Kampf um westirakische IS-Hochburg Falludscha

Furcht vor marodierenden Milizen

Die Schlacht um die irakische Stadt Falludscha ist in vollem Gange. Es sind schiitische Milizen, die dabei die militärisch potentesten Gegner der Dschihadisten des IS darstellen. Doch was militärisch effektiv erscheint, ist politisch ein Desaster. Von Karim El-Gawhary

Seit über zwei Wochen tobt nun die Schlacht um Falludscha. Meter für Meter kämpft sich die irakische Armee gegen die Stellungen des "Islamischen Staates" (IS) vor. Aber den größten Erfolg feierten bisher die schiitischen Milizen, die den Regierungstruppen zu Seite stehen. Sie eroberten vor wenigen Tagen den Vorort Saqlawiya, sieben Kilometer nordwestlich von Falludscha.

Doch nun tauchen Berichte auf, dass schiitische Milizionäre die von ihnen auf ihrem Vormarsch gefangengenommen sunnitischen Zivilisten schlagen und foltern. Eines der Handyvideos, das in den vergangenen Tagen aufgetaucht ist, zeigt einen schiitischen Milizionär, der auf eine Gruppe am Boden liegender Männer einprügelt. "Sagt, dass Ihr Männer aus Falludscha schwache Weiber seid!", forderte er sie auf. Die Männer rufen es ihm nach. "Lauter", schreit der Milizionär und prügelt weiter auf die Gefangenen ein.

Ein anderes Video zeigt eine Gruppe zum Teil verletzter Männer auf einer Militärbasis östlich von Falludscha. Über 600 harren dort ihres Schicksals, berichtet Sheikh Raja al-Issawi, ein lokaler sunnitischer Politiker, gegenüber Journalisten. Vier sollen ihren Verletzungen erlegen sein. "Sie haben uns regelrecht abgeschlachtet, sie haben behauptet, wir seien IS-Kämpfer", sagt einer der Männer. Ein weiterer berichtet: "Wir haben ihnen versucht zu erklären, dass wir auf ihrer Seite stehen, doch sie behaupteten, dass wir vom IS seien. Sie wollten Rache nehmen." Ein anderer Mann drängt sich vor: "Die Milizen sind gekommen, um uns zu töten, nicht um uns zu befreien."

Schiitische Milizen im Irak; Foto: AFP/Getty Images/A. Al-Rubaye
"Volksmobilisierungskräfte" in der Kritik: Übergriffe regierungstreuer schiitischer Kräfte auf sunnitische Zivilisten. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hatte jüngst erklärt, es lägen Informationen vor, wonach Mitglieder der Polizei und bewaffneter Milizen nördlich von Falludscha mindestens 17 Männer eines sunnitischen Stammes erschossen hätten. Schon im Vorfeld der Offensive auf Falludscha hatte es aus Sorge vor Übergriffen Warnungen gegeben, dass sich schiitische Kräfte nicht an der Operation im sunnitischen Kernland des Iraks beteiligen sollten.

Lokale sunnitische Politiker fordern jetzt eine internationale Untersuchung der Vorfälle. Sunnitische Aktivisten sprechen von 300 Menschen, die in einer Schule in Saqlawiya von den Milizionären exekutiert worden seien. Überprüfen lässt sich das nicht. Führer der schiitischen Milizen streiten die Vorwürfe ab. "Wir sind nicht berechtigt, irgendjemanden gefangen zu nehmen. Wir helfen nur den Flüchtlingen aus Falludscha", sagt Haider Mayahii, ein Sprecher der von Schiiten dominierten "Volksmobilisierungskräfte".

Das Dilemma der Bagdader Zentralregierung

Es ist schwer, die Wahrheit herauszufinden. Doch eines ist jetzt schon sicher: Die Videos haben einen verheerenden Effekt. Zwar können die schiitischen Milizen Erfolge bei der Eroberung von Gebieten unter der Kontrolle des IS verzeichnen, aber dafür zahlt die Regierung in Bagdad einen hohen Preis. Denn je mehr sich Geschichten von marodierenden schiitischen Milizen in den Dörfern rund um Falludscha verbreiten, umso mehr geht die Rechnung des IS auf, sich als Schutzmacht der Sunniten im Irak zu verkaufen.

Die Regierung steckt in einem Dilemma. Die schiitischen Milizen sind militärisch wesentlich schlagkräftiger als die reguläre irakische Armee, die allein kaum in der Lage zu sein scheint, den IS zurückzuschlagen und Falludscha einzunehmen. Die Zentralregierung in Bagdad braucht die schiitischen Milizen im Kampf gegen die Dschihadisten. Doch schiitische Milizen, die in sunnitische Dörfer und Städte einfallen, stellen gleichzeitig ein politisches Desaster dar. Bis zu 50.000 Zivilisten sollen sich noch in Falludscha und Umgebung aufhalten, schätzen humanitäre Organisationen.

Inzwischen scheint es eine Vereinbarung zu geben, derzufolge die schiitischen Milizen nicht mehr an der direkten Eroberung Falludschas beteiligt werden sollen. Letztlich wird die Regierung wahrscheinlich einen militärischen Erfolg in Falludscha erzielen und doch eine politische Niederlage einstecken müssen – wenn sich die sunnitische Bevölkerung angesichts des Einsatzes der schiitischen Milizen noch mehr vom irakischen Staat entfremdet hat.

Karim El-Gawhary

© Qantara.de 2016

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