Kunst und Revolution in Ägypten

Erloschene Dynamik

Das Festival "Al-Fann Midan", das zum ersten Mal im April 2011 stattfand, war lange ein Sprachrohr für öffentliche Kunst im postrevolutionären Ägypten. Doch vier Jahre nach dem Umbruch am Nil gibt es das populäre Festival inzwischen nicht mehr. Marcia Lynx Qualey über das Verhältnis von Kunst und Revolution im heutigen Ägypten.

Das monatliche "Al-Fann-Midan"-Festival wurde kurz nach dem Beginn der tunesischen und ägyptischen Volksaufstände vom Dezember 2010 und Januar 2011 ins Leben gerufen. Drei Jahre lang wurde das dynamische, ehrenamtlich durchgeführte Outdoor-Festival von den Behörden geduldet und erhielt zeitweilig sogar finanzielle Unterstützung vom ägyptischen Ministerium für Kultur.

Nicht nur die künstlerischen Darbietungen und Ausstellungen des Festivals waren bemerkenswert, sondern auch der Charakter der Veranstaltung: Jeden Monat fanden auf einem anderen öffentlichen Platz irgendwo in Ägypten kostenlose Theater- und Filmaufführungen sowie Lesungen statt. Zusammen mit den zahllosen Graffitis auf Mauern und Häuserfassaden der Kairoer Innenstadt bildeten sie den Höhepunkt der damaligen künstlerischen Protestkultur des Landes.

Unter anderem fanden in Kairo Bühnenstücke des aufstrebenden Theaterstars Laila Soliman, Poesielesungen von Zein El-Abdeen Fouad und Kunstausstellungen von Mohamed Abla statt. Auch plante man, auf dem Festival im letzten September das jüngste Buch des Romanautors Basma Abdel Aziz, "Erinnerung an die Unterdrückung – eine Studie des Foltersystems", zu veröffentlichen, doch die Veranstaltung wurde schließlich von den Behörden wegen "Genehmigungsproblemen" abgesagt. Seitdem fand das Festival nicht mehr statt. Zwar gab es immer wieder Gespräche über eine Neuauflage, aber in einem Artikel der Kulturzeitschrift "Raseef 22" kommt der Autor zu dem Schluss, dies sei zum gegebenen Zeitpunkt einfach nicht mehr möglich.

Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung

Die Probleme der Kunst im öffentlichen Raum Ägyptens beschränken sich nicht nur auf "Al-Fann Midan". Auch die Graffiti-Kunst, ein weiteres Barometer für öffentliche Protestkultur, habe "an Dynamik verloren", konstatierte etwa Mona Abaza im Online-Magazin "Jadaliyya" Anfang vergangenen Januars. Die Rückschläge für diese Kunstform gehen laut Abaza "einher mit dem politischen Prozess, die 'Ordnung' auf der Straße wiederherzustellen".

Graffiti on Mahmed Mahmoud Street in Cairo (photo: DW/R. Mokbel)
Schwindende Graffiti-Kunst im öffentlichen Raum: Die Rückschläge für diese Kunstform gehen laut Mona Abaza "einher mit dem politischen Prozess, die 'Ordnung' auf der Straße wiederherzustellen."

Diese Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung hat über die Straße hinaus in die Bibliotheken und Buchläden Einzug gehalten. Ägyptische Schriftsteller und Verleger leiden unter Konfiszierungen und Verboten von bestimmten Werken, wenn auch bislang im relativ überschaubarem Umfang. Die Maßnahmen richteten sich meist gegen mutmaßlich islamistische Publikationen, doch zuletzt wurde im Februar 2015 auch ein umfangreiches Buch über die ägyptische Graffiti-Szene mit dem Titel "Mauern der Freiheit" von den Behörden beschlagnahmt, nachdem es seit Juli 2014 bei den Zollbehörden gelegen hatte. 

Der Unterstaatssekretär des Finanzministeriums Ahmed al-Sayyad begründete die Konfiszierung laut Darstellung der ägyptischen Tageszeitung "Al-Masry Al-Youm" mit der Aussage, das Buch würde angeblich "zur Revolte aufhetzen". In einer kürzlich publik gewordenen gemeinsamen Erklärung erklärten sowohl das ägyptische Verlagshaus "Dar al-Tanweer" als auch der deutsche Verlag des Buches, ihnen sei niemals schriftlich erklärt worden, warum das Buch immer noch indiziert sei.

Diese Verengung des öffentlichen Raums kommt zu einer Zeit, in der sich die Theater- und Literaturszene des Landes im Aufwind befand und ihr Verhältnis zur ägyptischen "Revolution" tiefgründiger und reflektierter wurde.

Volksnahe Poesie und öffentliches Theater waren in der Zeit von 2011 bis 2013 vor allem ein Mittel des politischen Ausdrucks und des Protests. Einige der Gedichte, die ihren Weg in die Lieder und auf die öffentlichen Plätze fanden, stammten aus Archiven, wie beispielsweise "Wille zum Leben" des tunesischen Dichters Abu al-Qassim al-Shabbi (1909-1934). Andere, wie die beliebte Sammlung "Manifesto" von Mostafa Ibrahim, wurden auf dem Höhepunkt der Revolution verfasst.

Dieser revolutionäre Höhepunkt erfasste jedoch nicht nur die Poesie: Auch zahlreiche Romane und Memoiren handeln vom Arabischen Frühling und dokumentieren die revolutionären Umbrüche. Der Vorsitzende der Jury des Internationalen Preises für Arabische Belletristik (IPAB), Galal Amin, der über hundert der Romane des letzten Jahres gelesen hat, meinte, über die Ereignisse in der Region sei eine Unmenge von Büchern verfasst worden.

Reflektion statt Revolutionsagitation

Laila Soliman (photo: picture alliance/Sven Simon)
Reflektierterer Umgang mit der Revolution: "Mit der Performance 'Whims of Freedom' setzen wir der jetzigen Revolution kein Ende. Doch um weitere Fehler zu vermeiden, ist es an der Zeit nachzudenken und das Vergangene näher zu beleuchten", sagt Laila Soliman.

Doch heute haben sich viele arabische Romanciers weitgehend von den einstigen Umbrüchen gelöst und versuchen, die politischen Verhältnisse in ihren Büchern umfassender einzuordnen und zu bewerten. Der Rückblick auf die Vergangenheit erfolgt in der Absicht, Rückschlüsse auf Gegenwart und Zukunft zu schließen.

Auch zahlreiche Theaterregisseure haben inzwischen den inhaltlichen Schwerpunkt ihrer Arbeit verlagert. Unmittelbar nach den Aufständen gab es noch einige spontane Dokumentar-Bühnenstücke, wie etwa die populären "Tahrir-Monologe". Die Dramatikerin Laila Soliman produzierte 2011 die "Lektionen der Revolte" und das kontroverse Stück "Keine Zeit für Kunst". Im Jahr 2014, veröffentlichte sie dann allerdings das deutlich vielschichtigere Werk mit dem Titel "Marotten der Freiheit", in dem "eine Revolution im Lichte einer anderen" betrachtet wird. Das Stück, das in Ägypten und Europa aufgeführt wurde, untersucht die gesellschaftspolitische Realität am Nil unter Rekurs auf die ägyptische Revolution von 1919.

Einige Künstler haben auch unterschiedliche literarische und dramatische Methoden entwickelt, um die Bedeutung des Revolutionsbegriffes zu untersuchen. Die ägyptisch-amerikanische Dichterin Amira Hanafi hat ihre Betrachtungsweise der Ereignisse durch ein multivokales "Wörterbuch der Revolution" vervielfältigt, das noch Ende dieses Jahres veröffentlicht werden soll. Für das Buchprojekt haben Hanafi und ihre Helfer Menschen in ganz Ägypten über ihre Definition bestimmter Begriffe befragt, darunter "Revolution" und "soziale Gerechtigkeit".

Auch durch das Theater wurde die Bedeutung der "Revolution" in Frage gestellt, insbesondere in Bezug auf ihren Sinn für das Individuum. Anfang dieses Jahres nahm die ägyptische Akademikerin und Theaterkünstlerin Nesreen Hussein einen wissenschaftlichen Aufsatz mit dem Titel "Meine Stadt, meine Revolution" als Vorlage für eine Performance, die in London aufgeführt wurde. Sie hofft, das Stück eines Tages auch in Kairo auf die Bühne zu bringen.

Inzwischen hat selbst der ägyptische Staat das "revolutionäre" Theater für sich entdeckt: Nach vierjähriger Pause soll im November und Dezember dieses Jahres wieder das staatlich veranstaltete Internationale Festival für zeitgenössisches und experimentelles Theater in Kairo stattfinden. Ob dort tatsächlich auch Stücke aufgeführt werden, die von amtlichen oder regierungsnahen Interpretationen abweichen, muss sich jedoch erst noch erweisen.

Marcia Lynx Qualey

© Qantara.de 2015

Übersetzt aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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