Vom Gefallenen zum Volkshelden

Die Texte in diesen Gedenkstätten sind in persischer, arabischer und englischer Sprache verfasst: Offensichtlich legt man im Gottesstaat Wert darauf, dass auch fremdsprachige Besucher des Friedhofs am gemeinsamen Erinnern teilhaben können. Das gilt nur eingeschränkt für die jüngste Generation von «Märtyrern» – nämlich jenen Iranern, die Seite an Seite mit der syrischen Armee kämpften. Es gibt keine offiziellen Zahlen, wie viele iranische Staatsbürger in Syrien gefallen sind, aber ihre Gräber sind auf den Friedhöfen des Landes sichtbar.  

Gedenkstele für die 400 Opfer von Zusammenstößen in Mekka 1987 auf dem Friedhof Behesht-e Zahra. Foto: Philipp Breu
Erinnern in persischer, arabischer und englischer Sprache. Der Iran legt Wert darauf, dass auch fremdsprachige Besucher des Friedhofs die Texte verstehen. Das gilt nur eingeschränkt für die jüngste Generation von «Märtyrern», jenen Iranern, die mit der syrischen Armee kämpften. Es gibt keine offiziellen Zahlen, wie viele iranische Staatsbürger in Syrien gefallen sind, aber ihre Gräber sind auf den Friedhöfen des Landes sichtbar.

Von der Regierung werden die Gefallenen als «Verteidiger der Schreine» zu Volkshelden stilisiert; aber die Verteidigung schiitischer Heiligtümer in Syrien dient natürlich nur als Vorwand, um die Unterstützung des Assad-Regimes zu rechtfertigen. In der Bevölkerung dominiert die Meinung, dass es in den derzeitigen Konflikten im Irak und in Syrien – wie schon im Iran-Irak-Krieg – nicht um Politik gehe sondern um Religion.

Ein paar Minuten entfernt von den Gräbern, im offiziellen Märtyrer-Andenken-Laden, kann man sich für ein paar iranische Rial mit Erinnerungsstücken eindecken. Es gibt Literatur, Fotoalben, Videos, religiöse Souvenirs, Buttons, Tassen, Nachbildungen von Landminen, die als Picknickboxen dienen, und sogar Spielzeug, das schon den Kleinsten beibringen soll, dass Märtyrern im Himmel wie auf Erden die höchste Ehre zuteil wird. Angesprochen auf die Konflikte in Syrien und im Irak, findet der Ladenbesitzer schnell Worte und zieht einen Vergleich mit dem Krieg gegen den Irak vor 36 Jahren: «Wenn man nach Khuzistan an die irakische Grenze geht, sieht man, dass es dort außer Wüste nicht viel gibt. Aber als die Iraker diese Grenze überschritten, haben sie nicht nur unser Land, sondern unsere Religion angegriffen. Es war ein Angriff auf den Islam!»

Einen Kontrapunkt zu Märtyrerkult und Kriegsverherrlichung setzt das im Zentrum Teherans im Shahr-Park gelegene Friedensmuseum, eine unabhängige Institution, die sich der Stärkung von Friedensinitiativen verschrieben hat. Das kleine, kostenlose Museum zeigt einige der schwärzesten Kapitel der jüngeren Geschichte, nennt dabei Saddam Hussein, Adolf Hitler, die Atombombenangriffe in Japan im Zweiten Weltkrieg und die Giftgasangriffe auf die irakische Stadt Halabja und die iranische Stadt Sardasht.

Einige Führer des Museums sind Veteranen des Iran-Irak-Krieges, die aus erster Hand von den Gräueln jener Zeit berichten können. Besonders eindrücklich wird der Rundgang mit Morteza als Begleiter: Er war beim Giftgasangriff auf Sardasht dabei und entkam mit letzter Not, beinahe erblindet. Das Museum versteht sich als unabhängige Plattform, die zeigen will, welche Grauen der Krieg für die Zivilbevölkerung bringt. Als Mitglied des International Network of Museums for Peace wirbt es dafür, sich um den Frieden zu bemühen.

Ins Paradies entschwebt

Zurück in der „Schmetterlingshalle“ des staatlichen Kriegsmuseums aber verstummt jeder Gedanke an Frieden. Im riesigen Park hinter dem Gebäude findet der Besucher nahezu alle Fahrzeuge und Waffensysteme, die im Krieg gegen den Irak zum Einsatz kamen, während im Hintergrund Musik von Wagner läuft. Das Museum ist ein einziges audiovisuelles Feuerwerk; überall findet man Lichtinstallationen, Bildschirme, es gibt virtuelle Panzerfahrten für Schulklassen, sogar einen «Bombardierungssimulator».

Dort wird man in eine friedliche Dorfszene versetzt, und wenige Sekunden später bombardiert die irakische Luftwaffe unter ohrenbetäubendem Lärm und Erschütterung des Bodens die Szene. Der Besucher soll erfahren, wie es sich anfühlt, hilflos dem Bombenhagel ausgesetzt zu sein. Die Vorführung endet mit Bildern iranischer Städte, die tatsächlich bombardiert wurden.

Durch die letzte, dem Märtyrertum gewidmete Halle, führt eine Brücke; während man sie überquert, werden links und rechts Fotos von Gefallenen auf die Wände projiziert, die dann ins Paradies entschweben. Am Ende der Brücke wartet ein hell ausgeleuchteter Raum mit zwei Kopien von Schreinen.

Aber bei den Märtyrern soll der Parcours nicht enden. «Das Museum ist noch nicht ganz fertiggestellt», lässt der Guide wissen. Es fehlen noch zwei Hallen: Sieg und Errungenschaften. Frieden steht hier also erst einmal nicht auf dem Programm.

Philipp Breu

© Qantara.de 2017

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