Migration in Deutschland

Elitenkonsens versus Mehrheitsmeinung?

In Deutschland gehen die Meinungen über Zuwanderung und Migration oft weit auseinander. Eine aktuelle Studie des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung zeigt die unterschiedlichen Positionen der Bevölkerung zu Fragen der Einwanderung vor dem Hintergrund sozialer und bildungspolitischer Faktoren auf. Darüber sprach Shohreh Karimian mit Marc Helbling, einem der Initiatoren der Publikation.

Die Veröffentlichung der Berliner Wissenschaftler Céline Teney und Marc Helbling basiert zum Teil auf Fragen zu Einstellungen und Werten aus einer Umfrage, die im Rahmen einer im Sommer 2013 veröffentlichten Studie namens “Entscheidungsträger in Deutschland: Werte und Einstellungen“ durchgeführt wurde. Die Zielpersonen dieser Studie waren die deutschen Kerneliten, bestehend aus 354 Inhabern von Spitzenpositionen aus Politik und Verwaltung, Justiz und Militär, Wirtschaft und Gesellschaft sowie Kultur und Wissenschaft.  

Diese Studie lieferte die Einstellungen der Führungskräfte zu wichtigen politischen Themen, einschließlich Fragen zum Thema Immigration. Céline Teney und Marc Helbling verwendeten das Ergebnis dieser Studie als Basis für ihre Publikation und haben die Daten aus der Elite-Studie mit Einstellungen unter der allgemeinen Bevölkerung, d.h. Personen, die nicht in die erste Kategorie fallen, zu den gleichen Themen verglichen.

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Herr Helbling, wie kamen Sie auf die Idee, die Haltung bestimmter Bevölkerungsgruppen zum Thema Migration zu untersuchen?

Marc Helbling: Wir haben uns insbesondere gefragt, ob es Unterschiede zwischen der Elite und der Bevölkerung in Hinblick auf die Migrationspolitik gibt. Wir wollten wissen, ob die Vermutung stimmt, dass die Elite hierzulande anders über gewisse Themen denkt als die normale Bevölkerung.

Ihre Studie hat gezeigt, dass es klare Meinungsunterschiede in der Migrationsfrage innerhalb der deutschen Bevölkerung gibt. Demnach lässt sich festhalten, dass die Elite die Zuwanderung in vielen Fällen begrüßt, wohingegen ein bestimmter Bevölkerungsteil starke Vorbehalte hat. Haben Sie mit diesem Ergebnis gerechnet? Und wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?

Helbling: Wir haben vermutet, dass die Elite anders über Migrationsfragen denkt als der Durchschnitt der Bevölkerung. Einerseits kann man sich die Diskrepanz sicherlich durch die bestehenden Bildungsunterschiede erklären. Die Umfragedaten haben gezeigt, dass die Elite im Durchschnitt viel gebildeter ist als die sogenannten „Durchschnittsdeutschen“. Es ist auch nicht so überraschend, dass knapp 90 Prozent der Befragten einen Universitätsabschluss haben. Wir wissen aus der Forschung, dass der Grad der Bildung im Zusammenhang mit liberalen Einstellungen in Migrationsfragen steht.

Andererseits haben wir aber auch gesehen, dass Bildung allein diesen Unterschied nicht komplett erklärt. Selbst wenn man die Kerneliten hinsichtlich ihrer allgemeinen politischen Positionen mit den Einstellungen von Bürgern mit einem höheren Bildungsabschluss vergleicht, gibt es immer noch einen kleinen Unterschied und diesen führen wir darauf zurück, dass verschiedene Vertreter der Elite schon immer für eine offene Migrationspolitik eingetreten sind. Das heißt, es handelt sich hier um ein allgemeines soziales Phänomen, nämlich um Sozialisierungseffekte innerhalb der Elite. Wegen ihrer gesellschaftlichen Stellung muss sich die Elite einer "politischen Korrektheit" anpassen. Die Elite bildet demnach eine soziale Gruppe und die Mitglieder dieser Gruppe beeinflussen sich gegenseitig und bauen so ein Gemeinschaftsgefühl auf – dieses Gemeinschaftsgefühl äußert sich auch in Bezug auf ihre Haltung zur deutschen Einwanderungspolitik.

Marc Helbling; Foto: David Ausserhofer
Marc Helbling (hier abgebildet) und Céline Teney schreiben in ihrer Publikation über die unterschiedlichen Meinungen der Kerneliten und "allgemeinen" Bevölkerung hinsichtlich Immigrationsfragen in Deutschland.

Nun könnte man einwenden, dass ein Thilo Sarrazin dieser Kernelite zwar angehört, mit seinen höchst umstrittenen und polarisierenden Ansichten jedoch als vehementer Migrationskritiker gilt.

Helbling: Er ist natürlich ein schlagendes Beispiel für eine Person, die dem herrschenden Elitenkonsens völlig widerspricht. Und genau das hat auch zu einer so großen politischen und medialen Debatte um ihn geführt. Wenn wir sagen, die Elite ist liberaler als der Rest der Bevölkerung, meinen wir damit natürlich nicht, dass jede einzelne Person der Elite liberaler als der Rest der Bevölkerung ist. Es handelt sich also hierbei immer um Durchschnittswerte und natürlich gibt es da auch Abweichungen.

Thilo Sarrazin ist ein extremes Beispiel für eine solche Abweichung, ein Ausnahmefall und das zeigte sich auch in den Mediendebatten, weil er untypischerweise ganz andere Positionen einnimmt als der Rest der Eliten und damit natürlich auch sehr stark provoziert hat.

Glauben Sie, dass ein Bewusstseinswandel bei bestimmten Bevölkerungsgruppen in Hinblick auf Zuwanderung und Migration nötig ist?

Helbling: Ich denke, ein Bewusstseinswandel findet automatisch statt, wenn verschiedene Kulturen aufeinander treffen. Migration führt natürlich zu Diskussionen über die eigene Identität. Sobald ein Mensch mit Personen aus anderen Kulturkreisen konfrontiert ist, fängt er an, seine eigene Kultur mit der jeweils anderen zu vergleichen. So entstehen oder verändern sich Kulturen. Menschen passen sich Kulturen an, übernehmen Dinge aus anderen Kulturen oder grenzen sich ab. Ich glaube, das sind normale Entwicklungen, die überall so stattfinden.

Lassen sich ähnliche Unterschiede auch bei anderen europäischen Staaten beobachten?

Helbling: Das wissen wir nicht, weil wir dazu keine Erhebungen geführt haben. Wenn man jedoch die Diskussionen verfolgt, kann man davon ausgehen, dass es in anderen Ländern ähnliche Unterschiede gibt. Es gibt Studien über Einstellungen zur Europäischen Union und diese zeigen, dass es zwischen der Elite und der Bevölkerung durchaus Unterschiede gibt.

Wir vermuten, dass die Elite in Deutschland liberaler ist als anderswo. Das hat teilweise historische Gründe, da es sicherlich in Deutschland schwieriger ist, nationalistische Diskurse zu vertreten.

Interview: Shohreh Karimian

© Qantara.de 2014

Dr. Marc Helbling ist Leiter der Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe “Einwanderungspolitik im Vergleich“, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

Redaktion: Loay Mudhoon/Qantara.de

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