Karikaturenmuseum in der ägyptischen Oase Fayoum

Sticheleien gegen Despoten

Umgeben von Wüste, inmitten der idyllischen Oase Fayoum, liegt Mohamed Ablas Karikaturenmuseum – das erste im Nahen Osten. Es genießt nicht nur den Ruf, ein besonderer Ort der Kreativität zu sein, sondern versteht sich auch als Antwort auf den Karikaturenstreit. Von Amira El Ahl

Karikaturenmuseum in Fayoum; Foto: Amira El Ahl
Witzig, kreativ und provokant: Das Karikaturenmuseum in Fayoum versteht sich als das Mekka der Karikaturisten und Kunstinteressierten aus aller Welt

​​Die Pyramiden stehen majestätisch in der frühen Morgensonne, völlig unbeeindruckt von dem chaotischen Gewühl, das auf den Hauptverkehrsadern zu ihren Füßen stattfindet. Schon lange stehen die Grabstätten der Pharaonen nicht mehr am Rand der Stadt. Wie eine Krake breiten sich die Wohnsiedlungen in die Wüste aus und ziehen einen immer engeren Ring um die monumentalen Bauwerke. Erst wenn man die Pyramiden in süd-westlicher Richtung hinter sich lässt, stellt sich langsam Ruhe ein.

Die Fahrt führt durch die Wüste, knapp 100 Kilometer lang – eine Asphaltschicht wie mit der Schnur gezogen. Das Ziel: Fayoum, Ägyptens größte Oase mit knapp zwei Millionen Einwohnern.

Nur eine Stunde Autofahrt vom Moloch Kairo entfernt, erstreckt sich eine der reichsten Naturlandschaften des Landes. Das satte Grün der Ackerflächen, der Palmenhaine und Obstplantagen empfängt den Besucher. Zwischen dem gelben Wüstensand im Norden und dem fruchtbaren Boden im Süden liegt der Qarun-See, der ein Refugium für verschiedene Fisch- und Vogelarten darstellt.

Idyllisches Tunis

Am westlichen Ende der Oase, auf einer kleinen Anhöhe mit Blick auf den See, liegt das kleine Künstlerdorf Tunis. Die meisten Häuser hier sind traditionelle fayoumische Lehmgebäude, die auch in der größten Sommerhitze die Wände kühl halten. Auf manchen Feldern wachsen orangefarbene Blumen, auf anderen wird Futterklee angebaut und in den terrassenförmig angelegten Gärten sprießen ökologisch gezüchteter Salat, Tomaten, Gurken und vieles mehr.

Die Luft ist klar und außer Vogelgezwitscher und gelegentlichem Eselsgeschrei stört hier nichts die Idylle.

Kairo scheint in diesem Moment Lichtjahre entfernt zu sein. Seit 25 Jahren existiert die Künstlerkolonie Tunis in Fayoum. Zuerst waren es nur eine handvoll Kreativer, die sich in der Oase niederließen. Heute leben hier etliche Schriftsteller, Maler und vor allem Keramiker, für deren Arbeit das Dorf berühmt ist. ​​ Einer der ersten, die hier siedelten, war der Maler Mohamed Abla. "Tunis ist landschaftlich etwas ganz besonderes", sagt der 55jährige und schaut über die Felder hinaus auf den See.

Mohamed Abla; Foto: &copy Amira El Ahl
"Ich bin verrückt nach Karikaturen und sammle sie schon mein ganzes Leben lang" – Mohamed Abla, Gründer des ersten arabischen Karikaturenmuseums

Vor fünf Jahren eröffnete Abla an einem der höchsten Punkte der Siedlung das "Fayoum Art Center". Dort finden regelmäßig Kurse in Malerei, Videokunst, Bildhauerei und Graphik statt. "Jedes Jahr im Januar organisieren wir eine sechswöchige Winterakademie, zu der Künstler aus der ganzen Welt kommen", erzählt Abla in fließendem Deutsch. Er ist mit einer Schweizerin verheiratet, hat in Zürich und Alexandria Kunst und Psychologie studiert und besitzt seit Jahren in Hannover ein Atelier.

Das erste Karikaturenmuseum im Nahen Osten

Dass Tunis ein Zentrum für Kreative ist und für solche, die sich für Kunst interessieren, ist in der Szene schon seit langem bekannt. Doch Mohamed Abla möchte Tunis auch einem breiteren Publikum näherbringen. Vor einem Jahr ließ er deshalb seinen lang gehegten Wunsch wahr werden und eröffnete in Tunis das erste Karikaturenmuseum im Nahen Osten. "Ich bin verrückt nach Karikaturen und sammle sie schon mein ganzes Leben lang", sagt Abla, und unter seinem struppigen Schnauzer ziehen sich seine Lippen zu einem breiten Grinsen zusammen. Konkret wurde die Museumsidee nach dem Streit um die dänischen Mohamed-Karikaturen. "Ich wollte eine zivilisierte Antwort geben auf diesen Streit, eine Antwort auf meine Art", sagt Abla. "Ich wollte zeigen, dass es auch in Ägypten Karikaturen gibt, die politisch- sowie sozialkritisch sind." Zudem sammelt der Maler seit Jahrzehnten ägyptische Karikaturen, die er als Kulturgut bewahren möchte.

"Wir haben eine so reiche Geschichte was Karikaturen-Kunst angeht. Dieser Schatz darf nicht verloren gehen." ​​Dass er gerade das abgelegene Tunis für das erste arabische Karikaturenmuseum ausgewählt hat, ist für den Künstler kein Widerspruch. Ganz im Gegenteil. "Zum einen passt das Museum wunderbar in diese Gemeinschaft von Künstlern, Musikern und Schriftstellern", erklärt Abla. Zum anderen sei er dagegen, dass sich alles kulturelle Leben in der Hauptstadt abspiele. Schließlich ist Ägypten mehr als nur Kairo. Der großzügig angelegte traditionelle Lehmbau, in dem das Karikaturenmuseum untergebracht ist beherbergt zurzeit 200 Karikaturen, vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Die meisten Zeichnungen sind Originale – bis auf die wenigen Stücke, die aus Zeitungen und Zeitschriften stammen.

Karikatur von George Bahgoury; Foto: &copy Amira El Ahl
Das arabische Vaterland im permanenten Schlafzustand – eine Karikatur von George Bahgoury

Die meisten dieser Karikaturen gehören zu den ältesten Stücken der Sammlung. Schon im Eingangsflur begrüßen den Besucher Zeitungskarikaturen aus den 1920er-Jahren. Die älteste Karikatur der Sammlung stammt aus dem Jahr 1927. Die Zeichnungen sind koloriert, sie wirken frech, direkt, und schon damals politisch sowie sozialkritisch. Die Karikaturen erschienen in Zeitschriften wie "Al-Matraqa", "Al-Fukaha" und "Al-Kashkoul", die heute nicht mehr existieren, aber auch schon in Publikationen wie "Ruz al-Yusuf" und "Sabah al-Kheir", die bis heute in Ägypten erscheinen.

Mit spitzer Feder gegen den Monarchen

Die Geschichte der ägyptischen Karikaturen reicht zurück bis ins 19. Jahrhundert. "Die erste Karikatur, die in Ägypten erschien, stammt aus dem Jahr 1875 und ist von Jakob Sanoua", erzählt Mohamed Abla. Sanoua verstand es offenbar schon damals vorzüglich, mit seiner Zeichnung politische Kritik zu üben. Da sich die Kritik allerdings gegen den König richtete, musste der Zeichner letztendlich ins Exil nach Paris flüchten. Es scheint nur natürlich, dass Ägypten zu einem kreativen Zentrum für Karikaturisten werden sollte. "Ägypten hat nicht nur die älteste Presse der Region, die Ägypter sind auch bekannt für ihren Witz", sagt Abla. Und sie machen vor keinem Thema halt. Natürlich sind Karikaturen auch immer ein Spiegel der momentanen politischen und gesellschaftlichen Situation. "Durch Karikaturen erfährt man sehr genau, was die Menschen im Land gerade beschäftigt", sagt Mohamed Abla.

Waren im frühen 19. Jahrhundert vor allem die britische Besatzung und der König die Lieblingsthemen der Karikaturisten, drehte sich nach der Revolution 1952 alles um den Imperialismus, die USA und Israel. "Heutzutage arbeiten sich die Zeichner an globalen sowie lokalen Themen ab", sagt der Museumschef, "und sie werden mehr und mehr sozialkritisch." Terrorismus, Fanatismus, der Gesichtsschleier, die amerikanische Besatzung im Irak, der Nahost-Konflikt, Umweltschutz und Wirtschaftskrise – zu allem findet sich eine satirische Bebilderung. Dabei sind die Stile der Künstler so vielfältig wie die Themen. Die bekanntesten unter ihnen sind George Bahgoury, Mustafa Hussein und Higazy, den Mohamed Abla besonders verehrt.

Besonderes Fingerspitzengefühl gefragt

Das Karikaturenmuseum; Foto: &copy Amira El Ahl
Umgeben von Wüste, inmitten der idyllischen Oase Fayoum, liegt Mohamed Ablas Karikaturenmuseum – das erste im Nahen Osten

"Higazy ist sehr sparsam mit Worten aber seine Karikaturen sind immer Doppeldeutig." Wohl ein Erbe aus der Nasser-Ära, in der hart gegen jeden vorgegangen wurde, der die Verhältnisse zu offensichtlich kritisierte. Higazy behandelte schon damals vornehmlich soziale Themen wie Armut, bei denen besonderes Fingerspitzengefühl mit Hinsicht auf das Regime von Nöten war. ​​Insgesamt besitzt Mohamed Abla Zeichnungen von 55 Künstlern.

"In Ägypten sind Karikaturen wesentlich verbreiteter als in Europa", sagt Abla. Sein Ziel ist in Zukunft Kontakte zu Karikaturenmuseen in der ganzen Welt herzustellen und mit ihnen zusammenzuarbeiten, um die ägyptische Karikaturenkunst auch weltweit bekannt zu machen. Dabei ist es ihm ein Anliegen dafür zu werben, dass die Künstler für ihre Arbeit angemessen bezahlt werden. "Als freier Künstler bekommen sie etwa 50 ägyptische Pfund für eine Zeichnung", erklärt Abla, umgerechnet noch nicht einmal sieben Euro. Um das zu ändern, möchte der Maler außerdem einen Verlag gründen, in dem Bücher und Postkarten der Zeichnungen für den Verkauf gedruckt werden sollen.

Im März wird eine neue Ausstellung im Karikaturenmuseum eröffnet. Insgesamt besitzt Mohamed Abla über 500 Karikaturen, und jedes Jahr kommen neue hinzu. Die sollen dem Publikum in jährlichem Wechsel gezeigt werden. Doch Mohamed Ablas Kreativität und Tatendrang sind keine Grenzen gesetzt. Nach dem "Fayoum Art-Center", dem Karikaturenmuseum und dem schon angedachten Karikaturen-Verlag soll in Zukunft, so erträumt es sich der Maler, noch ein weiteres Museum in Tunis entstehen und zwar zum Thema ägyptische Fotografie – eine weitere Sammel-Leidenschaft des Ägypters.

Amira El Ahl

© Qantara.de 2010

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