Kernenergie im Nahen Osten

Ein atomarer Wettlauf?

Vermutlich wird sich der Nahe Osten in naher Zukunft weiter destabilisieren. Damit steigt dort auch die Bereitschaft, Atomwaffen zu entwickeln oder zu erwerben. Ein Überblick von Israel Rafalovich

Schon lange sind die arabischen Staaten darüber verärgert, dass die internationale Gemeinschaft nicht in der Lage ist, Israel für sein verdecktes Atomwaffenprogramm zu sanktionieren. Ein weiterer Stein des Anstoßes ist der Atomwaffensperrvertrag (NVV), der nach arabischer Sichtweise den Vorsprung der ursprünglichen fünf Atomwaffenstaaten vor allen anderen Ländern zementiert.

Nun scheint sich die Lage allerdings zu verändern: In den letzten Jahren wurde es für die Vereinigten Staaten immer schwieriger, im Nahen Osten ihre abschreckende Macht zur Geltung zu bringen. Darüber hinaus werden die arabischen Regierungen in den Augen ihrer Wähler zunehmend als schwach und inkompetent wahrgenommen – so, als wollten sie im Nahen Osten lediglich die amerikanischen Interessen durchsetzen.

Aufgrund der ungewöhnlich dynamischen Natur des aktuellen politischen Klimas erhalten die arabischen Länder für ihre Nuklearprogramme eine noch nie dagewesene regionale Unterstützung. Daher haben einige dieser Staaten damit begonnen, zivile Atomprogramme zur Energiegewinnung zu entwickeln und umzusetzen – mit dem Ziel, zukünftig auch Nuklearwaffen herstellen zu können.

Infografik zeigt die weltweite Verbreitung von Atomsprengköpfen; Quelle: DW
Globaler nuklearer Schrecken: Nach Schätzungen gibt es gegenwärtig fast 14.500 Atomsprengköpfe weltweit, 6.850 davon in Russland und 6.450 in den USA. Seit Inkrafttreten des Atomwaffensperrvertrags haben zwar mehrere Staaten ihre militärischen Atomprogramme aufgegeben, darunter Schweden, Brasilien, Weißrussland und der Irak. Trotzdem breitete sich die Technologie aus. Indien, Israel und Pakistan erkennen den Vertrag nicht an und entwickelten seit den 1960er Jahren Kernwaffen. Israel hat sich nie offen zu seinem Atomprogramm bekannt.

Ägypten hat eine massive Forschungsinfrastruktur ins Leben gerufen, mit der die meisten Aspekte nuklearer Wissenschaft und Technologie untersucht werden können. Im Dezember 2017 unterzeichneten die Ägypter mit Russland ein verbindliches Abkommen, um in El Dabba gemeinsam das erste ägyptische Atomkraftwerk mit vier Reaktoren zu bauen. Der erste Reaktor soll 2026 in Betrieb gehen.

Algerien verfügt über eine der besten und fortschrittlichsten Atomanlagen der gesamten arabischen Welt. Sein massives Nuklearprogramm verfolgt das Land schon seit Ende der 1980er Jahre.

Saudi-Arabiens Atomprogramm steckt hingegen noch in den Kinderschuhen. Daher plant das Königreich inzwischen über einen Zeitraum von 20 Jahren den Bau von 16 Kernkraftwerken, die zusammen mehr als 80 Milliarden Dollar kosten sollen.

Die Türkei hat den Vorteil, bereits jetzt über eine gut funktionierende Kernforschungsagentur zu verfügen. Am 2. Dezember 2017 eröffnete das Land in Akkuyu offiziell die Baustelle für sein erstes Atomkraftwerk. Es soll eine Kapazität von 4,8 Gigawatt erreichen und 60 Jahre lang in Betrieb bleiben.

Auch die Vereinigten Arabischen Emirate haben immer wieder Schritte in Richtung Kernkraft unternommen. In Barakah baut ein Konsortium unter der Leitung von KEPCO vier Reaktoren nach koreanischer Bauart. Die erste dieser Anlagen soll schon 2019 in Betrieb gehen.

Marokko hat im Nuklearbereich nur begrenzte wissenschaftliche und technische Erfahrung. Trotzdem plant die Regierung, bei Sidi Boulbra ihr erstes Kernkraftwerk zu bauen.

Tunesien untersucht an einem Standort im Norden oder Süden des Landes den möglichen Bau einer 600 MW starken Atomanlage. Ziel ist, das Kraftwerk 2020 in Betrieb zu nehmen.

Jordanien ist bereits heute in der Lage, ein Atomprogramm zu starten. Doch die ehrgeizigen Pläne werden dadurch behindert, dass die Kapazitäten der nuklearen Infrastruktur im Land begrenzt sind. In Amra nördlich von Amman ist der Bau eines 600-Megawatt-Atomreaktors geplant. Die Anlage soll bis 2020 fertig sein.

Der ehemalige iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad während eines Besuchs im Urananreicherungszentrum von Natanz am 8. April 2008; Foto: AP
Mit der Unterzeichnung des JPOA, das die iranische Urananreicherung als Gegenleistung für die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen einschränkte, hoffte der Westen, die Gefahr der Verbreitung von Atomwaffen im Nahen Osten eingedämmt zu haben. Doch der Ausstieg aus dem Atomabkommen mit dem Iran im Mai 2018 wird nun wohl auch andere Staaten im Nahen Osten dazu ermutigen, ihre eigenen nuklearen Interessen zu verfolgen - ganz gleich, ob die Region später dann noch sicher sein wird oder nicht.

Das Problem der Erkennung

Alle genannten Staaten sagen aus, keine Atomwaffen entwickeln zu wollen. Trotzdem ist es eine Tatsache, dass Staaten, die einen gewissen Grad an nuklearen Fähigkeiten erreicht haben, häufig auch Waffen entwickeln. Durch zivile Nuklearprogramme wird die illegale Beschaffung von Materialien erleichtert. Solche Programme liefern die Technologie und das Wissen, um heimlich Atomwaffen bauen zu können. Geräte oder Materialien, die sowohl für zivile als auch für militärische Nuklearprogramme geeignet sind, können beschafft werden, ohne Verdacht zu erregen, da die militärischen Programme klein und schwer zu erkennen sind.

Arabische Staaten, die zivile Atomprogramme verfolgen, könnten versuchen, russische, chinesische und europäische Nuklearinteressen gegeneinander auszuspielen, um gegenüber ihrem Hauptverbündeten – den Vereinigten Staaten – ihre Macht zu vergrößern. Neben China und Nordkorea ist vor allem Russland für diese Zwecke eine gute Kontaktadresse.

Die Gefahr der Verbreitung von Atomtechnologie im Nahen Osten wird dadurch noch verstärkt, dass die Region weitgehend autokratisch regiert wird. Außerdem erhöht sich das Risiko, dass Atomtechnologien missbraucht werden, durch Regimewechsel und die immer stärkere Auflösung staatlicher Strukturen.

Strategische Allianzen

In den Nahen Osten fließen immer mehr hochentwickelte und strategisch wichtige Technologien. Dies wird durch Abkommen zwischen den Ländern der Region und anderen globalen Akteuren begünstigt, die durch politische und ökonomische Machtinteressen motiviert sind – und den Wunsch, Waffen und technische Anlagen zu verkaufen. Dabei kann nicht ausgeschlossen werden, dass einige Länder nach „Abkürzungen“ suchen. Sie entwickeln dann nicht nur ihre zivilen Programme, sondern versuchen auch, passende Waffensysteme zu erwerben.

Dass im Nahen Osten nukleare Möglichkeiten angestrebt werden, gibt den Ländern dort das Recht, Maßnahmen zu ergreifen und mit Staaten, die Atomtechnik besitzen, Allianzen zu schmieden – mit dem Ziel, ein militärisches Gleichgewicht in der Region zu erreichen und die eigenen Interessen zu verteidigen.

Ein nuklearer Naher Osten hätte einen erheblichen Einfluss auf die Sicherheit und die Nichtverbreitung von Atomwaffen in der arabischen Welt. Es ist durchaus denkbar, dass sich einige Länder – in absehbarer Zukunft – dafür entscheiden, gemeinsam aus dem Atomwaffensperrvertrag auszutreten.

Und eines ist auch klar: So lange Israel hierbei nicht einbezogen wird, kann das Ziel völliger nuklearer Abrüstung im Nahen Osten nicht erreicht werden. Wenn ein einzelnes Land die Möglichkeit hat, Atomwaffen herzustellen und einzusetzen, macht es für die anderen keinen Sinn, auf ihre eigenen Nuklearkapazitäten zu verzichten. Was einem Land zugestanden wird, kann dem Rest der Region nicht verweigert werden.

Israel Rafalovich

© Qantara.de 2018

Übersetzt aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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