Kinderhandel auf Teherans Straßen

Im Sog der Armut

Immer mehr Eltern verkaufen aus Verzweiflung ihre kleinen Kinder. Das bestätigen die Behörden im Iran. Einen Plan zur Bekämpfung des Kinderhandels haben sie nicht. Helfenden NGOs misstraut die Regierung. Von Shabnam von Hein

Auf den Straßen von Teheran, der Hauptstadt der Islamischen Republik Iran, kann man Vieles kaufen: Alkohol, Drogen, Sex, gesunde Nieren und selbst Säuglinge. "Dass auf den Straßen der iranischen Hauptstadt Säuglinge verkauft werden, ist nicht neu. Es hat aber jetzt zugenommen. Die verzweifelten Menschen verkaufen inzwischen nicht nur ihre Organe, sondern auch ihre Kinder", berichtet die 32-jährige Aktivisten Shiva Nazar Ahari.

Shiva lebt in Teheran und setzt sich seit zehn Jahren für Frauenrechte und Straßenkinder ein. Sie hat festgestellt, dass dieses Thema seit einigen Monaten die iranische Gesellschaft beschäftigt: "Neu ist der Einfluss der Sozialen Medien und des Bürgerjournalismus. Nun kann jeder den Verkauf eines Kindes dokumentieren und im Netz verbreiten."

Mitte Oktober bestätigte Habibollah Massoudi Farid, Vizechef der staatlichen Wohlfahrtsorganisation, was seit Monaten nicht nur im Netz, sondern auch von seriösen Zeitungen thematisiert wird: Es gebe Eltern, die mit ihren Kindern handeln. Farid ergänzte: "Das hat zugenommen, und zwar im ganzen Land." Als Grund dafür nannte Farid die Zunahme des Drogenkonsums besonders unter Müttern.

Säuglingsmarkt in der Umgebung von Krankenhäusern

In Teheran verkauften drogensüchtige und obdachlose Frauen wie auch Prostituierte ihre Säuglinge nach der Entbindung in der Umgebung von Krankenhäusern in der Innen- und Südstadt, teilte Fatemeh Daneshwar im September mit. Das Mitglied des Teheraner Stadtrats kennt auch die Preise: Umgerechnet 25 bis 50 Euro werden demnach für ein Kind bezahlt. Gekauft würden die Kinder von Bettlerbanden und Drogenhändlern. 

"Die Säuglinge sind oft HIV-positiv oder selbst drogensüchtig. Viele von ihnen werden leider nicht lange leben", so Fatemeh Daneshwar weiter. Sie fordert die Einwohner der Stadt auf, Bettlern mit kleinen Kindern kein Geld zu geben. Stattdessen sollten die Behörden informiert werden. Bahareh aus Teheran versteht diese Aufforderung nicht: "Ich sehe jeden Tag dutzende Frauen mit sehr schlecht gekleideten kleinen Kindern oder Säuglingen auf den Straßen betteln. Sind die Behörden blind, dass wir sie anrufen müssen? Sie sind überall!", so die junge Mutter.

Viele der obdachlosen Frauen sprechen mit starkem Dialekt, hat Bahareh festgestellt. "Alle erzählen, dass sie für ein besseres Leben nach Teheran gezogen sind, manche mit ihrer Familie, einige auch ohne ihre Männer."

Drogenhandel – ein florierendes Geschäft

Die iranische Hauptstadt mit ihren geschätzt 14 Millionen Einwohnern zieht als wirtschaftliches Zentrum unzählige Jobsucher aus den armen Teilen des Landes an. Viele von ihnen werden schnell enttäuscht. Die iranische Wirtschaft leidet seit Jahren unter Stillstand. Die Hoffnung, dass mit der Aufhebung der internationalen Sanktionen nach dem erfolgreichen Abschluss des Atomabkommens 2015 die Wirtschaft in Schwung kommt, ist noch nicht in Erfüllung gegangen. Zwar war der Ölexport im Oktober dreimal so hoch wie im Oktober 2015.

Dennoch legen neue offizielle Zahlen dar, wie dramatisch die Lage besonders für junge Arbeitssuchende ist. Das Land müsste jedes Jahr rund 1,2 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen, allein um die Zahl der neu auf den Arbeitsmarkt drängenden jungen Menschen aufzunehmen. Es gelingt aber nur, etwa die Hälfte der benötigten Arbeitsplätze zu schaffen. Besonders schwer haben es Frauen. In einigen Teilen des Landes liegt die Zahl der arbeitslosen Frauen bei 70 Prozent. Wer nach Teheran zieht und keinen Job findet, geht betteln, verkauft seinen Körper oder steigt ins Drogengeschäft ein.

Bettelnde Straßenkinder in den Straßen Teherans, Foto: ISNA
Kinder aus verarmten Bevölkerungsschichten als Opfer der Sanktionen: Die iranische Wirtschaft leidet seit Jahren unter Stillstand. Die Hoffnung, dass mit der Aufhebung der internationalen Sanktionen nach dem erfolgreichen Abschluss des Atomabkommens 2015 die Wirtschaft in Schwung kommt, ist noch nicht in Erfüllung gegangen. Zwar war der Ölexport im Oktober dreimal so hoch wie im Oktober 2015.

Drogenhandel ist trotz Todesstrafe ein florierendes Geschäft im Iran. Laut dem "Stab für Drogenbekämpfung der Islamischen Republik" fangen täglich 100 Menschen den Drogenkonsum an, 70 Prozent von ihnen werden süchtig. Offiziell wird die Zahl der Drogensüchtigen unter den knapp 80 Millionen Einwohnern auf drei Millionen geschätzt, neun Prozent davon sind Frauen. Der Frauenanteil hat sich damit in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Sie nehmen vor allem die vergleichsweise billige Aufputschdroge Methamphetamin, bekannt als "Crystal Meth". Nach Opium ist es die zweitbeliebteste Droge im Iran.

Kein Vertrauen in NGOs

"Nicht jede Mutter oder Familie, die ihren Säugling oder ein Kleinkind zum Verkauf anbietet, ist drogensüchtig", betont Mahoud Lotfi von der nichtstaatlichen Organisation "Für Kinderrechte" in Teheran. "Viele Familien leiden unter extremer Armut. Sie sind verzweifelt. Sie verkaufen ihre Kinder in der Hoffnung, dass ihr Kind eine bessere Zukunft finden wird. Die Kinder landen aber oft bei Bettlerbanden. Oder sie werden zu Straßenarbeitern."  

Diese Probleme können die Behörden nicht allein im Griff bekommen, meint Shiva Nazar Ahari. Aktivisten wie Shiva, die sich für Frauenrechte und Straßenkinder einsetzen, können die Behörden auch nicht dulden. Shiva wurde mehrfach verhaftet. Wegen "Verbreitung von Propaganda gegen das System" saß sie 2010 ein knappes Jahr im Gefängnis. Ihr Studium durfte sie nicht beenden. Aufgeben will sie trotzdem nicht. Sie arbeitet nun mit den NGOs zusammen, die in den ärmsten Stadtteilen aktiv sind. Sie setzten sich für Prostituierte, Straßenkinder und Drogenabhängige ein.

"Wir müssen alle sehr vorsichtig agieren und alles vermeiden, was den Behörden nicht passt. Jede Organisation, die nicht unter dem Schirm der Regierung steht, ist unerwünscht. Die Regierung muss uns aber vertrauen. Wie wollen nur helfen."

Shabnam von Hein

© Deutsche Welle 2016

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