Mohamed Amjahid: "Unter Weißen"

"Der Rassismus gleicht einer Plastikflasche im Meer…"

In seinem Buch "Unter Weißen" geht der Journalist Mohamed Amjahid dem Stereotyp des "triebgesteuerten, primitiven und gefährlichen Orientalen" auf die Spur. Er entlarvt rassistische Mythen über "die Anderen", offenbart, was es heißt als Nichtweißer unter Weißen zu leben und hält so der Mehrheitsgesellschaft den Spiegel vor. Von Ozan Keskinkilic

Skurrile Anekdoten hat der Sohn marokkanischer Gastarbeiter zu Genüge. Da ist zum Beispiel Ulrike, die ihm das Konzept des Fahrradfahrens erläutert. Oder Gerhard. Er erklärt, dass in Deutschland Tote in Särgen beerdigt werden. "Das Dorf ist sehr komisch", notiert Amjahid in sein Tagebuch, das er wie ein gewissenhafter Ethnologe auf Feldforschung führt.

Die Forschungsobjekte sind weiß, loben seine Deutschkenntnisse oder sind kurz davor, ihm über die Haare zu streichen. Er lernt Situationen wie diese auszusitzen und rassistische Kommentare zu ignorieren. Amjahid studiert und schlägt eine erfolgreiche journalistische Karriere ein. "Unter Weißen" handelt von den Hürden, die ihm auf dem steinigen Weg begegnen und den vielen Begriffen, die ihn fremdbestimmen.

In seinem ersten Buch geht es dem politischen Reporter aber in erster Linie nicht um "Migranten", "Muslime", Menschen mit ominösem Migrationshintergrund oder den frisch gelandeten "Nafris" aus fremden Ländereien, sondern um "jene Mehrheit, die die 'selbstverständliche' Norm vorgibt und die definiert, wer oder was 'anders' ist". Das Problem sind längst nicht Nazis, Rechtspopulisten und AfD-Wähler. Amjahid will die Mitte der Gesellschaft ansprechen – dort wo sich rassistisches Wissen unauffällig und hartnäckig hält.

Gegenbilder, die keinen Raum für Individualität lassen

Ausgangspunkt des Buches sind die Ereignisse rund um die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht des vergangenen Jahres am Kölner Hauptbahnhof. "Nordafrikanisch aussehende Männer klauen, grapschen und vergewaltigen qua Kultur, qua Herkunft oder qua DNA unsere deutschen Frauen". Eine "behauptete Realität", schreibt Amjahid. "Es gibt sie nämlich nicht, die "Nafris", die Schwarzen, die Türken oder die Ausländer". Stattdessen werden sie erfunden – als Gegenbilder, die keinen Raum für Individualität lassen.

Mohamed Amjahid passt nicht so ganz in das Bild des frauenfeindlichen, primitiven Muslim. Für seine Deutschkenntnisse und liberalen Weltansichten wird der bekennende Atheist gelobt. Unfreiwillig wird er zum "Integrationsvorbild", zur "guten" Ausnahme unter "dem Rest" der vermeintlichen „Integrationsverweigerer“. Das sei nichts anderes als "Tokenism", so das Urteil des Journalisten; nämlich wenn "wenige Nichtweiße am Tisch der Privilegierten Platz nehmen dürfen – wenn sie sich entsprechend verhalten". Mit diesen "Tokens" geht Amjahid hart ins Gericht. Dazu zählt er bekannte "Islamkritiker" wie Akif Pirinçci, Hamed Abdel-Samad oder Necla Kelek. Sie treten als "Kronzeugen" aus der "Parallelgesellschaft" auf und bestärken das Vorurteil eines aggressiven, gewalttätigen und frauenfeindlichen Islams.

Mohamed Amjahid: "Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein" im Verlag Hanser
Amjahids "Unter Weißen" erzählt von Widerständen, aber auch von hartnäckigen kolonialen Weltbildern in den Köpfen Betroffener, von Vorurteilen und Konkurrenzkämpfen untereinander. Das Buch ist eine gelungene Intervention in die unendliche Migrationsdebatte, die mit Gelassenheit, Geduld und zugänglicher Sprache überzeugt.

Mit dem Generalverdacht und der unfreiwilligen Kunst, anders behandelt zu werden, kennt sich Amjahid aus. Eindrücklich erzählt er von bürokratischen Hürden und den vergeblichen Versuchen, ein deutsches Visum zu bekommen. Episodisch berichtet er von aufreibenden Behörden-Odysseen, lachenden Sachbearbeitern und der Abhängigkeit von "weißen Bürgschaften", um sein Recht durchzusetzen.

Doch davon will er sich nicht unterkriegen lassen, regelmäßig fordert er die Grenzen der Mobilität heraus. An der texanisch-mexikanischen Grenze steht er angekettet im Kreuzverhör, in Ungarn versteckt er Geflüchtete in einer Synagoge und zurück in München erklärt ihm eine Flüchtlingshelferin am Bahnhof wie man Seife benutzt.

Rassismus als Phänomen der gesellschaftlichen Mitte

Rassismus ist nicht einfach ein Problem des rechten Randes, so Amjahid. Er zeigt sich auch unter "toleranten Weltverbesserern", in wohlgemeinten Gesten und paternalistischen Übergriffen, oder in unsichtbaren Privilegien.

Deshalb fordert der Autor eine konsequente Dekolonisierung, einen gesellschaftlichen Lernprozess. Dazu gehöre aber auch gleichberechtigten Zugang zu Ressourcen, Rechten und Repräsentation für Minderheiten zu schaffen, ob in öffentlichen Ämtern, in Führungspositionen von Unternehmen, in der deutschen Film- und Kunstbranche oder in der Medienlandschaft.

Denn: "Der Rassismus vergangener Tage – und auch der von heute – gleicht einer Plastikflasche, die man in den Müll wirft und von der man glaubt, man habe sie entsorgt. Dabei landet die Flasche vielleicht im Meer, und Fische ersticken an den Plastikmolekülen, oder sie wird auf einer Mülldeponie verbrannt, so dass die giftigen Stoffe in die Atmosphäre gelangen, oder sie liegt Hunderte Jahre irgendwo herum und will sich partout nicht zersetzen".

Es sind Sätze wie diese, die "Unter Weißen" zu einem klaren, unmissverständlichen Spiegelbild der Mehrheitsgesellschaft machen und dazu anregen, sich mit den eigenen Privilegien auseinanderzusetzen. Dabei nimmt der Autor auch Nichtweiße in den Blick. Er erzählt von Widerständen, aber auch von hartnäckigen kolonialen Weltbildern in den Köpfen Betroffener, von Vorurteilen und Konkurrenzkämpfen untereinander.

Amjahid verliert sich nicht im Abstrakten. Selbstironisch und doch mit dem nötigen Feingefühl kramt er in die schier unendliche Erfahrungskiste jener Menschen, die allzu oft zur Projektionsfläche weißer Fantasien, Ängste und sexueller Gelüste werden. In der Rassismusforschung ist dieser Prozess unter dem Begriff des "Othering" bekannt.

"Wir" und "die Anderen"

Edward Said legte 1978 mit seiner Kritik des Orientalismus den Grundstein für die kritische Analyse eines Diskurses, der den "Orient" und seine Bewohner erfinde und beherrsche. Insbesondere der antimuslimische Rassismus lebt von der Zweiteilung in "Wir" und "die Anderen". So werden aus Menschen plötzlich "Muslime", die aufgrund ihrer zugeschrieben Kultur und Religion zum kollektiven Störenfried erklärt werden. Ausdrücklich versteht Amjahid sein Buch an der Schnittstelle zur postkolonialen Kritik. Er zeigt, dass der Diskurs über die Anderen weit mehr über den Sprechenden aussagt als über sein überzeichnetes Gegenüber.

"Unter Weißen" ist eine gelungene Intervention in die unendliche Migrationsdebatte, die mit Gelassenheit, Geduld und zugänglicher Sprache überzeugt. Es ist keine Anklage, vielmehr eine Einladung. Mehr kann es auch nicht sein, denn darin liegt eines der größten, weißen Privilegien; nämlich sich freiwillig entscheiden zu können, ob man sich mit Rassismus auseinandersetzen will oder nicht.

Ozan Keskinkilic

© Qantara.de 2017

Mohamed Amjahid: "Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein", Hanser Berlin, 192 Seiten, ISBN 978-3-446-25472-5

Ozan Keskinkilic ist Politikwissenschaftler, Aktivist und freier Autor in Berlin. Er ist Gründungsmitglied der Salaam-Schalom Initiative und forscht an der Alice Salomon Hochschule Berlin zu postnazistischer Erinnerungskultur und deutscher Kolonialgeschichte.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: "Der Rassismus gleicht einer Plastikflasche im Meer…"

Rassisten sind immer die Anderen - in Frankreich,wo ich lebe, weigern sich Elite und Volk , sich mit der eigenen Kolonialzeit kritisch auseinander zu setzen. Und Deutschland basteln sich altnazis und Neue rechtspopulisten den Islam als ein neues Feindbild. Ich bin dankbar, dass es Menschen wie Mohammed Amjahed gibt.

Kira Lessing27.02.2017 | 20:43 Uhr