Marokkanischer Feminismus

Emanzipation mit dem Koran?

Das marokkanische Familienrecht gehört zu den fortschrittlicheren der arabischen Welt, doch konservative Juristen entscheiden oftmals weiterhin zu Ungunsten der Frauen. Derweil kämpfen islamische Feministinnen mit dem Koran gegen patriarchalische Auslegungen des islamischen Rechts – ihre säkularen Kolleginnen sehen dies aber skeptisch. Von Wolf-Dieter Vogel

Symbolbild Islamischer Feminismus; Foto: Wikimedia Commons
Zwar sind im reformierten marrokanischen Familienrecht Frauen und Männer formal gleichberechtigt, doch in der marokkanischen Realität hat das bisher wenig zur Gleichstellung der Frau geführt.

​​ Fouzia Assouli lässt keine Zweifel: "Wir wollen die Verhältnisse, die auf der Dominanz der Männer beruhen, verändern." Seit vielen Jahren kämpft die säkular orientierte Marokkanerin für dieses Ziel. Als Leiterin der Frauenliga LDDF kümmert sich die Feministin um zahlreiche Projekte, in denen Frauen und Mädchen Hilfe finden. So etwa das Frauenhaus Tilila oder die Anlaufstelle für Frauen in Not, das "Centre d'Ecoute", im Herzen der Metropole Casablanca. Und sie setzte sich lange dafür ein, dass die weibliche Bevölkerung der männlichen juristisch gleichgestellt wird. Deshalb war für Assouli 2004 ein besonders wichtiges Jahr. Denn damals reformierte König Mohammed VI. die Moudawana, wie das marokkanische Familiengesetz genannt wird. "Seither hat sich einiges getan", bestätigt Assouli und spricht, wenn auch vorsichtig, von einem Fortschritt. Zuvor mussten Frauen ihren Ehepartnern gehorchen, nun sind beide Geschlechter vor dem Gesetz gleichberechtigt. Männer können ihre Frauen nicht mehr "verstoßen", für Ehegattinnen ist es möglich, selbst die Scheidung einzureichen. Nicht mehr islamische Geistliche, sondern staatliche Familienrichter verhandeln nun über die Trennung. Der Monarch ließ zudem das Heiratsmindestalter auf 18 Jahre erhöhen und verfügte, dass Männer keine vier Frauen mehr heiraten dürfen – von Ausnahmen abgesehen. Marokko bekam damit eines der fortschrittlichsten Familiengesetze der arabischen Welt. "Die Idee der Geschlechtergerechtigkeit hat Eingang in die Rechtssprechung gefunden. Das schafft neue Normen", resümiert die Feministin. Der größte praktische Erfolg der Moudawana sei aber zweifellos das neue Scheidungsrecht. "Die meisten kennen ihre Rechte nicht" Assoulis Kollegin Khadja Tikerouine, die im Centre d'Ecoute tätig ist, verweist jedoch gleich auf die Grenzen. "Wegen ihrer wirtschaftlichen Lage und der gesellschaftlichen Stimmung ist es für Frauen weiterhin schwierig, die Scheidung einzureichen", sagt Khadja. Nur die wenigsten kämen zu der Anlaufstelle. Vor allem auf den Land wären sich viele Frauen ihrer Möglichkeiten nicht bewusst: "Die meisten kennen ihre Rechte nicht."

Fouzia Assouli; Foto: Wolf-Dieter Vogel
"Wie soll ein Mädchen, das nicht schreiben und lesen kann, wissen, dass es als Minderjährige nicht verheiratet werden darf?", fragt die Frauenrechtlerin Fouzia Assouli.

​​ Etwa 56 Prozent der Marokkanerinnen sind Analphabetinnen, in manchen Regionen hat gerade einmal jede zehnte je eine Schule besucht. "Wie soll ein Mädchen, das nicht schreiben und lesen kann, wissen, dass es als Minderjährige nicht verheiratet werden darf?", fragt die LDDF-Präsidentin Assouli. Studien ihrer Organisation bestätigen, dass die greifbaren Erfolge der Moudawana bislang tatsächlich bescheiden sind. Noch immer werden Mädchen vermählt, weil sie schwanger sind. Etwa zehn Prozent der Verheirateten seien unter 18 Jahre alt, manche würden bereits mit 13 in eine Ehe gezwungen, erklärt Assouli. "Da Ausnahmen in der Polygamie und in der Verheiratung von Minderjährigen weiterhin erlaubt sind, gibt es hier eine große Grauzone", erklärt sie. Die Zahl der Anträge für Eheschließungen mit Minderjährigen sei zwischen 2006 und 2009 sogar von 30.000 auf 42.000 gestiegen, und das Gesetz lasse den Richtern sehr viel Spielraum. Konservative Juristen im entsprechenden Umfeld könnten weiterhin im Interesse der traditionellen Männerwelt entscheiden. Scharia-orientierte Reform Die islamistische Politikerin Bassima Haqqaoui hält diese Kritik für "Propaganda", für eine "falsche Debatte", die aus dem Ausland komme. "In der marokkanischen Gesellschaft stellt sich das Problem in dieser Art nicht", sagt sie unmissverständlich. Wenn eine Frau geschlechtsreif sei, wäre es doch besser, die Ehe zu erlauben, als eine illegale Beziehung hinzunehmen. Seit acht Jahren ist Haqqaoui für die gemäßigt islamistische Partei der Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD) im Parlament, bei den letzten Wahlen trat sie als Spitzenkandidatin an. Auch die PJD, die als zweitstärkste Fraktion im Abgeordnetenhaus sitzt, unterstützte die Moudawana. Schließlich bewege sich die Reform innerhalb des Korans und stelle nicht die Frau, sondern die Familie in den Vordergrund, begründet Haqqaoui die Zustimmung.

Bassima Haqqaoui; Foto: www.parlament.ma
"Die Männer bekommen in manchen Fällen mehr, weil sie die Familie beschützen und unterhalten müssen", verteidigt Bassima Haqqaoui die klassische Auslegung des islamischen Erbrechts.

​​ Ob sie denn für eine vollkommene Gleichstellung der Geschlechter sei? "Wir sind für die Gleichberechtigung im Sinne der Gerechtigkeit." Was sie damit meint, erklärt die Sozialpsychologin anhand des Erbrechts, das weiterhin eng an der Heiligen Schrift orientiert ist und unterschiedliche Anteile für Söhne und Töchter vorsieht. "Die Männer bekommen in manchen Fällen mehr, weil sie die Familie beschützen und unterhalten müssen", sagt Haqqaoui und betont: "Ich glaube an Gottes Gerechtigkeit." Säkulare Feministinnen misstrauen dem frauenpolitischen Engagement der PJD. Schließlich hatte sich die Partei zunächst verweigert, bis das Ja zur Reform dann unter fragwürdigen Umständen zustande kam: Nach den islamistischen Terroranschlägen von Casablanca im Jahr 2003 stand die PJD unter Druck. "Faktisch macht die Partei immer wieder Vorschläge, die der Idee des Gesetzes widersprechen", kritisiert die Frauenliga-Vertreterin Assouli. Sie verweist etwa auf deren skeptische Äußerungen zur Zunahme von Scheidungen. Diese mache ihr tatsächlich Angst, bestätigt Haqqaoui: "Man muss sich schon fragen, ob die Prozedur wirklich positiv ist." Kritik an patriarchalischen Auslegungen Auch Asma Lamrabet setzt sich "vom Inneren des Islam ausgehend für die Rechte der muslimischen Frauen" ein, wie sie erklärt. Doch mit der PDJ will die marokkanische Ärztin und Schriftstellerin nichts zu tun haben. Sie fühlt sich eher ihren säkularen Schwestern verbunden.

Asma Lamrabet; Foto: Wolf-Dieter Vogel
"Man muss die Religion vom Politischen befreien", fordert Asma Lamrabet, denn durch den politischen Islam sei der Glaube erst zu einer Quelle der Unterdrückung geworden.

​​ Die "islamische Feministin", wie sie sich selbst bezeichnet, arbeitet an einem "Dritten Weg", der sich vom Fundamentalismus deutlich abgrenzt und auf humanistische Ideale setzt, die sie im Koran findet. Dort werde von der Autonomie der Frau gesprochen, vom Recht auf Freiheit. Bislang sei die Heilige Schrift nur "patriarchal und diskriminierend" interpretiert worden, meint sie und bringt die katholische Befreiungstheologie ins Spiel. "Man muss die Religion vom Politischen befreien", fordert Lamrabet, denn durch den politischen Islam, den Islamismus, sei der Glaube erst zu einer Quelle der Unterdrückung geworden. Der Feminismus sei für sie ein universeller Ansatz, dem sie sich aus dem Kontext des islamischen Staates Marokko öffne. Skeptizismus auf allen Seiten Bei den muslimischen Gelehrten stoßen ihre religionsphilosophischen Arbeiten auf Widerspruch - ein hoher Rat lehnte ihr jüngstes Buch "Der Koran und die Frauen" ab. Aber auch viele laizistisch orientierte Frauenrechtlerinnen sind skeptisch. Zu zurückhaltend sei Lamrabet, wenn es etwa um Polygamie gehe, durch ihren Bezug auf eine "islamische Identität" bewege sie sich ideologisch verdächtig nahe an den Islamisten. Auch die Frauenliga-Leiterin Assouli hält wenig von dem Ansatz: "Ich würde gerne mal eine islamische Frauenbewegung kennenlernen, die für die komplette Gleichberechtigung ist", reagiert sie und fragt, was denn der Tschador und die Polygamie mit Emanzipation zu tun habe. Im Übrigen kämpfe die feministische Bewegung gegen die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern und brauche kein weiteres Etikett. Noch deutlicher wird sie in ihrem Urteil über die islamistische PJD: "Die nehmen den Feminismus als Geisel und wollen uns wieder zu Gehorsam und Sklaverei bringen. Und da sagen wir: Diese Zeit ist rum." Wolf-Dieter Vogel © Qantara.de 2011 Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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