Und wie verfuhr man mit den Aktivistinnen der politischen Linken?

Baradaran: Den Vertreterinnen der Linken stellte man die Frage: "Bist Du eine gläubige Muslimin?". Wenn diese Frage verneint wurde, bedeutete das Hinrichtung. Wenn jemand sagte, "Ich bin in einer islamischen Familie geboren", wurden weitere Fragen gestellt, etwa: "Betest Du?" Und je nach Vorstellung dieser Richter wurden die Gefangenen dann entweder hingerichtet oder nicht.

Das heißt, man konnte dem Tod entgehen, indem man log?

Baradaran: Ja. Doch die meisten Gefangenen hatten keine Ahnung, wozu diese Verhöre letztlich genau dienten. Manche dachten, es ginge lediglich darum, innerhalb des Gefängnisses bestimmte Gruppierungen voneinander zu trennen.

Warum hat das Regime die Massenhinrichtungen irgendwann beendet und nicht alle linken Gefangenen und Mudschaheddin beseitigt?

Baradaran: Dafür gibt es keine plausiblen Gründe. Aber ich gehe davon aus, dass das Regime davon überzeugt war, genug Schrecken verbreitet und seine politischen Gegner mit den Massenhinrichtungen zum Schweigen gebracht zu haben. Sie wollten das Grauen nicht in die Länge ziehen, um eventuellen Protesten der Familien und Menschenrechtler vorzubeugen.

Der Friedhof von Khavaran, Iran; Foto: IHR
Friedhof Khavaran - Massengrab der Opposition: Auf den ersten Blick Brachland, verbirgt Khavaran die Massengräber der hingerichteten Dissidentinnen und Dissidenten. Ein Ort mit Symbolcharakter für die systematische Eliminierung von Teilen der iranischen Opposition in den 1980er Jahren.

Glauben Sie nicht, dass kritische Stimmen innerhalb des Systems ein Grund für die Beendigung der Massenhinrichtungen gewesen sein könnten?

Baradaran: Ayatollah Montazeri, der designierte Nachfolger von Revolutionsführer Khomeini, der später in Ungnade fiel und unter Hausarrest gestellt wurde, hat dagegen protestiert. Vor nicht allzu langer Zeit wurde eine Tonaufnahme veröffentlicht, in der er mit den Richtern spricht, die die Gefangenen im Sommer 1988 zum Tode verurteilt hatten. Auf diesen Aufnahmen äußert er sich empört über die Geschehnisse. Doch die Richter sprechen so unbekümmert über ihre Urteile, als ginge es hier nicht um die Tötung von Menschen, sondern um rein geschäftliche Angelegenheiten.

Wusste eigentlich außer den Verantwortlichen niemand von diesen geheimen Hinrichtungen?

Baradaran: Doch, es gab vereinzelt Informationen darüber. Die Familien wussten, dass das Besuchsverbot kein gutes Zeichen sein konnte, dass etwas Ungewöhnliches im Gange war. So kam es, dass sie sich immer wieder vor den Gefängnissen versammelten und nach Erklärungen fragten. Über die Vorkommnisse informierten sie auch das Ausland, so bekamen schließlich auch Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International davon Wind. Im Iran selbst hatten manche Freitagsprediger wie Rafsandschani oder Mousavi Ardebili Andeutungen gemacht, was Schreckliches vermuten ließ. Doch über das wirkliche Ausmaß der Hinrichtungen wusste niemand Bescheid.

Wurden Sie auch verhört?

Baradaran: Nein.

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