Kaschmirkonflikt

Neue alte Frontstellung

Nach dem jüngsten Anschlag auf eine indische Militärbasis in Kaschmir stehen die Zeichen zwischen Indien und Pakistan erneut auf Sturm: Die indische Regierung will nun das islamische Nachbarland isolieren. Einzelheiten von Ronald Meinardus aus Neu Delhi

Die Angreifer kamen im Morgengrauen. Schwerbewaffnet drangen sie in das indische Militärlager bei Uri ein – unweit der Grenze, die den indischen und den pakistanischen Teil Kaschmirs trennt. In dem Feuergefecht starben 18 indische Soldaten und die vier Angreifer. Es war der höchste Blutzoll, den das indische Militär als Folge eines Überfalls im Grenzgebiet seit 2002 zu beklagen hatte. Damals reagierte Neu Delhi mit einer Teilmobilisierung seiner Streitkräfte.

Wenn es um die Unruheregion Kaschmir geht, gibt es wenig Einigkeit zwischen den verfeindeten Nachbarstaaten. Das gilt für die großen Linien des Konfliktes, aber auch für die Details, wie etwa die Zuordnungen des Terrorüberfalls vom vergangenen Wochenende (18.09.2016) und die Verantwortlichkeit: In Indien besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass die Kämpfer aus Pakistan eindrangen und die Hintermänner der Bluttat im Nachbarland sitzen.

"Pakistan ist ein terroristischer Staat und sollte als ein solcher gebrandmarkt und isoliert werden", erklärte Indiens Innenminister Rajnath Singh, der wegen der Zuspitzunng der Lage eine Reise nach Moskau kurzerhand absagte. Ähnliche, nur noch schrillere Verdammungen des Erzfeindes Pakistan hört man aus allen politischen Lagern Indiens. Die Stimmung ist aufgeheizt, das zeigen auch die Kommentare in Zeitungen und sozialen Medien. In einer Blitzumfrage der "Times of India", der führenden englischsprachigen Zeitung des Landes, votierten zwei Drittel der Befragten für einen harten militärischen Vergeltungsschlag.

Diametral entgegengesetzt ist das Narrativ der anderen Seite: "Pakistan für Uri verantwortlich zu machen, wird die Inder teuer zu stehen kommen", sagte Verteidigungsminister Khawaja Asif Anfang dieser Woche.

Indiens Informationsminister Venkaiah Naidu; Foto:  INDRANIL MUKHERJEE/AFP/Getty Images
Verschärfte Tonlage zwischen Indien und Pakistan: Indiens Informationsminister Venkaiah Naidu erklärte nach einem Ministertreffen unter dem Vorsitz von Premierminister Narendra Modi: "Indien wird Pakistan eine Lektion erteilen. Pakistan hilft, unterstützt, finanziert und trainiert Terroristen. Es ist zu ihrer Staatspolitik geworden. Das Land hat gezeigt, dass es ein Schurkenstaat ist."

Im Unterschied zu anderen internationalen Krisen- und Konfliktherden gibt es im gegenwärtigen indisch-pakistanischen Zank keine Vermittler. Hierfür käme faktisch einzig die Weltmacht USA in Betracht, die in beiden Ländern Sonderinteressen hat. "Es ist seit Jahren unsere Politik, dass die beteiligten Seiten das Problem selbst lösen müssen", erklärte unlängst Richard Verma, US-Botschafter in Neu Delhi. Nach dem Überfall vom letzten Wochenende verurteilte das US-Außenministerium den "terroristischen Angriff" zwar aufs Schärfste. Die von den Indern herbeigesehnte Schuldzuweisung an die Adresse Pakistans verkniff sich Washington indessen.

Keine Friedenslösung in Sicht

Als Folge des Unwillens, oder sogar des Unvermögens der Vereinigten Staaten, die atomgerüsteten Streithähne von einem Ausgleich zu überzeugen, schwelt der Konflikt in Südasien seit Jahrzehnten weiter. Das ungelöste Kaschmir-Problem bleibt mithin eine potenzielle Gefahr für den Weltfrieden. Dreimal schon führten Indien und Pakistan wegen des Kaschmirkonflikts Krieg. Immer wieder kam und kommt es zu gefährlichen Eskalationen an der umstrittenen Grenze.Der Streit reicht weit zurück in die Zeit nach dem Ende des britischen Kolonialismus. Das von Indien kontrollierte Jammu und Kaschmir ist der einzige Bundesstaat der indischen Föderation mit muslimischer Mehrheit.

Während historisch gesehen Indien in der Kaschmir-Frage eine auf die Wahrung des Status quo orientierte Strategie verfolgt, betreibt Pakistan eine revisionistische Politik mit dem Ziel der Einverleibung Kaschmirs. Da dieses Ziel angesichts der Übermacht der indischen Streitkräfte keine realistische Option sein kann, bedient sich Islamabad immer wieder "unkonventioneller" Mittel. Es ist ein gut dokumentiertes "Geheimnis", dass die pakistianischen Geheimdienste terroristische Aktivitäten und Gruppierungen im indischen Teik Kaschmirs unterstützen. Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass die indischen Medien geradezu reflexartig auf Pakistan verweisen, wenn Angriffe wie vom vergangenen Sonntag erfolgen.

Neuer Tiefpunkt im leidgeprüften Verhältnis

Die jüngste militärische Eskalation kennzeichnet einen neuen Tiefpunkt im leidgeprüften Verhältnis. Dabei hatte es zuletzt durchaus Hoffnungen auf ein Tauwetter in den bilateralen Beziehungen gegeben. Nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten im Frühjahr 2014 hatte Narendra Modi seinen pakistanischen Amtskollegen Nawaz Sharif – zusammen mit allen Regierungschefs der Region – zu seiner Vereidigung nach Neu Delhi eingeladen.Eine politische Sensation folgte zu Weihnachten des vergangenen Jahres, als Modi auf dem Rückflug von einer Auslandsreise überraschend in Lahore zwischenlandete und mit Nawaz Sharif Tee trank.

Die Schalmaienklänge über das Tête-à-Tête des Inders mit dem Pakistaner waren kaum verstummt, als ein Terrorangriff auf die indische Militärbasis bei Pathankot die Beziehungen abermals belasteten. Von der Machart her waren der damalige Überfall und der Terrorangriff von letztem Sonntag ähnlich, nur dass damals sieben Inder getötet wurden, dieses Mal waren es 18.

Der Kleinkrieg an der Grenze findet vor dem Hintergrund eskalierter Spannungen im von Indien kontrollierten Kaschmirtal statt. Kaum ein Tag vergeht dort ohne größere Demonstrationen mit Toten und Verletzten. Der Auslöser der jüngsten Welle der Gewalt war die Tötung des örtlichen Rebellenanführers Burhan Wani Anfang Juli durch die indischen Streitkräfte. Für die indischen Behörden ist er ein Terrorist, für viele – vor allem jugendliche – Kaschmiris dagegen ein Freiheitskämpfer und Märtyrer.

Infografik Kaschmirkonflikt; Foto: DW
Ein seit Jahrzehnten schwelender Konflikt: Die mehrheitlich von Muslimen bewohnte Bergregion ist seit einem Krieg 1947 zwischen Indien und Pakistan geteilt, wird aber weiter von beiden Staaten in Gänze beansprucht. Seit 1989 kämpfen mehrere Rebellengruppen teils für die Unabhängigkeit Kaschmirs, teils für den Anschluss an Pakistan.

Der Zorn der Kaschmiris hat viele Ursachen. Viele klagen über ihre politische und wirtschaftliche Marginalisierung und sind empört über das bisweilen unverhältnismäßig brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte, die viele als fremde Besatzer betrachten. 80 Menschen sind der jüngsten Welle der Gewalt zum Opfer gefallen, in der großen Mehhrheit Demonstranten, viele davon im jugendlichen Alter.

In den indischen Medien wird seit Wochen intensiv über die jüngste Kaschmirkrise diskutiert. Die politische Klasse – Regierung und Opposition – scheinen zur Ansicht gekommen zu sein, dass ein umfassender politischer Neuanfang nötig ist, um dem schwelenden Konflikt beizukommen.

Der Terrorangriff vom Wochenende hat diesem Ansatz einstweilen ein abruptes Ende bereitet. Indiens Zeitungen berichten über Krisensitzungen des Militärs und mögliche Vergeltungsschläge. Die Leidtragenden sind wie sooft zuvor die Menschen in der Kaschmir-Region. Solange Indien und Pakistan nicht das Kriegsbeil begraben, wird Kaschmir nicht zur Ruhe kommen.

Ronald Meinardus

© Qantara.de 2016

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Leserkommentare zum Artikel: Neue alte Frontstellung

Die UN muss nach Kaschmir gehen, um zu gucken was das indische Militär aus dem Kaschmir gemacht hat - keine freiheit, kein recht zu studieren, keine meinungsfreiheit, kein leben.
Das heißt staatlich finzanzierter Terrorismus -- was Indien in Kaschmir seit 60 Jahren macht, aber keiner darf dorf hingehen, um die Realität zu wissen, Realität zeigen nur die indischen Medien - der Rest ist wohl alles falsch?!

Salman19.03.2017 | 17:31 Uhr