Mahmud Darwisch

Mit arabischer Dichtkunst Brücken bauen

Wer die arabische Seele verstehen will, findet große Teile ihres kollektiven Gedächtnisses in der Dichtkunst und einen weiteren in der palästinensischen Tragödie von 1948. Beides zu vereinen, verstand Zeit seines Lebens einer der herausragendsten arabischen Dichter der Moderne: Mahmud Darwisch. Von Melanie Christina Mohr

Die Flucht vor Krieg, Unterdrückung und Armut ist so eng mit dem Menschen verbunden wie sein Dasein selbst. Keine Nation, Ethnie oder Kultur konnte sich ihr entziehen und dennoch versetzt ihr Wesen in Schockstarre, wenn sie mit all ihren tragischen Elementen vor einem steht.

Viele der Menschen, die Europa dieser Tage erreichen, stammen aus arabischen Herkunftsstaaten und nebst der ersten Versorgung und Unterstützung wird es in Zukunft darum gehen, dass man einander mit Verständnis, vor allem aber Kenntnis begegnet. Denn dem Fremdverstehen allem voran steht die Wissbegierde über den Anderen.

Lyrische Brücken

Mahmud Darwisch (1942 - 2008) ist sechs Jahre jung, als ihn die Mutter eines Nachts aus dem Schlaf reist und die Familie in den Libanon fliehen muss. Unweit von Akka, in seinem palästinensischen Geburtsdorf al-Barwa, wird nach dem Krieg 1948 das Land dem Erdboden gleich gemacht und durch zwei jüdische Siedlungen ersetzt - Migranten aus Europa.

Zurück in Palästina fühlt sich Darwisch fremd im eigenen Land, dem Verlust des Heimatdorfes zum Trotz beschließt er das Beste aus seiner Situation zu machen. Er verschließt sich dem Hebräischen nicht, setzt die Sprache der Besatzer metaphernleicht in einen festen Rahmen, schreibt ihr die Funktion eines Fensters zu, durch welches seine ganze Generation auf zwei Seiten blickt.

Aus einem dieser Winkel erhebt sich die Thora "in wichtiges Buch trotz allem", ja sogar "ein Material, auf das kein Intellektueller verzichten kann" erklärt er später. Und fügt außerdem hinzu: "Vielleicht überrascht dich das zu wissen, dass ich die griechischen Tragödien zum ersten Mal auf Hebräisch las. Ich kann nur sagen, dass ich in der Schuld des Hebräischen stehe für das Kennenlernen der ausländischen Literatur."

 Flüchtlinge versuchen bei Tovarnik, Kroatien, an Bord eines überfüllten Zuges zu gelangen; Foto: Getty Images/J. J. Mitchell
"Mit den Bildern vor Augen wie sich Menschen mit letzter Kraft versuchen in bereits überfüllte Züge gen Deutschland zu hieven, geben sich arabische Lyrik und europäische Gegenwart auf erschreckende Weise die Hand. Tatsächlich stammen die lyrischen Produktionen aus der Feder eines Mannes, dessen Leben zwar von Flucht und Exil gekennzeichnet war, jedoch bis zu seinem Tod 2008 von der Thematik der palästinensischen Tragödie dominiert wurde", schreibt Mohr..

Er beginnt zu schreiben, ist journalistisch tätig, engagiert sich politisch. Es folgen Verhaftungen, Hausarreste und Zensur. 1980 ist er ein zweites Mal im Libanon, gibt die Zeitschrift "Al-Karmel" heraus und erlebt den Besatzer aus dem eigenen Land selbst im Exil als grausamen Kriegsherrn. Mit dem israelischen Angriff auf den Libanon 1982 wird für Darwisch der Ort an dem er einst Zuflucht fand zu einem Ort der ihn erneut zur Flucht zwingt. Er pendelt einige Jahre zwischen Tunis und Paris, um 1996 in sein Heimatland zurückzukehren; seine letzten Lebensjahre verbringt er zwischen Ramallah und Amman.

Es ist nicht nur Darwischs Biografie, die ihn zu einer einzigartigen Brücke erhebt, vielmehr die Gabe eines herausragenden Dichters, Unfassbares im lyrischen Gewand greifbar zu machen.

Ein Platz im Zug

In dem 2002 erschienen Band ausgewählter Gedichte von Mahmud Darwisch, die zwischen den Jahren 1986 und 2002 entstanden sind und das den Titel "Wir haben ein Land aus Worten" trägt, stößt man gleich zu Beginn auf die Überschrift "Ein Platz im Zug". Wüsste man es nicht besser, dürfte man beim Lesen dieser Zeilen davon ausgehen, sie sei erst vor wenige Tage entstanden oder gar einige Stunden alt.

Mit den Bildern vor Augen wie sich Menschen mit letzter Kraft versuchen in bereits überfüllte Züge gen Deutschland zu hieven, geben sich arabische Lyrik und europäische Gegenwart auf erschreckende Weise die Hand. Tatsächlich stammen die lyrischen Produktionen nämlich aus der Feder eines Mannes, dessen Leben zwar von Flucht und Exil gekennzeichnet war, jedoch bis zu seinem Tod 2008 von der Thematik der palästinensischen Tragödie dominiert wurde.

Beisetzung Mahmud Darwischs in Ramallah; Foto: AP
Mahmud Darwisch, der berühmteste palästinensische Dichter und einflussreichste zeitgenössische Lyriker der arabischen Sprache, starb mit 67 Jahren an den Folgen einer Herzoperation in Houston im August 2008.

In seinem Gedicht "Ein Platz im Zug" beschreibt Darwisch eindrücklich die Gedanken und Gefühle der Menschen, die sich auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft - nicht selten in fremden Zügen - wiederfinden. Schonungslos ehrlich skizziert er jeden Bahnhof als einen weiteren Ort der Zuflucht und macht deutlich, dass jedes Bahnhofsschild ein weiteres Gefühl der Fremde vermittelt. Die Reise auf der Suche nach dem Nullpunkt, wie Darwisch das Wesen der Flucht treffend benennt, lässt dem Flüchtigen nur seine Jackentaschen, in denen die Heimat auf das Minimalste reduziert, nicht selten aus alten Hausschlüsseln und einem Familienfoto besteht.

"Alle im Zug kehren zu den Ihren zurück, wir aber kehren nirgendwohin zurück", beklagt der Dichter den bitteren Geschmack des Heimatverlusts. Darwisch schafft es auf einzigartige Weise seinen Leser - sei er nun direkt oder indirekt mit der Problematik verbunden - davon zu überzeugen, dass der Wille trotz allem stets ungebrochen das höchste Gut ist.

Das knappe Wort kommt nicht selten im Dokumentationscharakter daher und reflektiert den Alltag eines Zustandes, der die Ausnahme sein sollte. Für Darwisch ist es die Dichtkunst, die einzig in der Lage ist, die Abstinenz der Heimat (er)tragen zu können und so schreibt er "die Länder zwischen meinen Händen, sind das Werk meiner Hände".

Mahmud Darwisch, Nationalpoet und Symbol des palästinensischen Widerstands gegen die israelische Besatzung und - wie ihn seine Landsleute nannten - das Sprachrohr der Sprachlosen sollte, wenn schon nicht in der Vergangenheit, dann bitte dieser Tage in allen Regalen des deutschen Buchhandels anzutreffen sein, denn wenn wir nach Verständigungsbrücken suchen dann stoßen wir unweigerlich auf Darwisch.

Ob die Erde zu eng für uns ist oder nicht

In dem Gedicht "Diesen Weg werde ich gehen" macht er deutlich, alle nötigen Schritte gehen zu wollen, die es bedarf, um der Freiheit Herr zu werden. Der Dreh- und Angelpunkt seiner Lyrik - das (traute) Heim - verhält sich symbiotisch zu Darwischs lyrischem Sein und entwickelt sich im Laufe der Zeit von einer geographischen Fläche zu einem freien Raum, in dem sich die Stimmen der Dichtung vereinen und die Fundamente der Heimat Zuhause sind.

Der palästinensische Dichter Mahmud Darwisch; Foto: AP
"Das Sprachrohr der Sprachlosen": Mahmud Darwisch spielte eine entscheidende Rolle für die Bewahrung und Weiterentwicklung der palästinensischen Identität.

Entschlossen macht der Dichter klar: "Diesen langen Weg werde ich gehen, diesen langen Weg bis ans Ende. () Ob die Erde zu eng für uns ist oder nicht: Diesen langen Weg werden wir gehen". Durch den Wechsel vom einsamen Ich zum kollektiven Wir verbündet er sich mit seinem Publikum, seinem Volk, all jenen auf der Flucht, auf welchen Teilen der Erde sie sich auch immer befinden mögen und schafft dadurch eine gemeinsame Identität, die sich der Tragödie zum Trotz entgegenstellt.

Über den Tellerrand hinaus

2002 bemängelt der Literaturkritiker Stefan Weidner, Mahmud Darwisch, einer der größten Dichter der Gegenwart, sei bis heute unentdeckt. Über ein Jahrzehnt später hapert es immer noch an Übersetzungen in diverse Sprachen, unter anderem ins Deutsche. Darwisch selbst zeigte sich zu Lebzeiten frustriert über das eingeschränkte Interesse an seinen literarischen Produktionen und versuchte sich im Laufe seines dichterischen Schaffens - insbesondere in den letzten Lebensjahren - von der einseitigen Bewertung seiner Arbeiten zu befreien.

Oft, so hatte es denn Anschein, ging es nur um die palästinensische Sache, die dichterische Analyse hingegen - eine dezidierte, umfassende Literaturkritik der Werke - blieb oft aus und entwickelte sich bis heute nur schleppend.

Der einseitige Konsum seiner Werke bewegt den Dichter irgendwann dazu, das Lesen älterer Produktionen in der Öffentlichkeit zu verweigern. Das Gefühl, das bedruckte Papier könne den Bezug zur Realität nicht mehr leisten, dominiert. "Ich gehöre zu jenen, die glauben, dass derjenige Künstler, der Zufriedenheit über sich selbst gelangt, den Grund seines Weiterschaffens verliert", macht Darwisch klar.

Für die Gegenwart ist die politische Lyrik und Prosa Mahmoud Darwischs von unschätzbarem Wert. Seine Dichtkunst hat die Qualität eine tragenden Funktion im Prozess der Annäherung zu übernehmen; wie im übrigen viele, arabisch-literarische Werke auch. Das Land der Dichter und Denker soll sich dessen bedienen, was es selbst so wunderbar hervorgebracht hat, der Literatur!

Melanie Christina Mohr

© Qantara.de 2015

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