Merzak Allouaches Film "Tahqiq fel Djenna"

72 Weintrauben

In "Tahqiq fel Djenna" ("Erforschung des Paradieses") untersucht Merzak Allouache sexualisierte Vorstellungen eines Paradieses, wie sie salafistische Prediger verbreiten. Von René Wildangel

Merzak Allouache ist der wohl derzeit bekannteste algerische Filmemacher. Der auch international erfolgreiche Regisseur hat bisher hauptsächlich Spielfilme gemacht. In Tahqiq fel djenna ("Erforschung des Paradieses") erzählt er die Geschichte der Journalistin Nedjma und ihrem Kollegen Mustapha, die eine Recherche über salafistische Prediger und die Wirkung ihrer Ideen in der algerischen Gesellschaft machen. Die fiktive Rahmenhandlung wird kombiniert mit dokumentarischen Szenen, in denen Menschen an verschiedenen Orten in Algerien interviewt werden.

Ausgangspunkt des Films ist das Video eines salafistischen Predigers aus Saudi-Arabien, auf das Nedjma bei ihren Recherchen stößt. Seine Vision vom Paradies macht sie fassungslos. Im Video schildert er ausschweifend, wie die 72 "Houris" (Jungfrauen) im Paradies aussehen: "Eine Jungfrau mit schwarzem Haar und Alabaster-Haut... Und was für Brüste! Was für ein Mund...! Die Schenkel und Beine! So weiß! So schön! Und das ganz ohne Lotion. Weder Nivea noch Vaseline... Eine Jungfrau wird ein Glas Wein reichen. Ja, Wein! Und der Wein ist besser im Paradies als der auf Erden."

Keine Niveacreme, aber guter Wein? Nedjma guckt erst belustigt, dann runzelt sie die Stirn. "Gibt es viele solcher Videos auf youtube?", fragt sie ihren Kollegen. "Ja", meint Mustapha, "wenn man Houri eingibt, kommen Tausende solcher Aufnahmen." Dieses reale Video war auch der Ausgangspunkt für den Film. Allouash sah es, als Bekannte es auf seiner Facebook-Wand posteten. "Ich habe 5.000 Facebook-Freunde", sagt er, "da sind alle möglichen Leute dabei."

Nachdem er das Video gesehen hatte, stellte sich Allouache viele Fragen: Welche Spuren hinterlassen solche Videos, die auf unzähligen religiösen Fernsehkanälen laufen? Wie Ernst werden sie genommen? Haben sie die Poesie und Zurückhaltung der traditionellen islamischen Annäherung an das Paradies überlagert?

Das Paradies - ein Ort, an dem es keine Steuern gibt

So entscheidet er sich, die fiktive Journalistin Nedjma auf die Reise zu schicken. Es muss eine Frau sein, welche die Menschen nach der sexuellen Belohnung von Männern im Paradies befragt. Im Rahmen ihrer Recherche zeigt sie zahlreichen Menschen das Video des saudischen Predigers.

Unter anderen trifft sie zahlreiche prominente algerische Künstler, Aktivisten und Intellektuelle. Deren Visionen des Paradies sind ganz andere: Ein Ort, an dem es keinen Stress gibt, zum Beispiel, oder keine Arbeit. Ein Ort an dem alle gleichberechtigt sind. Ein Ort, an dem alle gut gelaunt sind. Und ein Ort, "an dem es keine Steuern gibt", sagt die bekannte algerische Schauspielerin Biyouna im Interview lachend.

Auch die Dramaturgin Hamida Ait el Hadj lacht über den Prediger im Video: "Und wer wartet dann auf die Frauen, wenn für die Männer 72 Jungfrauen da sind? Das verstehe ich nicht. Wie werden wir denn behandelt? Oder sollen wir wieder putzen? Und kochen?" Biyouna weist darauf hin, dass solche Bilder erst in jüngster Zeit populär geworden sind. "Und 72 sind ganz schön viel oder? Die haben hier auf der Erde Probleme mit einer, und im Paradies wollen sie 72?"

Es ist dieser Witz, der dem Film von Allouache eine wohltuende Distanz verleiht; es ist keine Klischee beladene oder vorverurteilende Suche nach Islambildern in der jungen algerischen Gesellschaft. Dazu passt auch, dass die Recherchereise in sachlichen, aber auch schönen Schwarz-Weiß Kontrasten gefilmt wird. Es schwingt Wehmut mit über das, was hier verloren geht.

Die Bilder, die sich vielen Jugendlichen vom Paradies eingeprägt haben, sind in ihrer popkulturellen, aber auch konsumkonformen Aufbereitung neu. Islamische Gelehrte, die Nedjma im Landesinneren in der Kleinstadt Timimoun besucht, kritisieren den Fernsehprediger und seine Ideologie deutlich: "Der redet viel, aber sagt nichts." Mit traditionellen Vorstellungen habe das nichts zu tun. Und was hat der Regisseur selbst für eine Vorstellung vom Paradies? "Ich bin selbst mit der klassischen islamischen Tradition aufgewachsen, und für mich ist das Paradies etwas Schönes, aber auch Unbeschreibliches."

Viele lachen über das Video, andere warnen. Ein ehemaliger Salafist meint, dass die Prediger die sexuelle Frustration vieler junger Menschen gezielt ausnutzen. So könnten sie leicht für den Dschihad instrumentalisiert werden. In der kuriosen Vorstellungswelt ist die Doppelmoral frappierend: Diesseits wird strikte Geschlechtertrennung, Verschleierung propagiert, aber in der Predigt über das Paradies werden ausschweifende sexuelle Phantasien verbreitet.

"Porno-Islamismus"

Auch der Autor Kamel Daoud kritisiert die Instrumentalisierung der Sexualität und spricht von "Porno-Islamismus". "Das Ganze ist tragisch und komisch zugleich, diese Männer wünschen sich ein Leben, aber erst nach dem Tod." Gleich mehrere Gesprächspartner, die Nedjma interviewt, machen den Wahabismus saudischer Prägung auch für Algeriens Bürgerkrieg, für die "schwarze Dekade" verantwortlich.

Filmszene aus Allouaches "Taqiq fel djenna"; Quelle:  Asphofilms/Baya Films
Salafistischen Begierden auf der Spur: In "Tahqiq fel djenna" ("Erforschung des Paradieses") erzählt er die Geschichte der Journalistin Nedjma und ihrem Kollegen Mustapha, die eine Recherche über salafistische Prediger und die Wirkung ihrer Ideen in der algerischen Gesellschaft machen.

In den Gesprächen mit jungen Männern an verschiedenen Orten in Algerien wird deutlich, wie viele Spuren die Prediger in ihrer Phantasie hinterlassen. Und wie wichtig die Sehnsuchtsorte sind, wenn das Leben auf Erden so wenig Chancen bietet.

In einem Internetcafé befragt Nedjma junge Männer, Frauen wollen nicht vor die Kamera treten. Die Antworten sind zwar nicht identisch, greifen aber meist die Verheißungen von populären Predigern wie Sheikh Shemseddin, einem der bekanntesten algerischen Fernsehprediger, auf. Das heißt noch lange nicht, dass alle diese jungen Männer potentielle Gewalttäter sind, und die plumpe Suggestion vermeidet Allouache bewusst.

Was also sind die Gründe für den Erfolg der Prediger? "Ich bin kein Soziologe", sagt Allouache, aber es sei offensichtlich, dass die Marginalisierung der Jugendlichen, die Chancenlosigkeit, die sie auch auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer treibt, empfänglich macht für solche Propaganda. Außerdem ermöglichen die sozialen Medien die große Reichweite der Videos. Denn ins Kino gehe kaum jemand, das öffentliche Interesse sei in Algerien gering.

Gähnende Leere in Algeriens Kinosälen

"Es gibt nur noch ganz wenige Kinosäle. Das ist natürlich eine frustrierende Situation für einen Filmemacher", sagt der Regisseur. Wenn überhaupt, werden Filme von einer größeren Öffentlichkeit nur wahrgenommen, wenn sie im Fernsehen laufen oder über youtube verbreitet werden. Allouache hat die Hoffnung, dass vielleicht auch sein Film dort verbreitet und diskutiert werden könnte.

Und wie kann man den schädlichen Bildern der Salafisten begegnen? Neue Antworten hat Allouache nicht; die Prediger selbst verweigern das Gespräch. Allouache versucht ihre Bilder bloßzustellen. Auch der Journalist Mustapha scherzt am Ende, Gelehrte hätten jetzt das Problem gelöst: Das mit den 72 Jungfrauen war nur ein Missverständnis. In Wirklichkeit gehe es nur um eine Jungfrau, und die sei 72 Jahre alt. Schon einmal gab es Diskussionen ob es sich bei den "Houris" nicht eventuell um einen Übersetzungsfehler handele und es im Koran in Wirklichkeit um 72 Weintrauben gehe. Die extremistischen Prediger würde es in Erklärungsnöte bringen.

René Wildangel

© Qantara.de 2017

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