"Kokorec, ohne dich geht es nicht"

Türken lieben Kokorec, eine Art Döner gefüllt mit Lamm-Kutteln. Doch genau wegen dieser Köstlichkeit ist der Beitrittskandidat nun in das Fadenkreuz der EU geraten. Die Türken sind entsetzt.

Die Türkei hat schon viele Versprechungen machen müssen, um sich als Beitrittskandidat für die Europäische Union (EU) zu qualifizieren – und viele Versprechen hat sie auch eingehalten: Gesetze wurden verabschiedet, um mehr Transparenz und Demokratie zu garantieren. Die Todesstrafe wurde abgeschafft. Bis zum Jahr 2004 will die Türkei die Gesetze komplett auf EU-Standard gebracht haben.

Aber nur wenige Bürger haben erwartet, dass der Weg nach Europa auch den türkischen Speiseplan ändern würde. Dort steht Kokorec an prominenter Stelle: gegrillter Darm, klein geschnitten mit Tomaten und verschiedenen Gewürzen gemischt, meist von fliegenden Händlern verkauft. Kokorec ist ein türkisches Nationalgericht. Doch die türkische Regierung könnte sich gezwungen sehen, den allgegenwärtigen Snack von den Speisekarten des Landes zu verbannen. Der Grund: das EU-Verbot, Eingeweide, Leber, Milz, Hirn und Augen von Schlachtvieh zu verkaufen. Eine Weisung, die helfen soll, BSE und andere Krankheiten zu bekämpfen.

Der lange Arm Brüssels

Im benachbarten Griechenland hat Brüssel die dort unter dem Namen "Kokoretsi" bekannte Köstlichkeit bereits verboten. Trotzdem konnte der lange Arm des europäischen Gesetzes bisher nicht verhindern, dass die Griechen das Gericht weiter während des orthodoxen Osterfestes essen.

In der Türkei haben allein die Gerüchte über ein eventuelles Verbot einen nationalen Aufschrei der Empörung verursacht. Denn die türkische Leidenschaft für sautierte und würzige Innereien ist durchaus vergleichbar mit der Vorliebe der Amerikaner für Hamburger. Nach Auffassung der Zeitung "Milliyet" sind die Türken den traditionellen Gerichten ihres Landes geradezu "verfallen".

Mit Kutteln in die Charts

Eine Pop-Gruppe hat sogar schon eine Ode an Kokorec veröffentlicht. Ihre Liebeserklärung an die Kutteln stürmte die türkische Hitparade: "Kokorec - ohne dich geht's nicht." Sogar Verschwörungstheorien sind im Umlauf: Washington übe Druck auf Ankara aus, weil die Amerikaner die Konkurenz von Kokorec auf dem Fast-Food-Markt fürchteten. "Europa sollte sich besser an Kokorec gewöhnen", wird Mehmet Aztekin, der Vorsitzende des Gastronomen Verbandes in Ankara, von einer europäischen Wirtschaftspublikation zitiert. Seiner Meinung nach ist ein Verbot des Gerichts "absolut unmöglich".

Standards oft unterschritten

Doch es gibt noch mehr schlechte Nachrichten für die Kokorec-Fans: Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie werden die geforderten hygienischen Standards bei der Zubereitung von Kokorec an den Straßen-Ständen oft nicht eingehalten. "Unsere Forschungen haben ergeben, dass die benutzten Innereien oft nicht richtig gereinigt und dadurch mit Bakterien belastet sind", sagte der Forscher Seran Temelli der Zeitung "Turkish Daily News".

Vorläufig können die Türken aber weiter Kokorec genießen. Das türkische Innenministerium hat angebliche Pläne dementiert, wonach Köchen die Kokorec verkaufen die Lizenz entzogen werden soll. Aber eines ist sicher: Das Thema Kokorec wird weiter brutzeln – und im Jahr 2004 wahrscheinlich noch mal richtig überkochen; dann, wenn die Türkei alle Standards auf EU-Niveau gebracht haben will. Eben auch die für Kokorec.

© 2003, DW-online

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