkritik gibt es wenig bis gar keinen Raum – wir müssen dringend lernen, uns offen mit unseren Fehlern und Defiziten auseinanderzusetzen, ohne die Schuld immer anderen zuzuschieben.

Es ist die Aufgabe der religiösen Führer sicherzustellen, dass das, was sie sagen und tun, den Interessen ihrer zahlreichen Anhänger entspricht. Dazu müssen sie ein besseres Verständnis ihrer eigenen Rolle entwickeln und sich der Verantwortung bewusst werden, die sie in Bezug auf die Gedankenwelt jüngerer britischer Muslime haben.

Das Ziel muss sein, diese zu einem Islam hinzuführen, der sie in jeder Hinsicht als britische Bürger anerkennt, ohne sie dabei als Muslime aus dem Auge zu verlieren. Eine wichtige Frage in dieser Hinsicht ist deshalb, wie die Ausbildung von Imamen vonstatten geht.

Der geistige Horizont junger Muslime, die höhere Bildung erlangen und islamischen Verbänden beitreten, verengt sich derzeit eher, als dass er sich erweitern würde. Die Gedankenwelt junger Muslime zu bereichern überlässt man Intellektuellen wie Tariq Ramadan und Scheich Hamza Yusuf – brillante Köpfe, aber auch Außenseiter (Ramadan ist Schweizer, Yusuf Amerikaner), denen es an institutioneller Unterstützung fehlt, sodass ihre Stimmen noch allzu oft überhört werden.

Islamische Kultur nicht sichtbar

Viertens ist der Islam in kultureller Hinsicht in der britischen Gesellschaft so gut wie unsichtbar. Zwar gab es bisweilen Versuche, ihn sichtbar zu machen, doch bisher waren diese stets auf ethnische Identität fokussiert, untereinander nicht koordiniert und ganz sicher nicht mit jungen Muslimen abgestimmt.

Tahir Abbas; Foto: University of Birmingham

​​Dr. Tahir Abbas ist Direktor des "Centre for the Study of Ethnicity and Culture" und Dozent für Soziologie an der Birmingham Universität in London

Das 2006 stattfindende "Festival of Muslim Cultures" wird hier möglicherweise eine Veränderung erreichen, insofern das Publikum in diesem Rahmen die Gelegenheit haben wird, die lange und eindrucksvolle Geschichte islamischer Kunst und Musik kennen zu lernen, nämlich im Rahmen einer ganzen Reihe von Veranstaltungen, die über das ganze Land verteilt an verschiedenen Orten stattfinden.

Aber damit die Traditionen der Vergangenheit zukünftigen Generationen überliefert werden, muss noch viel mehr geschehen. Junge britische Muslime müssen in die Lage versetzt werden, überlieferte Bräuche und Lebensgewohnheiten mit einem ständig im Wandel begriffenen Konzept britischer Identität zu vereinen. Nur so können latente schöpferische Energien freigesetzt werden, von denen die Gemeinschaft profitiert.

Probleme häufig im muslimischen Milieu

In den letzten Jahren hat es einen Prozess des Umdenkens gegeben, bei dem die Frage nach ethnischer Zugehörigkeit in den Hintergrund getreten ist, während die Religion an Bedeutung gewonnen hat.

Natürlich ist das nicht absolut zu verstehen. Wie wichtig die Hautfarbe in sozialer Hinsicht ist und in welchem Maße sie noch immer die Einstellung der Menschen zueinander bestimmt, zeigt der Fall des schwarzen Teenagers Anthony Walker, der im Juli 2005 von einer Gruppe weißer Jugendlicher brutal ermordet wurde, einzig und allein wegen seiner Hautfarbe.

Dass immer wieder Todesfälle in Polizeigewahrsam bekannt werden und dass vor allem Menschen aus Afrika und der Karibik immer wieder Probleme mit den Strafverfolgungsbehörden haben, deutet ebenfalls darauf hin, dass es ethnische Ungleichheit und Diskriminierung in Großbritannien nicht nur ausnahmsweise gibt.

Dennoch erwachsen die wichtigsten Konflikte der Gegenwart auch in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr in erster Linie aus Konflikten zwischen verschiedenen Ethnien.

Vielmehr scheinen Muslime, scheint der Islam im Mittelpunkt einer ganzen Reihe von Problemen zu stehen - ob es nun um Kriminalität oder Bildung geht, um Gesundheit, Wohnungsbau, Arbeitslosigkeit, Akademikerjobs, Problemviertel in Bezug auf Freizeitangebote, Verunglimpfungen in den Medien, um nationale und internationale Fragen zu Terrorismus, Gewalt und Extremismus oder um Multikulturalismus selbst.

Dieser Gesamttrend hat spätestens mit der Affäre um Salman Rushdie im Jahr 1989 eingesetzt, der 11. September hat ihn verstärkt, und auf das Dramatischste und Unmittelbarste wurde er am 7. Juli 2005 erneut bestätigt.

Verantwortung der britischen Muslime

Die großen sozialpolitischen Fragen, die sich heute stellen, haben alle mit Muslime zu tun, obwohl New Labour sich in seiner dritten Legislaturperiode immer mehr auf andere innenpolitische Fragen konzentriert, etwa auf das Bildungs-, Gesundheits– und Rentensystem, auf energiepolitische Fragen oder die europäischen Beziehungen.

Als muslimische Minderheit sind wir in Großbritannien ziemlich unterentwickelt, wie diese Analyse gezeigt hat. Das ist kein Understatement, sondern eine Erkenntnis, die am 7. Juli ein weiteres Mal unterstrichen wurde.

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Die vier erwähnten Bereiche, in deren Sphäre es den islamischen Leitfiguren, wie gezeigt wurde, noch nicht gelungen ist, ihrer Führungsrolle gerecht zu werden, enthalten alle zusammen das Potential für eine Weiterentwicklung des britischen Islam.

Während der Staat weiterhin gegen ethnische, rassistische und religiöse Diskriminierung vorgehen und der sozialen und ökonomischen Isolation von Muslime entgegenwirken muss, haben wir Muslime unsere eigenen Verantwortlichkeiten.

Es wird noch lange dauern, bis der Staat die Ideale der Gleichheit, Vielfalt und Einheit, die zu verwirklichen seine Aufgabe ist, tatsächlich auch verwirklicht haben wird. Doch schon heute müssen wir uns auch an die eigene Nase fassen und mit einigen dieser Veränderungen bei uns selbst anfangen.

Tahir Abbas

© openDemocracy 2005

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