Krankenhäuser in Kairo

Der ägyptische Patient

In Ägyptens staatlichen Krankenhäusern fehlen medizinisches Equipment, lebensrettende Medikamente und Pflegepersonal. Der Staat ist auf Spenden angewiesen. Karin El Minawi berichtet aus Kairo.

Nur Spenden machen es möglich: Die Innere Abteilung der Uni-Kinderklinik Abu el Rish in Kairo wird umgebaut Der Blick von Hoda D. streift verzweifelt  durch den überfüllten Krankenhausflur: Lange Warteschlangen haben sich vor den Schaltern gebildet. Viele haben es sich auf dem Boden bequem gemacht. Einige unterhalten sich, essen Kekse und trinken Tee. Andere dösen vor sich hin. Kinder laufen herum, spielen Verstecken. Einige weinen.

Hoda D. sieht die Krankenschwester - die schüttelt den Kopf. Seit drei Stunden wartet sie nun schon auf ihre Bluttransfusion. Für sie eigentlich nichts ungewöhnliches, doch dieses Mal hat sie ein ungutes Gefühl. "Ich habe gehört, dass vieles im Krankenhaus fehlt. Auch Blut. Nun habe ich Angst, dass ich heute leer ausgehe. Dann war die Fahrt umsonst", sagt sie. Die 30-Jährige lebt in Baha, einem kleinen Dorf rund 130 Kilometer südlich von Kairo. Dort ist die medizinische Versorgung mangelhaft, die Not groß und das Geld knapp.

Auch bei Hoda D. Sie lebt bei ihren Eltern. Der Vater ist Tagelöhner, hat kein geregeltes Einkommen. Seit ihrer Geburt leidet sie unter Anämie. Alle zwei bis drei Wochen benötigt sie eine Bluttransfusion, nimmt dafür eine fünfstündige Autofahrt nach Kairo in die Kinderklinik Abu el Rish auf sich. Dort wird sie seit ihrer Geburt behandelt – kostenlos. Doch wie lange noch?

Uni-Kinderklinik Abu el Rish in Kairo im Umbau; Foto: Karin El Minawi/DW
Kinderklinik im Ausnahmezustand: In der Inneren Medizin der Uni-Klinik Abu el Rish in Kairo ist die Innere Abteilung eine Baustelle – schon seit Wochen. Während Wände eingerissen werden, Arbeiter den Schutt durch die Flure tragen, sitzen in der gegenüberliegenden Abteilung Eltern mit ihren zu behandelnden Kindern auf dem Boden.

Kaputte Geräte, fehlende Medikamente

Ägyptens Wirtschaft liegt am Boden: Der Tourismus stagniert, die Auslandsinvestoren machen einen großen Bogen um das Land und die Handelsbilanz ist negativ. Die Einnahmen decken die Ausgaben nicht - die Staatsschulden steigen. Hinzu kommt, dass das ägyptische Pfund im vergangenem November um rund 48 Prozent abgewertet wurde. Dadurch wurde alles noch teurer. In der Staatskasse herrscht gähnende Leere. Darunter leidet das Gesundheitssystem: In den staatlichen Krankenhäuser herrschen unzumutbare Zustände. Zuwendungen von Freunden des Krankenhauses halten den Betrieb aufrecht.

So auch in der Kinderklinik Abu el Rish: Es fehlen Medikamente und medizinische Hilfsmittel, viele Geräte sind defekt. Sie werden in Patientenzimmern, die als Abstellkammer dienen, aufbewahrt. In der Inneren Medizin im sechsten Stockwerk ist eine Abteilung eine Baustelle – schon seit Wochen. Während Wände eingerissen werden, Arbeiter den Schutt durch die Flure tragen, sitzen in der gegenüberliegenden Abteilung Eltern mit ihren zu behandelnden Kindern auf dem Boden. In der Neonatologie stehen reihenweise defekte Inkubatoren auf dem Flur. Von den 26 funktionierenden werden nur 20 bedient - für die Restlichen fehlt das Personal.

Das fehlt auch in der Dialyseabteilung. Die umfasst 16 Plätze, kann aber auch die nicht immer bedienen, da die Dialyselösungen ausgegangen und nur schwer auf dem Markt zu finden sind. Die ägyptische Nachrichtenseite 'Tahrir News' berichtet, dass rund 1.200 Medikamente auf dem Markt fehlen, da einheimische Pharmahersteller aufgehört haben zu produzieren, weil die Inhaltsstoffe, die aus dem Ausland importiert werden, durch die teuren Devisen kaum bezahlt werden können. Dem Staat sind die Hände gebunden.

Wohltäter spenden für Klinikerhalt

Wartende im Bluttransfusionsraum der Abu el Rish Klinik; Foto:DW/El Minawi
Unzumutbare Zustände: In vielen Krankenhäusern fehlt es an nötiger Infrastruktur, Medikamenten und funktionstüchtigen Geräten. Zudem müssen sich Kranke auf lange Wartezeiten einstellen – ohne Gewissheit tatsächlich behandelt zu werden.

Ohne Spenden würde das ägyptische Gesundheitswesen kollabieren. So auch die Abu el Rish Kinderklinik in Sayeda Zeinab, einem ärmeren Viertel in Kairos Innenstadt. Die Klinik verfügt über rund 300 Betten und eine Kinderambulanz. Jährlich werden hier über eine Million Patienten stationär und ambulant betreut. Sie ist an die medizinische Fakultät der staatlichen Kairoer Universität angegliedert, erhält ihre finanziellen Zuweisungen vom höheren Bildungsministerium, wie alle 86 Universitätskliniken in Ägypten. Die decken rund 40 Prozent des gesamten Gesundheitswesens ab. Die ärztliche Versorgung ist in diesen Kliniken kostenlos.

Der ägyptische Staat finanziert die Universitätskrankenhäuser mit umgerechnet rund 465 Millionen Euro. Doch allein die Gehälter verschlingen mehr als die Hälfte des Geldes. Viel bleibt nicht übrig. So hat die Kinderklinik Abu el Rish im vergangenen Jahr umgerechnet nur rund 530.000 Euro erhalten. Benötigt wurden aber rund 3,7 Millionen. Die Wohltätigkeitsorganisation "Freunde der Abu el Rish Klinik", die seit 2003 Spenden in die Klinik pumpt, zahlt jährlich umgerechnet rund 2,1 Millionen Euro in die Haushaltskasse. Damit werden ganze Abteilungen renoviert, Geräte und Medikamente gekauft. Doch es reicht nicht.

Ayman Emil, Leiter der Endoskopieabteilung, steht im überfüllten Flur seiner Abteilung. "Wir haben sechs Endoskope, können am Tag zwischen 15 und 27 Fälle annehmen. Es kommen aber viel mehr. Die müssen wir abweisen", sagt er. Das Geld fehle an allen Ecken. Deswegen griffen er und seine Kollegen oft in die eigenen Taschen, um fehlende medizinische Hilfsmittel zu kaufen, oder Eltern schwerkranker Kinder dem fehlenden Medikamente zu bezahlen. "Das kann so nicht weiter gehen", sagt er.

Es fehlt an allem in der Uniklinik: an Personal, an Medikamenten, an funktionierenden Geräten. Inzwischen sitzt Hoda D. neben unzähligen anderen Patienten im Transfusionsraum. Aus dem Blutbeutel am Infusionsständer neben ihr fließt tropfenweise Blut in ihren Arm. Sie hatte Glück. Viele andere sitzen noch immer auf den Fluren und warten.

Karin El Minawi

© Deutsche Welle 2017

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