Kathleen Göbels Buch "Tiere des Himmels"

Symbole für menschliche Stärken und Schwächen

Die islamische Tradition ist reich an Tiergeschichten. Die Islamwissenschaftlerin und Schriftstellerin Kathleen Göbel hat die fantastischen Erzählungen und Geschichten, Gleichnisse und Weisheiten aus der Welt der Tiere in ihrem neuen Buch zusammengestellt. Mit ihr sprach Suleman Taufiq.

Wie kam es bei Ihnen zur Berührung mit dem Orient und seinen Kulturen? Und wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben?

Kathleen Göbel: Nach meinem Abitur in Berlin studierte ich an der FU Germanistik, Psychologie, Türkisch und Islamwissenschaften und fuhr in den 70er Jahren in den Semesterferien in die Türkei. Das war zunächst ein Schock, denn ich musste erfahren, dass all das, was an der Uni als "Islamwissenschaft" galt, nicht nur völlig verkopft war, sondern herzlich wenig mit der gelebten lebendigen Realität des islamischen Kulturkreises zu tun hatte. Ich war begeistert von den Menschen, die mir – in den Städten wie in den Dörfern gleichermaßen – die Türen zu ihren Häusern und ihren Herzen öffneten.

Es wurde ein langer Aufenthalt. Ich ging nach Konya und studierte dort Koran-Wissenschaft an der Shamsi Tabrizi Cami (auch wenn dies damals für eine Frau mit Komplikationen verbunden war). Und ich studierte Islamische Philosophie bei Suleiman Dede, der mich dann nach Istanbul zu Mustafa Effendi schickte.

Parallel dazu begann ich Geschichten zu sammeln und gab nach meiner Rückkehr den ersten Band mit traditionellen türkischen Lehrgeschichten heraus, der große Resonanz erfuhr und wiederholte Neuauflagen.

Aus welchen Quellen haben Sie Ihre Geschichten bezogen? Und welche Idee liegt Ihrem Buch zugrunde?

Buchcover Kathleen Göbel: "Tiere des Himmels – Weisheitsgeschichten aus dem Orient"
Kathleen Göbel: "Vögel, ja sogar Insekten können als Symbole dienen, um menschliche Schwächen und Stärken zu illustrieren, sie können Auswege aufzeigen und ungenutzte Potentiale"

Göbel: In meinem Buch "Tiere des Himmels Weisheitsgeschichten aus dem Orient" ist jedes Kapitel einer Tiergattung gewidmet: vom Elefanten bis zur Mücke. Vielen Propheten im Koran (der sämtliche Propheten des Christen- und Judentums bestätigt) sind Tiere beigeordnet: so zum Beispiel erzählt der Koran die zauberhafte Liebesgeschichte von Solomon und Bilqis, der schönen und klugen Königin von Saaba. Es war der Wiedehopf (hudhud), der Solomon von ihr berichtete und dann die Botenrolle sozusagen als Brieftaube übernahm. Die Geschichte endet im übrigen nicht damit, dass Bilqis tief verschleiert in Solomons Harem landet, sondern folgendermaßen: Beim Betreten seines Palastes hielt sie den gefliesten blauen Boden für Wasser und schürzte ihre Röcke, so dass er ihre bloßen Waden erblickte…

So steht es im Koran (Sure 27 – Die Ameisen), und wenn ich muslimischen Freunden davon erzähle, ernte ich regelmäßig zunächst böse Schelte. Wissend, dass es sich um selten zitierte Verse handelt, bleibe ich hartnäckig. Dann wird der Koran geholt, die Stelle wird nachgeschlagen – und dann finden oft leidenschaftliche Diskussionen statt, man tauscht sich aus und lernt voneinander.

Was kann man von diesen alten Geschichten, Gleichnissen und Weisheiten aus der Welt der Tiere im Orient lernen?

Göbel: Vögel, ja sogar Insekten können als Symbole dienen, um menschliche Schwächen und Stärken zu illustrieren, sie können Auswege aufzeigen und ungenutzte Potentiale. Der persische Philosoph Attar verfasste im 12. Jahrhundert ein Werk, das die spannende Suche nach Selbstfindung mit hohem spirituellen Anspruch beinhaltete und am Beispiel der Vögel, die sich auf die Suche nach ihrem König machten, erläuterte. Und der Philosoph al-Muqqadisi aus Syrien schrieb im 10. Jahrhundert sein zauberhaftes Werk über die Enthüllung der Geheimnisse der Blumen und Vögel. 

Die Tiere können zur Verdeutlichung dessen dienen, was aller erschaffenen Kreatur gemeinsam ist: nämlich dass ihr eine "Rolle zugewiesen wird, die sie in irdischen Angelegenheiten zu spielen hat. Sie sind bestimmten Regeln und Disziplinen unterworfen, mittels derer sie die Wünsche des Schöpfers erfüllen".

Sind diese Geschichten auch im Christentum oder Judentum bekannt?

Brieftaube als kalligraphische Illustration in "Tiere des Himmels – Weisheitsgeschichten aus dem Orient"
"Der Koran erzählt die zauberhafte Liebesgeschichte von Solomon und Bilqis, der schönen und klugen Königin von Saaba. Es war der Wiedehopf (hudhud), der Solomon von ihr berichtete und dann die Botenrolle sozusagen als Brieftaube übernahm", sagt Göbel.

Göbel: Diese traditionellen Geschichten, die dem Nährboden der "drei Religionen des Buches" entstammen, gehören uns allen, und sind uns in der einen oder anderen Version wohl vertraut.

Eine der Geschichten, die mich beeindruckt hat, handelt von der Juden und Christen wohlbekannten Begebenheit vom "Goldenen Kalb": Als Moses, nachdem er die Gesetzestafeln mit den zehn Geboten erhalten hatte und zu den Israeliten zurückkehrt war, musste er feststellen, dass sie während seiner kurzen Abwesenheit, vom Glauben an den einen Gott abgefallen waren. Ich hatte noch nie darüber nachgedacht, warum es denn nun ausgerechnet ein goldenes Kalb war, und kein Esel oder Kamel. Sure 20 schildert ein spannendes Zusatzdetail: Lange war es noch nicht her, dass die Israeliten Ägypten verlassen hatten, und einer unter ihnen nutzte Moses Abwesenheit, um den ägyptischen Osiriskult aufleben zu lassen.

Nicht alle Tiere sind im islamischen Orient beliebt. Welche Tiere sind gut angesehen und welche nicht? Gibt es Unterschiede zwischen unserer westlichen Welt und der orientalischen was die Beziehung zu den Tieren betrifft?

Göbel: Der Hund gilt als so schmutziges und unreines Tier, dass eine noch so geringfügige Berührung eine rituelle Waschung erforderlich macht. Zugleich wird der Hund im Koran in Gestalt des treuen Hundes der Siebenschläfer geehrt. Sogar sein Name ist überliefert: Qitmir. Und es heißt, dass er zu den vier Tieren gehört, die ins Paradies kommen werden: Buraq, das geflügelte Pferd des Propheten, der Wal, der Jonas geschluckt hatte und die Ameise, die Solomon Achtsamkeit lehrte.

Von der beispielhaften Empathie des Propheten Muhammad, der seinen Tieren Namen gab (sein Esel z. B. hieß Duldul) und wiederholt als aktiver Tierschützer für geschundene Kamele bei ihren Besitzern eintrat, ja, sogar zwei Vogeljunge vor dem Zugriff seiner Gefährten rettete, weil ihm die aufgeregte Vogelmutter leid tat, ist in den modernen arabischen Ländern, und gleichermaßen in der Türkei tatsächlich keine Rede.

Es ist durchaus ein Widerspruch, dass die Vorbildfunktion des Propheten im Hinblick auf den Umgang mit Tieren häufig ignoriert wird, obwohl es gilt, seinem Vorbild und seinen Handlungen nachzueifern.

Suleman Taufiq

© Qantara.de 2014

Kathleen Göbel: "Tiere des Himmels – Weisheitsgeschichten aus dem Orient", Topos Taschenbuch, Regensburg 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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