In Syrien halten kurdische Kämpfer jetzt nicht nur Rakka, bis zum Krieg eine überwiegend arabische Stadt, sondern sie stehen auch auf Ölfeldern der Provinz Deir az-Zour im Südosten des Landes, fern vom kurdischen Siedlungsgebiet im Norden. Neue Konflikte mit der arabischen Bevölkerung sind vorprogrammiert. Wer den IS besiegt, wird danach nicht zwangsläufig zur Stabilisierung des Landes beitragen.

Und aus Sicht der PKK? Die Militärmacht USA hat in fast 15 Jahren rücksichtsloser Interventionspolitik im Nahen- und Mittleren Osten viel Hass auf sich gezogen. Wer sich mit ihr verbündet und so Gebietsgewinne einheimst, riskiert, eine Menge Gruppen und Regierungen in der Region gegen sich aufzubringen.

Was ist, wenn der Tag der Rache kommt? Werden die Vereinigten Staaten der PKK dann zu Hilfe eilen? Und was ist mit der politischen Glaubwürdigkeit der Kaderorganisation? Es fällt auf, dass die PKK nach außen ihr Bündnis mit dem amerikanischen Imperialismus nicht an die große Glocke hängt. Vor ihren revolutionär eingestellten Sympathisanten scheinen die Funktionäre es etwas peinlich zu finden.

Als die oberste Vertreterin des syrischen PKK-Zweiges in Europa, Sinem Mohammed, in Hamburg auftritt, spricht sie lang und breit über Frauenemanzipation und Kollektivwirtschaft in "Rojava", wie die PKK das von ihr kontrollierte Gebiet in Nordsyrien nennt, geht aber nicht auf die Rolle ein, die die Vereinigten Staaten beim erfolgreichen Eroberungszug spielen. "Militärisch" kooperiere man mit den USA, räumt die Politfunktionärin auf Nachfrage des ARD-Politikmagazins "Panorama" ein. Soll wohl heißen: auf allen anderen Gebieten tun wir das nicht. Aber im Krieg ist "das Militärische" nun einmal das Entscheidende.

Wiedergeborener revolutionärer Nimbus

"Es ist ein Dilemma, aber es ist eine historische Notwendigkeit", sagt Martin Dolzer, der für "Die Linke" in der Hamburgischen Bürgerschaft sitzt und jüngst eine Demo zum Protest gegen die Haftbedingungen von PKK-Chef Öcalan angemeldet hatte. Die Demonstranten feiern auch die militärischen Siege in Rojava.

Unter die Kurden mischen sich, wie stets bei solchen Kundgebungen, Deutsche aus der linken Szene. Einige tragen rote Fahnen. Auf einer prangen Hammer und Sichel. "Hoch die internationale Solidarität", erklingt der Sprechchor. "Ich bin Anti-Imperialist", bekräftigt ein junger Demonstrant mit blonden Haaren. "Aber müssten Sie dem Imperialismus jetzt nicht dankbar sein? Er hat doch der Kurdischen Arbeiterpartei geholfen!", geben wir zu bedenken. "Im Moment ist es richtig, mit den USA zusammenzuarbeiten", meint der junge Mann. "Aber Bauchschmerzen macht mir das schon. Es ist natürlich ein Widerspruch."

Für die linke Szene in Deutschland und anderen europäischen Ländern ist Rojava, das befreite Nordsyrien, so etwas wie das neue Kuba, fast wie eine Wiedergeburt des Vietkong. Eigentlich. Wenn da nicht dieser Unterschied wäre. Fidel Castro und Ho Chi Minh haben sich gegen den Imperialismus der Vereinigten Staaten behauptet. Rojava verdankt ihm seine Existenz.

Der deutsche PKK-Sympathisant mit der Hammer-und-Sichel-Fahne erkennt die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit den Amerikanern an, aber er macht sich keine Illusionen: "Wenn sie Dich nicht mehr brauchen, dann schmeißen sie Dich weg."

Stefan Buchen & Karaman Yavuz

© Qantara.de 2017

Dieser Artikel erschien in ursprünglicher Form als Fernsehbeitrag des ARD-Magazins Panorama am 26. Oktober 2017.

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