Liberal-islamische Netzwerke in Indonesien

Gegenbewegung zum politischen Islam

In den letzten Jahren hat sich in Indonesien ein Netzwerk verschiedener muslimischer NGOs herausgebildet, die ein zeitgemäßes Islamverständnis vermitteln und sich mit ihrer Arbeit der voranschreitenden Islamisierung entgegenstellen. Arian Fariborz informiert.

In den vergangenen Jahren hat sich in Indonesien ein Netzwerk verschiedener muslimischer Nichtregierungsorganisationen herausgebildet, die ein zeitgemäßes Islamverständnis vermitteln und sich mit ihrer Arbeit der voranschreitenden Islamisierung entgegenstellen. Arian Fariborz informiert.

​​Bis heute gilt der Inselstaat Indonesien als Musterbeispiel gelebter Toleranz, in dem Völkergruppen und unterschiedliche Religionsgemeinschaften friedlich nebeneinander leben.

"Einheit in Vielfalt" – so lautet denn auch das Selbstverständnis des säkularen Staates, der sich auf die so genannte "Pancasila"-Philosophie stützt, die sowohl verschiedene Religionen, wie den Islam, den Buddhismus und Hinduismus, als auch unterschiedliche Sprachen und Kulturen zu integrieren versucht.

Indonesiens Islam-Puristen auf dem Vormarsch

Doch vor dem Hintergrund wachsender sozialer Probleme seit Ende der 1990er Jahre, die oft zu religiösen Konflikten stilisiert werden, haben gewaltsame Übergriffe auf Minderheiten zugenommen, radikal-islamische Splittergruppen bedrohen den gesellschaftlichen Frieden des Landes.

Das Ende der Suharto-Diktatur und der Beginn der so genannten "Reformasi"-Ära seit Ende der 90er Jahre läutete zwar eine spürbare Demokratisierung in Staat und Gesellschaft in Indonesien ein. Doch von den neuen Freiheiten profitierten nicht nur liberale Parteien und zivilgesellschaftliche Akteure, die sich für Toleranz und Demokratie einsetzten, sondern auch Vertreter des radikalen Islams.

Heute ist der politische Islam in Indonesien auf dem Vormarsch. Gruppierungen wie die islamische Verteidigungsfront (FPI) oder die Partei für Gerechtigkeit und Wohlfahrt (PKS) predigen ein konservatives und einseitiges Islambild. Sie fordern die landesweite Einführung des islamischen Strafrechts und ziehen gegen alles vermeintlich Dekadente und Unsittliche in der Gesellschaft zu Felde.

Kampf um die öffentliche Meinung

Um dem radikalen Islam im bevölkerungsreichsten muslimischen Land der Erde etwas entgegenzusetzen, gründeten sich zahlreiche liberale muslimische Gruppierungen, wie etwa das "Netzwerk Liberaler Islam" (Jaringan Islam Liberal), das seit 2001 in der Hauptstadt Jakarta existiert.

Das erklärte Ziel der Organisation: Den Austausch islamischer Gruppierungen mit einem liberalen Islamverständnis zu fördern und eine journalistische Plattform für Analysen, Hintergrundberichte und Interviews zu schaffen. "Wir führen auch Workshops, öffentliche Diskussionen und Radio Talk-Shows durch. Dabei diskutieren wir über die gegenwärtigen Herausforderungen für die muslimische Gesellschaft seit dem Ende der Suharto-Ära", erklärt Luthfi Assyaukanie, Koordinator von Jaringan Islam Liberal.

Der Islamwissenschaftler und Dozent an der Paramadina-Universität in Jakarta weiß genau wovon er spricht, wenn er die Bedeutung der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit seiner Organisation hervorhebt: "Wir leben jetzt in einer demokratischen Gesellschaft. Doch wenn wir diese nicht mit unseren Ansichten bereichern, dann werden die Radikalen versuchen, diese Lücke zu schließen. Wir verstehen uns als Antwort auf den wachsenden Islamismus in Indonesien."

Für den Erhalt der bestehenden Ordnung

Luthfi Assyaukanies "Netzwerk Liberaler Islam" stellt eine kleine Bewegung überwiegend junger Publizisten und Islamwissenschaftler dar. Sie engagieren sich für den interreligiösen Dialog, den Erhalt des Säkularismus und die Pluralität der indonesischen Gesellschaft.

Die Gruppe wendet sich entschieden gegen eine buchstabengetreue Auslegung des Korans und plädiert für einen zeitgemäßen Islam, in dem Meinungsfreiheit, Frauenrechte und Toleranz gegenüber anderen Glaubensgemeinschaften und Minderheiten respektiert werden.

Istiqlal-Moschee in Jakarta; Foto: Arian Fariborz
Indonesien ist das bevölkerungsreichste muslimische Land der Welt - Istiqlal-Moschee in Jakarta

​​Die Aktivisten des Netzwerks sehen sich - nach Darstellung Assyaukanies - in der Tradition der islamischen Reformbewegung des 19. Jahrhunderts. Ihre Vorbilder sind Mohammad 'Abduh, Ali Abdel Razeq und Rashid Rida.

Genau wie die indonesische Frauenrechtsorganisation "Rahima", die sich seit acht Jahren nicht nur für die Emanzipation der Frau aus einem islamischen Blickwinkel heraus einsetzt und für die politischen Mitspracherechte von Frauen in der indonesischen Gesellschaft kämpft.

Ihre primäre Aufgabe sieht die Organisation in der Bildungsarbeit insbesondere in den ruralen Distrikten Zentraljavas. "Rahima" kooperiert insbesondere mit dem Lehrpersonal islamischer Internatsschulen, den sogenannten "pesantren" und anderen islamischen Institutionen, wo sie für ein modernes Islamverständnis werben.

Bildungsarbeit auf lokaler Ebene

"Als Rahima gegründet wurde, war unser primäres Ziel, mit unserer Arbeit die islamischen Internatsschulen auf dem Land zu erreichen und deren Schulleiter (Qiay) sowie in einem zweiten Schritt die Lehrer in diesen Schulen für unsere Themen zu sensibilisieren", berichtet "Rahima"-Direktorin Aditiana Dewi Erdani.

Ahmad Suaedy, stellvertretender Direktor des Wahid-Instituts; Foto: Arian Fariborz
Die "schweigende Mehrheit der Muslime" von liberalen Islamvorstellungen überzeugen - Ahmad Suaedy, stellvertretender Direktor des Wahid-Instituts.

​​In speziellen Seminaren und Fortbildungen werden private Dozenten ausgebildet, die dann als Vermittler auftreten und in den lokalen Gemeinden ihre liberalen Islamvorstellungen an Studenten und Lehrer weitergeben.

Diese Strategie wird auch von anderen liberal-islamischen Organisationen geteilt: So kooperiert "Rahima" bereits seit Jahren erfolgreich mit dem "Wahid-Institut", das den Namen des ehemaligen Präsidenten und wohl bekanntesten Islamgelehrten des Landes, Abdurrahman Wahid (Gus Dur) trägt.

Bildung und Dialog als Schlüssel zum Erfolg

Auch das 2004 gegründete "Wahid-Institut" setzt sich als NGO für einen toleranten, pluralistischen Islam sowie für demokratische Reformen in Indonesien ein.

Genau wie "Rahima" nimmt sich die Organisation der islamischen Internatsschulen (pesantren) an, da sie als eigenständiges Schulsystem weitestgehend der staatlichen Aufsicht entzogen sind und dort die Gefahr islamistischer Indoktrination von Schülern und Lehrern durch den voranschreitenden Wahhabismus am größten ist, meint Ahmad Suaedy, stellvertretender Direktor des "Wahid-Instituts":

"Wir erleichtern es der 'schweigenden Mehrheit der Muslime', den Lehrern der islamischen Internatsschulen sowie den lokalen Führern, über Islam und Friede, Islam and Pluralismus zu diskutieren und in manchen Regionen sorgen wir dafür, dass sie über ihre Schwierigkeiten gemeinsam im Radio und in den lokalen Medien sprechen", erzählt Suaedy.

Vor allem eines haben alle Gruppierungen des liberal-islamischen Netzwerkes gemein, um den wachsenden Einfluss islamistischer Hardliner zurückzudrängen: Bildung und Dialog als Schlüssel zur gegenseitigen Verständigung im indonesischen Vielvölkerstaat.

Arian Fariborz

© Qantara.de 2008

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