Vierzig Millionen IranerInnen sind mit dem Internet verbunden. Diese Protestform ist deshalb erfolgreich und bleibend, weil sie in ihrem Habitus und Erscheinungsbild entmachtend und entwaffnend ist. Und sie unterscheidet sich von allem, was der Gottesstaat seit seinem Bestehen erlebt – und eliminiert – hat.

Der Widerstand ist weiblich, friedlich, mutig und phantasievoll. Und er hört nicht auf, Bewunderer, Nachahmer und UnterstützerInnen im ganzen Land und im Ausland zu finden. Der männliche Sicherheitsapparat dagegen kennt nur Gewalt, Gängelung und Gefängnis. Es prallen also zwei völlig verschiedene Welten, gegensätzliche Werte, zwei verschiedene Grundhaltungen aufeinander. Dieser Protest ist ansteckend und nachahmenswert. Daher ist er gefährlich.

Ein Hauptthema aller Freitagsprediger

Die "Mädchen der Revolutionsstraße" haben inzwischen vieles revolutioniert. Sie haben die Islamische Republik in ihrem Kern gespalten. Die unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Fatwas über den Hidjab, die zuletzt aus der heiligen Stadt Qom, dem Zentrum der schiitischen Gelehrsamkeit, verbreitet werden, zeugten von einer tiefen Unsicherheit innerhalb der Geistlichkeit.

Sitzung des Expertenrats in Teheran; Foto: Tasnim/M. Hassanzadeh
Rote Linien und drakonische Strafen: Der Expertenrat, das höchste Klerusgremium im Iran, hatte jüngst ein konsequentes Vorgehen gegen die Anti-Kopftuch-Proteste der Frauen im Land gefordert. "Das Kopftuch ist ein unwiderruflicher Teil des Islams, der die Würde und Keuschheit der Frauen garantiert", sagte Ratspräsident Ahmad Dschannati. Daher sollte gegen Verstöße konsequent vorgegangen werden. Seit Dezember vergangenen Jahres protestieren immer mehr Frauen gegen den Kopftuchzwang, indem sie auf den Straßen ihre Kopftücher abnehmen und sie als Fahne an einen Stock hängen. Die Bewegung wird sogar von Frauen, die freiwillig ein Kopftuch tragen, sowie einigen Klerikern unterstützt.

Seit vier Wochen ist der Hidjab ein Hauptthema aller Freitagsprediger im ganzen Land. In Teheran hatte jüngst Ahmad Khatami, der bekannteste, radikalste und zugleich einflussreichste aller Freitagsprediger, in seiner Predigt etwas Sensationelles gesagt: "Schlimmer als die Frauen, die ohne Hidjab in der Öffentlichkeit erscheinen, sind jene, die diese Sünde religiös rechtfertigen."

Würde der Hidjab verschwinden, so der Prediger weiter, bliebe von der Islamischen Republik nichts übrig. Und Khatami hat Recht. Der staatliche Kleiderzwang ist das wichtigste Symbol des Gottesstaates und es gibt ihn nirgendwo außer im Iran.

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