Marwan Hishams Roman "Brothers of the Gun"

Unsterbliche Kunst und unsterbliche Worte

In seiner Coming-of-Age-Geschichte berichtet der syrische Journalist Marwan Hisham von seinem Leben in Raqqa und greift dabei zeitlose Fragen auf: Was bedeutet Erwachsenwerden? Warum rebellieren Teenager? Und wie geht man mit einem moralischen Dilemma um? Von Marcia Lynx Qualey

Nach 2011 gelangte syrische Literatur in Wellen in die Buchhandlungen anglophoner Länder, teils bereits auf Englisch verfasst, teils ins Englische übersetzt. Dazu zählten Werke wie Samar Yazbeks "Schrei nach Freiheit. Bericht aus dem Inneren der syrischen Revolution" und "Die gestohlene Revolution. Reise in mein zerstörtes Syrien", aber auch Hamid Suleimans Graphic Novel "Freedom Hospital". Die meisten Autorinnen und Autoren wollen dabei nicht nur ästhetisch überzeugen, sondern möglichst direkt in die Weltpolitik eingreifen. Doch da der Krieg in Syrien weitergeht, wirken viele von ihnen mittlerweile überholt.

Marwan Hirshams "Brothers of the Gun", illustriert von der US-amerikanischen Künstlerin Molly Crabapple, bietet einen anderen Zugang zu der Thematik. Das Raqqa von 2010 ist, kulturell gesehen, aus Sicht des Erzählers hinterste Provinz und kann froh sein, immerhin ein modernes Café zu besitzen. Doch die Stadt verändert sich: 2011 reagiert sie noch mit Zorn auf die Demonstranten, bald darauf empfängt sie sie mit offenen Armen.

Zwischen Assad-Regime und IS-Dschihadisten

Für kurze Zeit wird Raqqa "von jenen kurzen Lichtstreif zwischen dem Regime und dem Islamischen Staat" erhellt, dann nistet sich der IS ein und macht die Stadt zum Zentrum seiner kurzlebigen, repressiven Gewaltherrschaft. Der Autor, zu Anfang des Buches ein Teenager, der seine Heimatstadt verachtet, wächst zum jungen Mann heran, der nicht mehr aus ihr herauskommt.

Man zieht unwillkürlich Parallelen zu Dunya Mikhails Roman "The Beekeeper" aus dem Jahr 2018, in dem die Autorin von Frauen erzählt, die vom IS gekidnappt wurden. Diese Frauen wurden als Sexsklavinnen ge- und verkauft, zum Teil auch aus dem Irak auf die Märkte der syrischen Stadt Raqqa verschleppt. Ihre Geschichte schildert Mikhail.

In Hishams Buch verschwinden die meisten Frauen aus der Öffentlichkeit, nachdem der IS die Stadt übernommen hat, und wir hören die Geschichten der Männer. Wenn die Sexsklavinnen des IS dann doch einmal auftauchen, hat der Autor nach jahrelangen Kriegserfahrungen offenbar Mühe, die Situation zu erfassen.

Buchcover Marwan Hisham: "Brothers of the Gun"; Quelle: One World
Vom kulturellen Niemandsland zur IS-Kapitale: 2010 konnte sich Raqqa aus Hishams Sicht glücklich schätzen, wenigstens ein modernes Café zu haben. Ein Jahr später wird die Stadt von "einem kurzen Lichtstreif zwischen dem Regime und dem Islamischen Staat" erhellt, bevor sie kurz darauf dem IS in die Hände fällt. Aus Hisham, dem Teenager, der seine Heimatstadt verachtete, wird ein junger Mann, der nicht mehr aus ihr herauskommt.

Adoleszenz und Protest

Im Wesentlichen hält sich "Brothers of the Gun" an die Chronologie der Ereignisse. Das Buch setzt ein, als Hisham noch ein Kind ist: "Als ich neun Jahre alt war, glaubte ich, Hafiz al-Assad sei der Präsident der ganzen Welt". Auch wenn Hishams Kindheit in Raqqa keineswegs als Idylle geschildert wird, erscheint sie regelrecht paradiesisch im Vergleich zu dem muffigen, von Geistlichen geführten Internat, auf das er später von seinem strenggläubigen Vater geschickt wird. Das Essen ist ungenießbar, die Lehrer sind gelangweilt und das lebhafte Interesse der Schüler ist ihnen suspekt.

Einmal fragt Hisham seinen Arabischlehrer, ob die Schüler denn nicht die Übersetzung des "Kaufmann von Venedig" im Unterricht lesen könnten; daraufhin lässt der Lehrer das Buch aus der Schulbücherei entfernen.

Angewidert von dem trockenen, schematischen Religionsunterricht einerseits und dem aggressiv-nationalistischen Ton der säkularen Unterrichtsfächer andererseits, ist der Autor froh, wenn er endlich im Sommer nach Hause entkommen kann.

Nach dem Gymnasium besucht Nael, der beste Freund des Autors, in Damaskus die Kunsthochschule, während Hisham selbst in Aleppo, der zweitgrößten Stadt Syriens, englische Literatur studiert. Sehr anschaulich schildert der Autor, welche Gräben sich zwischen den Freunden auftun, als Nael in die hippe Kunstszene eintaucht und der Freund sich ausgeschlossen fühlt.

Gefährlich und cool sein

Im Sommer 2011 beteiligen sich sowohl der Autor als auch Nael in Raqqa an Demonstrationen, aber die Freunde sind sich fremd geworden. Nael, schreibt Hisham, "kaufte sich ein Paar Sneaker, die ihm angeblich helfen sollten, vor der Polizei zu fliehen, deren wahrer Zweck aber darin bestand, ihn gefährlich und cool aussehen zu lassen".

Der Wunsch, "gefährlich und cool" zu sein, veranlasst Nael dann auch, sich einer der frühen unabhängigen Oppositionsgruppen anzuschließen. Zu Beginn der syrischen Protestbewegung tummeln sich in "Brothers of the Gun" wechselnde Gruppierungen in der Stadt, und die sogenannte "Freie Syrische Armee" ist laut Hisham "eher ein Markenname" als eine Organisation mit einer klar gegliederten Befehlsstruktur.

Der Autor schließt sich keiner der Gruppen an. Doch er flieht auch nicht mit seiner Familie. Eine Zeitlang arbeitet er als bäuerlicher Selbstversorger. Nach der Machtübernahme des IS führt er ein Internetcafé, in dem sich die IS-Kämpfer die Klinke in die Hand geben. Am Ende wird er unbeabsichtigt zum Reporter, weil er nach eigenen Angaben die einzige Person ist, die auf Englisch aus Raqqa tweeten kann.

Vom kulturellen Niemandsland zur Hauptstadt und zurück

Raqqa, einst Hauptstadt des abbasidischen Kalifats, ist im 21. Jahrhundert aus Hishams Sicht eine hoffnungslos rückständige Kulturwüste. Die Familie des Autors entstammt der Arbeiterschicht und ist größtenteils konservativ gesinnt, nur ein Onkel ist künstlerisch tätig. Im Jahre 2010 beginnt dieser Onkel, ein Café zu einer Begegnungsstätte für traditionelle und zeitgenössische syrische Kunst auszugestalten.

2012 ist das Café endlich fertig und Crabapples Illustrationen sind an diesem Punkt der Geschichte besonders eindrucksvoll. Wir blättern eine Seite um und finden uns in einer Art Traumland wieder, einem Café mit gewölbten Decken, Brunnen, blühenden Pflanzen und einer schönen Terrasse.

Doch "das Timing hätte schlechter kaum sein können". Es dauert nicht lange, bis die bunten Glasfenster durch detonierende Bomben zerbersten. Im Januar 2013 verlangt der Anführer der örtlichen Rebellengruppe eine Art Schutzgeld, und Hishams Onkel flieht zunächst in die Türkei und dann nach Griechenland.

Während der ersten Kundgebungen, so Hisham, beschimpften die Einwohner von Raqqa die Demonstranten als aufsässige Kinder. In Bezug auf den Autor lagen sie tatsächlich nicht ganz falsch. Seine Wut auf den Staat und sein Zorn auf das konservative familiäre Umfeld flossen ineinander. Seine Teilnahme an den frühen Demonstrationen beschreibt er mit den Worten: "Ich war völlig enthemmt, und meine Devise hieß 'Scheiß drauf!'".

Die Stadt im Würgegriff des IS

Nach dem Mord an dem jungen Ali al-Babinsi ändert sich die Lage in Raqqa. Auf einmal strömt die ganze Stadt zu Kundgebungen zusammen. Als das Regime zurückschlägt, tun sich die unterschiedlichsten Gruppen zusammen und leisten Widerstand. Während Bomben auf die Stadt fallen, verkriecht sich der Autor zu Hause, wo er "so wenig erfuhr wie ein westlicher Beobachter". Als er aufwacht, gehört die Stadt dem IS.

Immer mehr Länder werden in den Krieg verwickelt, und Hisham kommentiert sarkastisch: "Die Syrer wurden bei den Sprechrollen nicht berücksichtigt". Zwar schließen sich sein Neffe und ein Nachbar für eine Weile dem IS-Lager an, doch Hisham stellt den "Islamischen Staat" als eine vorwiegend fremde Macht dar: "Diese Typen waren in Europa geboren, kamen aus europäischen Familien, und ich bin mir absolut sicher, dass keiner von denen vor 2013 auch nur das Wort Raqqa gehört hatte".

Aufgrund seiner englischen Tweets kommt zunächst der Kontakt mit Crabapple zustande, dann betätigt sich Hisham als Berichterstatter für westliche Medien. In Aleppo wird er einmal wegen seiner Tätigkeit kritisiert. "Glauben Sie etwa, Ihre Fotos können etwas ausrichten?", will ein Mann von ihm wissen.

Hisham ist bestürzt und kann nicht gleich antworten. Doch dann sagt er, nein, er wisse nicht, ob seine Worte und Bilder etwas ausrichten werden. Am Ende zählt nur zweierlei - "unsterbliche Kunst und unsterbliche Worte".

"Unsterblich" mag etwas zu hoch gegriffen sein, aber "Brothers of the Gun" hebt sich zweifellos von der Masse der literarischen Produktion zum Thema Syrien ab und wird wohl noch für einige Jahre eine lohnende Lektüre bleiben.

Marcia Lynx Qualey

© Qantara.de 2018

Übersetzung aus dem Englischen: Maja Ueberle-Pfaff

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.