Protestaktion zum Gedenken an Hrant Dink zu seinem 5. Todestag vor der Hrant Dinks ehemaligem Redaktionsbüro von Agos (photo: Reuters)
Mildes Gerichtsurteil im Mordprozess von Hrant Dink

Freispruch für das radikal-nationalistische Lager

Genau fünf Jahre nach dem kaltblütigen Mord an dem türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink verurteilt die türkische Justiz nur einen einzigen von 19 Angeklagten. Das Gerichtsurteil erwischt die türkische Öffentlichkeit wie ein Schock. Jürgen Gottschlich berichtet aus Istanbul

"Ich bin selbst unzufrieden mit dem Urteil das wir fällen mussten, aber wir hatten keine Beweise für einen organisierten Mord." Angesichts der Empörung, die über den Ausgang des Verfahrens gegen die Mörder des armenischen Journalisten Hrant Dink derzeit in der Türkei herrscht, will selbst der Richter, der das umstrittene Urteil fällte, mit dem Verfahren am liebsten nichts mehr zu tun haben. "Wir hatten keine Beweise", sagte er in mehreren Interviews, "aber das bedeutet nicht, dass es nicht doch eine Organisation hinter dem Attentat auf Hrant Dink gibt."

Am Dienstagabend dieser Woche hatte die 14. Strafkammer des Istanbuler Gerichts für schwere Straftaten unter dem Vorsitz von Richter Rüstem Eriylmaz nach mehr als vier Jahren Verhandlung 18 von insgesamt 19 Angeklagten freigesprochen und als Begründung angegeben, es habe keine Terrororganisation gegeben, die hinter dem Mord an dem bekanntesten armenischen Journalisten der Türkei stand, und folglich können die Angeklagten nicht Mitglieder einer Terrororganisation gewesen sein.

Landesweite Empörung über das Urteil

Im Gerichtsaal brach ein Tumult aus, hunderte Beobachter und Freunde von Hrant Dink, die vor dem Gericht gewartet hatten, brachen noch am gleichen Abend zu einer spontanen Protestdemonstration auf. Seitdem beherrscht der Hrant Dink-Prozess die Schlagzeilen des Landes.

photo: Reuters
"Wir sind alle Hrant Dink, Wir sind alle Armenier": Protest gegen das Gerichtsurteil am fünften Todestages des beliebten Journalisten. Angesichts der langesweiten Erschütterung hatte die Ermordung Dinks 2007 zunächst eine Enttabuisierung der Debatte um die Massaker an den Armeniern geführt. Das Gerichtsurteil, das die mutmaßlichen Hintermänner freispricht, wird von vielen als Rückschlag der zivilgesellschaftlichen Öffnung des Landes gesehen.

​​Angefangen von Staatspräsident Abdullah Gül und Ministerpräsident Tayyip Erdogan, die beide darauf verwiesen, dass dieses unbefriedigende Urteil ja noch nicht der Abschluss des Verfahrens sei, sondern demnächst eine Berufungsverhandlung vor dem Obersten Gericht folgen werde, über nahezu alle Kommentatoren bis hin zu zehntausenden Bürgern, die gestern am 5. Todestag von Hrant Dink wütend durch die Straßen von Istanbul, Ankara, Izmir und Adana zogen, kritisieren alle das Gericht.

Der Prozess gegen die Mörder von Hrant Dink war und ist der wichtigste politische Prozess des letzten Jahrzehnts in derTürkei. Am 19. Januar 2007 war der bekannteste armenische Journalist und Menschenrechter Hrant Dink vor dem Haus, in dem seine armenisch-türkische Wochenzeitung "Agos" residiert, erschossen worden. Ein damals noch minderjähriger Täter, Ogün Samast, tötete ihn aus nächster Nähe mit einem Schuss in den Kopf.

Hitzige Debatte um die Massaker an den Armeniern

Vom ersten Moment an war allen Beobachtern klar, dass dieser 17-jährige Jugendliche kein Einzeltäter gewesen sein kann, sondern lediglich ausführendes Organ einer geheimen Gruppe, die den Mord an Hrant Dink beschlossen und geplant hatte. In den Monaten vor dem Mord war Hrant Dink zum Hassobjekt des nationalistisch gesinnten Teils des Landes geworden.

In seinen Artikeln und öffentlichen Auftritten hatte er immer dringender eine offene Auseinandersetzung mit dem Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich gefordert und war deshalb immer stärker angefeindet worden.

photo: RIA Novosti
Angeklagt wegen "Beleidigung des Türkentums": Der Literaturnobelpreisträger hatte die Massaker an den Armeniern thematisiert

​​Die Debatte um die Enttabuisierung des Völkermordes erreichte damals einen ersten Höhepunkt. Der spätere Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk wurde wegen "Beleidigung des Türkentums" angeklagt, weil er in einem Interview gesagt hatte, eine Million Armenier wurden damals ermordet und niemand in der Türkei rede darüber. Doch plötzlich redeten immer mehr Leute darüber. Es gab eine erste öffentliche Veranstaltung in einer Universität, während der die Leute zu Wort kamen, die sich gegen die offizielle Vertuschung des Genozids wandten.

Die Nationalisten versuchten diesen Dammbruch zu verhindern, indem sie jeden, der über das Leid der Armenier sprach, wegen "Beleidigung des Türkentums" anzeigten. Willfährige Staatsanwälte brachten diese Anzeigen vor Gericht. Der prominenteste Journalist, der nicht nur wegen der Beleidigung des Türkentums angeklagt und in letzter Instanz auch verurteilt wurde, war Hrant Dink. Schließlich war er Armenier.

Amtliche Verwarnung statt Opferschutz

Mit dem Urteilsspruch war Hrant Dink als Opfer markiert. Er bekam Morddrohungen, doch die Istanbuler Polizei weigerte sich ihn zu schützen. Stattdessen wurde er ins Büro des Gouverneurs bestellt und von hohen Geheimdienstoffizieren verwarnt. Freunde rieten ihm das Land zu verlassen, doch Hrant Dink wollte bleiben. Wenig später war er tot.

Die erste Spur führte in die Schwarzmeerstadt Trabzon. Der jugendliche Todesschütze stammt aus Trabzon und gehörte dort zu einer rechtsradikalen Clique, die bereits mit dem Mord an dem italienischen katholischen Priester Andrea Santaro in Trabzon im Februar 2006 in Verbindung gebracht worden war, auch wenn im Santaro Mord ebenfalls ein Jugendlicher als Einzeltäter verurteilt wurde.

Die Clique hatte Kontakte zur islamisch-nationalistischen "Partei der Großen Einheit", BBP, und sie stand in Verbindung mit der Gendarmerie, dem Geheimdienst MIT und der Trabzoner politischen Polizei. Außerdem gehörte ein Polizeispitzel zu der Gruppe, der die Behörden in Trabzon über die Mordpläne gegen Hrant Dink auf dem Laufenden hielt.

Neubewertung armenischer Identität in der Türkei

All diese Verbindungen wurden in dem Prozess nicht untersucht. Bereits 2010 verurteilte das Europäische Gericht für Menschenrechte in Straßburg die Türkei, weil die Behörden Hrant Dink nicht geschützt haben, obwohl sie von den Mordplänen wussten. Trotzdem hatte die türkische Öffentlichkeit eine hohe Erwartung an den Prozess.

photo: picture-alliance/dpa
Für sein Engagement wurde Dink am 12. Mai 2006 in Hamburg mit dem Henri-Nannen-Preis für Verdienste um die Pressefreiheit ausgezeichnet. Zeitlebens setzte er sich für die Aussöhnung von Türken und Armeniern ein.

​​Zu jeder Verhandlung erschienen hunderte Beobachter und Prozessteilnehmer und forderten Gerechtigkeit für Hrant Dink. Auch die Medien blieben am Ball. Über Jahre wurde kontinuierlich berichtet und immer schwang die Frage im Hintergrund: musste Hrant Dink sterben, weil er Gerechtigkeit für die Armenier in der Türkei forderte und die Vergangenheit eben nicht ruhen lassen wollte.

Die massive Reaktion auf das Urteil, in dessen Folge für den Mord an Hrant Dink schließlich nur der Todesschütze und eine weitere Person, die ihn angestiftet haben soll, verurteilt wurde, zeigt, dass ein großer Teil der Öffentlichkeit von dem Prozess auch eine Neubewertung der Armenier als Teil der türkischen Gesellschaft erwartet hatte. Gerechtigkeit für Hrant Dink, das kann nichts anderes bedeuten als Gerechtigkeit für die armenische Minderheit, die heute noch in der Türkei lebt und vor allem Gerechtigkeit für die Opfer des Völkermordes 1915.

Auch wenn die offizielle Politik in der Türkei sich kürzlich noch einmal ungemein erregte, weil das französische Parlament die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern unter Strafe stellen will – das ehemalige Tabu ist längst gebrochen. Die Folge des Mordes an Hrant Dink ist, dass immer mehr Menschen in der Türkei bereit sind zu akzeptieren, dass 1915 an den Armeniern des Osmanischen Reiches ein furchtbares Verbrechen begangen wurde. Daran ändert auch der unbefriedigende Ausgang des Prozesses nichts.

Jürgen Gottschlich

© Qantara.de 2012

Redaktion: Lewis Gropp/Qantara.de

Mehr zum Thema
Druckversion
E-Mail verschicken
Ihre Meinung zu diesem Artikel
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

Seiten