Muslime in Afrika

Spielball der Saudis

Reiche Saudis investieren Millionen in den Bau von Moscheen in Afrika. Ihnen wird vorgeworfen, durch radikale Prediger die Region zu destabilisieren. Dabei geht es längst nicht mehr nur um die Missionierung Afrikas. Informationen von Gwendolin Hilse

"Wir spüren ihren Hass ganz deutlich. Sie wollen unsere traditionellen Moralvorstellungen zerstören", sagt der Marabout Mouhamed Ndiaye. Das geistliche Oberhaupt einer islamischen Sufi-Bruderschaft in Senegals Hauptstadt Dakar ist verärgert. Er sieht in dem vermehrten Einfluss Saudi-Arabiens eine Gefahr für seine freie Religionsausübung. "Ihre Prediger reden unserer Jugend ein, dass wir Marabout keine Bedeutung haben und fordern sie auf, zu rebellieren."

Die Saudis haben mit ihrem Geld die islamische Infrastruktur in Afrika gezeichnet wie kaum ein anderer: Sie bauen Moscheen, Koranschulen und Krankenhäuser in den ärmsten Regionen des Kontinents, entsenden Prediger und vergeben Stipendien für theologische Studien in den Golfstaaten. Mit ihren Geldern exportieren religiöse Organisationen und Privatleute aus Saudi-Arabien auch den Wahhabismus mit seiner salafistischen Ideologie auf den afrikanischen Kontinent.

Almosen und Radikalisierung

Seit Jahrhunderten bestehen enge wirtschaftliche und religiöse Verbindungen zwischen arabischen und afrikanischen Staaten. Mit dem steigenden Einkommen aus Erdöl- und Gasexporten stieg auch das Engagement arabischer Staaten, insbesondere Saudi-Arabiens, im Sahel. Regierung und private Sponsoren unterstützen Gemeinden in Ländern wie Mali, Senegal oder Nigeria finanziell. Sie verstehen dies als ihre religiöse Pflicht, denn eine der fünf Säulen des Islams ist die Unterstützung von Bedürftigen.

Die Almosen sind jedoch an Bedingungen geknüpft: So werden etwa senegalesische Imame in Saudi-Arabien ausgebildet, um in ihrer Heimat den besonders konservativen Islam zu predigen. "Viele dieser jungen Männer kommen so radikalisiert zurück, dass ihre eigenen Eltern sie nicht wiedererkennen", klagt Ndiaye.

Die Große Moschee in Touba, Senegal; Foto: picture-alliance/AA/A. Gueye
Wahhabismus als weltweites ideologisches Exportmodell: Die Saudis haben mit ihrem Geld die islamische Infrastruktur in Afrika gezeichnet wie kaum ein anderer: Sie bauen Moscheen, Koranschulen und Krankenhäuser in den ärmsten Regionen des Kontinents, entsenden Prediger und vergeben Stipendien für theologische Studien in den Golfstaaten.

Viele Bewohner der Sahelzone vertreten einen mystischen und spirituellen Sufismus, den die konservativen Saudis als Religionsform des Islams nicht anerkennen, sondern als heidnisch und ketzerisch ablehnen. Sie selbst predigen einen streng konservativen Lebensstil wie zu den Zeiten des Propheten. Militante Gruppen wie Al-Shabaab, AQMI oder Boko Haram beziehen sich immer wieder auf diese Ideologie.

Durch Perspektivlosigkeit und eine hohe Jugendarbeitslosigkeit hätten die Salafisten mit ihren Almosen ein leichtes Spiel, sagt Ndiaye. Oft würden vor den Moscheen kostenlose Getränke und Mahlzeiten verteilt. "Viele junge Menschen fühlen sich verpflichtet, zu ihren Predigten zu gehen." Dort würden sie durch harsche Worte radikalisiert werden: "Jede Revolte hat so angefangen. Es ist wie bei einem Vulkan: Es brodelt unter der Oberfläche und kann jeden Moment ausbrechen." So befeuerte die extremistische Auslegung des Islams durch saudische Prediger auch den Aufstand in Mali 2012, bei dem etliche religiöse Sufi-Kulturstätten zerstört wurden.

Saudi-Arabien will liberaler werden

Doch die Missionierung ist laut Jens Heibach schon längst nicht mehr das einzige Ziel der Saudis in Afrika. "Es geht hier zum Beispiel auch um den pragmatischen Aspekt der Nahrungsmittelsicherheit", sagt der Saudi-Arabien-Experte am „German Institute of Global and Area Studies“ (GIGA) in Hamburg. Die Saudis würden in Afrika inzwischen verstärkt in landwirtschaftliche Projekte investieren. Fast vier Milliarden US-Dollar hat das Königreich laut Financial Times im Jahr 2016 in Afrika investiert.

"Man entdeckt Afrika auch zunehmend als Absatzmarkt für saudische Waren", so Heibach. Damit versuche Kronprinz Mohammed bin Salman die wirtschaftliche und politische Basis im Königreich zu reformieren. Denn mit dem sinkenden Ölpreis wächst das Haushaltsdefizit des Königreichs. Andere Einnahmequellen müssen her. Mit der "Vision 2030" will bin Salman in den kommenden 13 Jahren die Wirtschaft des Landes breiter aufstellen.

Mitglieder der Islamistengruppe Ansar Dine in Timbuktu; Foto: Reuters
Salafistische Ideologien als Anknüpfungspunkte für radikal-islamistische udn militante Bewegungen: Die Saudis predigen einen streng konservativen Lebensstil wie zu den Zeiten des Propheten. Militante Gruppen wie Al-Shabaab, AQMI oder Boko Haram beziehen sich immer wieder auf diese Ideologie.

Kürzlich sprach sich der saudische Kronprinz bei einem Wirtschaftsforum in Riad für eine Liberalisierung des ultrakonservativen Königreiches aus: "Wir gehen zu dem zurück, wie wir waren: dem moderaten Islam, der offen gegenüber der Welt und allen Religionen ist", wird bin Salman zitiert. Es gehe dabei auch ganz klar um die Umsetzung der "Vision 2030", so Heibach: "Diese Aussagen sollen nicht nur das Prestige des Königssohns steigern, sondern auch ausländische Investoren anlocken."

Kurswechsel auch in Afrika?

Wie genau dieser moderate Islam aussehen soll, ließ der Kronprinz bislang offen. Auch müssten zunächst einmal die radikal konservativen Gesellschaftsstrukturen im Königreich aufgebrochen werden, sagt Heibach. Besonders die Lehrer in Schulen und Universitäten stellten eine Herausforderung dar: "Deren Köpfe, Gedanken und Ausbildung können Sie ja nicht innerhalb weniger Tage oder Monate ändern."

Heibach bezweifelt, dass die angekündigte Liberalisierung des saudischen Königreichs die fortschreitende Radikalisierung in Afrika bremsen wird. Denn viele der privaten saudischen Sponsoren verfolgten ihre eigene, radikale Agenda. Zwar hat das saudische Königshaus der Förderung gewaltbereiter terroristischer Organisationen den Kampf angesagt. Doch die Extremismusförderung sei schwer zu kontrollieren - gerade wenn dies in Form von Bargeldübergaben passiere, so Heibach.

Bakary Sambe, Dozent für Religiöse Studien an der senegalischen Gaston Berger Universität, ist optimistischer. Er hofft, dass sich die versprochene Liberalisierung Saudi-Arabiens auch auf Afrika positiv auswirken werde.

Doch auch er glaubt nicht an ein Ende des Salafimus' in Afrika: "Ich befürchte, dass es sowohl in Saudi-Arabien als auch im Senegal Gruppierungen geben wird, die sich gegen diese Veränderungen stellen werden. Das könnten junge Leute - einsame Wölfe - sein, die gegen die Älteren rebellieren und einen salafistischen Islam verbreiten wollen."

Gwendolin Hilse

© Deutsche Welle 2017

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