Die Bildunterschriften arbeiten häufig zu stark mit Reduktion und stören eher das Verständnis der Bilder. So zeigt die Karikatur mit dem Titel "Unterbrochene Leben" Mauern in sehr kleinen Abschnitten, die menschliche Leben trennen, während "Die Mauer belagert alles" von Wänden eingekreiste Menschen, Tiere, Bäume und Himmel in winzigen Schachteln darstellt. Die Menschen kauern auf dem Boden, die Arme um die Knie geschlungen. Sogar ein Soldat hat Mühe, sich mit seinem Gewehr in den kleinen, ummauerten Raum zu zwängen.

In einer anderen Zeichnung ragt die Mauer im Hintergrund auf, während sich Frauen und Männer mit den für Saba'aneh so typischen skelettartigen Gesichtern an den Händen halten und die Dabke tanzen. Ihre Füße sind aneinander gekettet und zwischen ihnen befindet sich ein Checkpoint.

Doch es gibt auch anrührende mehrteilige Karikaturen. Auf einer von ihnen beobachtet ein Junge zuerst einen Vogel, der über die Mauer fliegt. Danach schwebt sein Drache darüber. Während der Junge dem Drachen nachblickt, stellt er sich vor, er sei kein unbelebter Gegenstand, sondern ein Vogel an einer Schnur, die er hinter der Mauer in der Hand hält. Der Junge schneidet die Schnur durch und lässt den Drachen frei, damit er über die Mauer hinwegfliegen kann.

Schwarze Bänder: Erinnerung und Fessel

Ein weiteres wiederkehrendes Bild sind die schwarzen Bänder über Fotografien von Toten. Von den Porträts ausgehend, winden sie sich um Tauben oder ersticken die Lebenden. Einmal entrollt sich aus dem Porträt eines Mannes ein gewaltiges schwarzes Band, das sich um den Hals einer Frau schlingt, einem Jungen die Hände fesselt, sich einem anderen Kind über die Augen legt, einem Mädchen die Haare verknäuelt, einem Vogel den Schnabel zubindet, und sogar die Zeiger einer Uhr umwickelt.

In einem anderen Zeichnung mit dem Titel "Familienfotos" ziehen sich die schwarzen Bänder nicht nur um die Fotos, sondern auch um einen Fisch, einen Pinsel, einen Baum und Wäsche auf der Leine, alles offensichtlich leblos. In "Vergangenheit und Gegenwart kämpfen um die Zukunft" wird das schwarze Band an der Ecke des Porträts zu einem tropfenden Wasserhahn: die Hinterbliebenen ertrinken in einer schwarzen Flüssigkeit.

Gemeinsam in der Falle: Besatzer und Besetzte

In seiner Einführung schreibt Sabaaneh, seiner Ansicht nach werde "im Prozess der Ausübung seines politischen Willens der Besatzer zum Besetzten". Und er fügt hinzu: "In manchen meiner Zeichnungen sind Besatzer und Besetzte schwer auseinanderzuhalten".

In einer der Karikaturen, die den unzweideutigen Titel "Wir sind alle Geiseln des Ortes" trägt, sind Besatzer und Besetzte gemeinsam in einer Glasflasche gefangen, die von einem Soldatenstiefel zugestöpselt ist. In einer anderen zählen sowohl ein Aufseher auf seinem Wachturm als auch die Menschen darunter ungeduldig die Minuten, denken an ihre Angehörigen, wünschen sich, die Farce wäre vorbei und sie könnten in ihre jeweiligen Leben zurückkehren. 

Saba'anehs Karikaturen sind ein unüberhörbarer Ruf nach einer anderen Zukunft, in der sowohl Besatzer wie Besetzte aus ihren derzeitigen Mustern und Rahmen ausbrechen, Mauern und Bänder hinter sich lassen und endlich ein freieres Leben beginnen können.

Marcia Lynx Qualey

© Qantara.de 2018

Übersetzung aus dem Englischen von Maja Ueberle-Pfaff

Eine europäische Ausgabe von "Palestine in Black and White" erschien am 26. Februar 2018 bei Saqi Books, London.

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