Kristin Helberg: "Verzerrte Sichtweisen – Syrer bei uns"

"7-Punkte-Plan" für ein besseres Zusammenleben

Über eine halbe Million Menschen sind seit 2011 aus Syrien nach Deutschland geflohen. Wie nehmen Deutsche und Syrer einander wahr? Und wie kann ein friedliches Zusammenleben trotz sprachlicher und kultureller Unterschiede funktionieren? Mit ihrem neuen Sachbuch wirbt Kristin Helberg für mehr Mut und Sachlichkeit in der Flüchtlingsdebatte. Von Martina Sabra

Bei der Ankunft am Bahnhof gab es Kuscheltiere und Essenspakete: Im Sommer 2015 zeigten viele Menschen in Deutschland großes Mitgefühl mit den Flüchtlingen aus Syrien. Doch im Zuge der Berichterstattung über die Krawalle vom Jahreswechsel 2015/2016 schlug die Stimmung binnen kürzester Zeit um. Syrische Kriegsflüchtlinge hatten mit den Übergriffen der Kölner Silvesternacht zwar mutmaßlich nichts zu tun, doch einige Medien und politische Gruppen nutzten das Geschehen, um pauschal Stimmung gegen Geflüchtete zu machen.

Mittlerweile ist das Misstrauen auf beiden Seiten gewachsen. Rechtsradikale machen regelrecht Jagd auf Flüchtlinge. Und manche Syrer wollen aus Angst oder aus Frust über die deutsche Bürokratie am liebsten zurück – trotz Krieg und Lebensgefahr.

Doch angesichts der ausweglosen Situation in Syrien ist klar: Die meisten der mittlerweile rund 500.000 Menschen, die seit 2011 aus Syrien gekommen sind, werden noch mehrere Jahre oder sogar für immer in Deutschland bleiben. Die Frage ist daher, wie das Zusammenleben so organisiert werden kann, dass die syrischen Geflüchteten möglichst bald auf eigenen Füßen stehen und ihren Alltag selbst in die Hand nehmen können?

Derzeit sind die Bedingungen dafür nicht gut, stellt die Syrien-Expertin und Journalistin Kristin Helberg in ihrem rund 300 Seiten umfassenden neuen Buch fest. Hunderttausende syrische Flüchtlinge in Deutschland sind ohne klaren rechtlichen Status, ohne Deutschkurse, ohne Jobs, ohne Hilfe bei der Bewältigung ihrer oftmals traumatischen Erlebnisse.

Reform der rechtlichen Aufnahmebedingungen

Helberg fordert daher: Die rechtlichen Bedingungen für die Aufnahme von Flüchtlingen müssen dringend reformiert werden, und die Menschen in Deutschland brauchen mehr Hintergrundwissen: über die Geschichte und Politik des modernen Syriens und über das, was das Fühlen und Denken der Menschen aus diesem Land prägt: Von sprachlichen und kulturellen Zugehörigkeiten über Werte und Normen bis hin zu politischen Prägungen.

Buchcover Kristin Helberg: "Verzerrte Sichtweisen – Syrer bei uns", Verlag Herder 2016
Die Stärke des Buches "Verzerrte Sichtweisen – Syrer bei uns" liegt in den präzisen Alltagsbetrachtungen und Helbergs erfrischend kritischem und zugleich konstruktivem Blick auf die deutsche Gesellschaft.

Als Auftakt schildert Helberg im Schnelldurchgang die sozialen, historischen und politischen Ursachen des Krieges in Syrien, und räumt dabei mit verbreiteten Vorurteilen auf: Weder gab es unter der Baath-Einheitspartei und der Diktatur von Vater und Sohn Al-Assad demokratische Wahlen, noch war der syrische Staat säkular. Assad sei auch kein Partner im Kampf gegen den sogenannten "Islamischen Staat", schreibt Helberg. Im Gegenteil: Wann immer es den eigenen Interessen diente, habe das Regime in der Vergangenheit den Islamischen Staat gewähren lassen. Unmittelbar nach Beginn der syrischen Revolution im Jahr 2011 habe Assad einige besonders gewalttätige religiöse Extremisten aus einem Gefängnis bei Damaskus entlassen. Man könne getrost annehmen, dass das Regime in Damaskus auch in Zukunft Terrorkräfte unterstützen werde, wenn es seinen Interessen diente.

Im Anschluss an den historisch-politischen Einstieg beschreibt Helberg in mehreren Kapiteln detailliert die syrische Gesellschaft vor dem Krieg. Dabei profitiert die Journalistin nicht nur von sieben Jahren Arbeitserfahrung als Radiokorrespondentin in dem damals noch sehr verschlossenen Land. Als Ehefrau eines syrischen Arztes und Mutter von drei gemeinsamen Kindern kann Helberg auch in Bezug auf Familien- und Alltagskultur aus den Vollen schöpfen.

Der Blick hinter die Kulissen

Für viele Menschen, die syrischen Flüchtlingen helfen wollen und die dabei zum Beispiel wegen des unterschiedlichen Umgangs mit Kindern und wegen unterschiedlicher Erziehungsstile an Grenzen stoßen, wird das Buch eine kleine Offenbarung und eine große Hilfe sein. Die Bedeutung der Großfamilie, die Gastfreundschaft, die Trennung der Geschlechter, die Trennung von Kinder- und Erwachsenenwelt, Gewalt in der Erziehung, die Angst vor Politik und Staatsbeamten, das gemeinsame Nutzen sehr persönlicher Gegenstände – all das erhält plötzlich einen Sinn bzw. wird nachvollziehbar. Dabei erhebt die Autorin explizit keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit ihrer Aussagen, sondern es ist klar, dass sie nur einen Ausschnitt der extrem vielfältigen syrischen Gesellschaft beschreibt – wenn auch einen ziemlich großen.

Gelegentlich verliert Helberg sich bei ihren Schilderungen etwas in Details, wodurch manch wichtiges Kapitel etwas zu knapp ausfällt. So schreibt Helberg wenig über die besonders belastende Situation syrischer Ehepaare, die daheim in Syrien aufgrund der verbreiteten Geschlechtertrennung im Alltag oftmals gar nicht so viel miteinander zu tun hatten und nun aufgrund der Exilsituation zum ersten Mal Tag und Nacht aufeinander hängen – mit oftmals schwer auszuhaltenden Konsequenzen. Oder die Situation vieler geflüchteter Hausfrauen, die in der Heimat täglich mit Verwandten und Freundinnen zusammensaßen und die nun ohne ihre vertrauten Netzwerke zurechtkommen müssen, während ihre Ehemänner sich relativ schnell neue Netze aufbauen.

Kristin Helberg; Foto: DW
Die Journalistin Kristin Helberg berichtete von 2001 bis 2008 als einzige offiziell akkreditierte westliche Korrespondentin aus Syrien über die arabische und islamische Welt. Zuvor erschien ihr Buch "Brennpunkt Syrien. Einblick in ein verschlossenes Land" im Herder Verlag.

Essaypassagen über Frauenrechtsdebatten im Islam oder über die Bedeutung der arabischen Wissenschaftsliteratur für Europa helfen zwar allgemein gegen anti-arabische Ressentiments: Doch die Stärke des Buches liegt in den präzisen Alltagsbetrachtungen und Helbergs erfrischend kritischem und zugleich konstruktivem Blick auf die deutsche Gesellschaft.

Ratlose Bundesbürger

Sie unterstellt provokant, dass die Deutschen auf viele Fragen, die sie den Flüchtlingen stellen, eigentlich selbst keine Antwort haben: Ob Deutschland ein Einwanderungsland sei oder nicht, oder wie ernst die Deutschen es tatsächlich mit der Gleichberechtigung der Frau nähmen: "Tatsächlich können uns die Syrer bei der Suche nach uns selbst helfen. Denn die Geflüchteten sollen sich in etwas integrieren, von dem wir selbst nicht so genau wissen, was es ist. Indem wir uns also fragen, worauf wir im Zusammenleben mit den Ankommenden besonderen Wert legen, könnten wir herausfinden wo der Kern unseres deutschen Selbstverständnisses liegt".

Helbergs Buch schließt mit einem realistischen "7-Punkte-Plan" für ein besseres Zusammenleben aller. Unter anderem fordert sie, die syrischen Flüchtlinge nicht mehr durch das Nadelöhr des Asylrechts zu pressen, sondern sie als Kontigentflüchtlinge legal und unbürokratisch einreisen zu lassen. Helberg ist sich bewusst, dass sie mit dem Buch vor allem den Deutschen die Syrer erklärt. Es komme aber auch darauf an, dass die Syrer mehr von Deutschland verstünden. Das wäre sicherlich noch ein weiteres Buch wert.

Martina Sabra

© Qantara 2016

Kristin Helberg: "Verzerrte Sichtweisen – Syrer bei uns", Verlag Herder 2016, 272 Seiten, ISBN: 978-3-451-31157-4

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Leserkommentare zum Artikel: "7-Punkte-Plan" für ein besseres Zusammenleben

Ich bin Vater 3er jugendlicher Kinder in Mainz. In den letzten Jahren - durchaus nicht nur seit letztem Sommer -hat die Zahl von Immigranten aus dem arabischen Kulturkreis deutlich zugenommen und somit die Zahl entsprechender Schüler in den Klassen.

Insgesamt werden infolge der Situation erhebliche Aufwände initiiert. Jetzt plötzlich werden Ausbauprojekte gestartet und neue Mitarbeiter angestellt, jahrelang aber wurde mit dem Verweis auf Sparzwänge baulich und personell mehr und mehr gekürzt.

Hinter dem Verhalten und den Entscheidungen der diversen staatlichen Stellen durch all die Jahre erkenne ich eine enorme Plan- und Kopflosigkeit. Im Prinzip wird derzeit nur gehandelt, weil es bei den nachgeordneten Behörden in Gemeinden und Städten eine große Angst gibt, als Verhinderer dazustehen.

Eine sachbezogene Planung findet kaum statt, die Diskussionsgremien haben keine guten Zahlen und kaum richtige Informationen bzgl. der Zuwanderer. Wer stammt überhaupt woher? Allein das wird häufig als Staatsgeheimsache betrachtet.

Elternvertreter, städtische Stellen, Lehrer, Helfer, werden nach gutsherrenart mit Informationshäppchen versorgt und sollen dann aber ordentliche Ergebnisse liefern.

All das ist erschreckend und einem modernen pluralistischen Verständnis vom Staatswesen absolut nicht dienlich.

Die "große" politische Debatte wird fast vollkommen von linguistischen Fragen rund um den Islam und dessen Definition bestimmt. Dabei wird die Option, daß es ggf. eine große Zahl von arabischstämmigen Leuten geben könnte, die mit der Religion im Grunde kaum etwas zu tun haben wollen, völlig ignoriert.

Auch in Deutschland werden zwar viele Leute wegen Kirchenmitgliedschaft als Christen gezählt, aber nur eine kleine Minderheit lebt tatsächlich nach christilchen Regeln.

Vielmehr zählt hierzulande die Vernünft und die Aufklärung. Das kommt viel zu kurz und das herrschaftliche Auftreten der Regierung, gepaart mit predigtartigen Sprachkonstrukuten tragen dazu wenig Gutes bei.

Konrad Zesu14.09.2016 | 19:05 Uhr