Musikalischer Friedensbotschafter Davide Martello

Der Piano-Mann vom Taksim-Platz

Davide Martello wurde über Nacht berühmt: Der Deutsch-Italiener spielte umringt von Demonstranten und Polizisten auf dem Taksim-Platz in Istanbul. Jetzt setzt er seine Tour mit der Friedensbotschaft fort. Von Julian Tompkin

Er wird der Piano-Mann vom Taksim-Platz genannt: Davide Martello ist von einem unbekannten Musiker zu einer Berühmtheit geworden. Die Bilder von ihm, als er während der Gezi Park-Proteste in Istanbul vor den Demonstranten, aber auch den Polizisten ein Ständchen spielte, gingen um die Welt.

Zurück in seiner Wahlheimat Berlin plant der selbsternannte musikalische Botschafter des Friedens die nächste Phase seiner Mission. Er hat das Ziel, in jeder Hauptstadt der Welt zu spielen. Vor einigen Monaten kannte den in Italien geborenen und in Deutschland aufgewachsenen Pianisten Davide Martello kaum jemand. Doch dann tauchte er weltweit auf Fernsehbildschirmen auf. Mit Gasmaske vor dem Gesicht und Helm auf dem Kopf spielte er den Demonstranten auf dem Taksim-Platz in Istanbul Lieder vor.

Geschichte schreiben - ganz spontan

Davide Martello spielt umringt von einer Menschenmenge auf dem Taksim-Platz in Istanbul; Foto: Reuters
Die berührten Menschen zu Füßen: Der musikalische Friedensbotschafter Davide Martello erzählt, dass die Polizisten teilweise ihre Helme abgelegt und inmitten des Chaos ihm gelauscht haben.

"Ich wusste eigentlich gar nicht, was ich da tue", gibt er offen zu, wenn er von seiner Entscheidung erzählt, spontan von seiner geplanten Welttournee als Straßenkünstler abzuweichen und in den Süden zu fahren. "Zu der Zeit war ich in Sofia, in Bulgarien, und habe im Fernsehen diese Bilder gesehen, die ganze Gewalt. Ich habe darüber nachgedacht, was passieren könnte, wenn ein Klavier in der Mitte der Menschen stünde."

Am nächsten Tag, so erzählt er, ist er gleich zum Taksim-Platz gefahren. "Ich wollte nicht am ersten Tag spielen, ich wollte ein Hotel suchen und mich etwas ausruhen. Aber ich habe ein Schild zum Taksim-Platz an der Straße gesehen und mir gesagt: Komm schon, schau dir die Situation vor Ort an", erinnert sich Martello. "Dann habe ich mein Klavier aus dem Wohnwagen geholt und einfach angefangen zu spielen."

Martello spielte, und gleich noch ein bisschen mehr. Ehe er sich versah, spielte er drei Nächte, einmal sogar 13 Stunden am Stück. Die Menge lag ihm zu Füßen. Sogar die Polizei, so erzählt man sich, soll ihre Schlagstöcke abgelegt haben, um diesen besonderen Anblick zu erleben: Ein 31-Jähriger, der am Schauplatz einer drohenden Straßenschlacht für Frieden und Verständigung Klavier spielt.

Aber am vierten Tag veränderte sich die Stimmung. Tränengas wurde wieder abgefeuert, und die grellen Lichter der Polizei waren zurück. Martello versuchte noch weiterzuspielen, wurde aber überwältigt von dem Gas und dem Chaos und ist mit den übrigen Demonstranten geflohen.

Das Geschenk, mit dem alles begann

Martellos Ziel, mit dem Klavierspiel Frieden zu bringen, begann ein paar Jahre zuvor etwas bescheidener. Als er merkte, dass er nicht vollkommen zufrieden war mit seinem Job als Frisör in Konstanz, entschied er sich, seiner wahren Leidenschaft noch eine letzte Chance zu geben: der Musik. Seit seinen Teenagerjahren schreibt er eigene Kompositionen. Kurz danach begann er, sich an verschiedenen deutschen Musikakademien zu bewerben. Die angesehene Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin lud ihn zum Vorspielen ein. Aber der Plan scheiterte, als er einen Anruf aus Konstanz erhielt. Der Anrufer erklärte sich bereit, Martellos Traum-Piano zu bauen: einen Flügel, ausstaffiert mit einer elektronischen Tastatur und einem Basslautsprecher. Er sei mit Absicht durch die Aufnahmeprüfung in Berlin gefallen, um schneller seine Welttournee planen zu können, sagt Martello.

"Bevor ich nach Istanbul kam, reiste ich mit meinem großen Piano durch die Welt und verkaufte einige meiner selbst aufgenommenen CDs", sagt er. Los ging es in Berlin auf dem Potsdamer Platz. Sein Projekt führte ihn unter anderem nach Tirana, Budapest und Mazar-i-Sharif. Istanbul hat alles verändert. Er zeigt den gelben Helm und die Gasmaske vor, die er auf dem Taksim-Platz getragen hat und zur Erinnerung an seine Erlebnisse in seinem Auto aufbewahrt.

Bittersüße Symphonie

Davide Martello; Foto: DW/Julian Tompkin
Für den leidenschaftlichen Musiker Martello, der vor seiner Aktion auf dem Taksim-Platz durch ganz Europa reiste um als Straßenmusiker zu spielen, ist das Klavier nicht einfach ein Instrument, sondern es verkörpert für ihn Werte wie Demokratie und Freiheit.

"Diese Art von Publicity war nicht mein Anliegen, aber ich bin froh, dass sich Leute für mich und meine Arbeit interessieren. Ich will einfach nur weiterreisen. Als nächstes kommt Paris, dann London und Dublin."

Nach zwei Auftritten in Hamburg - einer davon auf dem Beatles-Platz, was für reichlich Aufmerksamkeit in den deutschen Medien sorgte - alarmiert Martello seine Facebook-Anhänger wenige Stunden vor einem Auftritt in Berlin. Schnell verbreitet sich die Kunde, dass der Piano-Mensch vom Taksim-Platz zurück in der Stadt ist.

Wir beenden unsere Unterhaltung am Straßenrand, und Martello holt sein Piano aus dem Wohnwagen. Mit der Hilfe einiger alter Freunde und neuer Fans hievt er es zur Mitte der Modersohnbrücke. Rund 70 Menschen haben sich dort bereits versammelt, die Begeisterung ist groß. Nachdem er den Ständer mit den CDs, die er für 15 Euro das Stück verkauft, aufgestellt hat und ein paar Münzen in seine Spendenbox geschmissen hat, um die Sache in Gang zu bringen, setzt Martello sich endlich nieder und will anfangen. Doch dann streikt die Technik seines Pianos.

Der Auftritt wird abgesagt und alle gehen nach Hause, nachdem die Nachricht via Twitter verbreitet ist. Es ist vielleicht ein entscheidendes Paradox für die vielen Unruhen, die die arabische Welt in den letzten Jahren durchziehen: Alles ist durch die Technologie garantiert. Aber was passiert, wenn man den Stecker zieht? Zum Glück hat die Musik scheinbar immer noch die Macht, die Welt zu verändern - so lange man eine Ersatzbatterie für den Basslautsprecher bei sich hat.

Julian Tompkin

© Deutsche Welle 2013

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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