Kader Abdolahs Roman "Die Krähe"

Flucht nach vorn

In seiner neuen Novelle "Die Krähe" fasst der iranische Bestsellerautor Kader Abdolah die abenteuerliche Lebensgeschichte seines Alter Ego Refiq Foad auf gerade einmal 120 Seiten zusammen - ein meisterhaft gestaltetes Kaleidoskop in Taschenformat. Volker Kaminski hat das Buch gelesen.

"Leser! Ich bin Kaffeemakler und wohne an der Lauriergracht 37." Mit diesem offenherzigen Bekenntnis startet Refiq Foad seine autobiographische Erzählung. So ungewöhnlich das Wort "Kaffeemakler" für heutige Leser klingt, so exotisch, ja märchenhaft wirkt mitunter der Erzählton. Beim Weiterlesen wird jedoch klar, dass der Erzähler die märchenhaften Elemente bewusst einsetzt und sie immer wieder durch sachliche Nüchternheit und trockenen Realismus bricht. Alles, was er über sein Leben schreibe, bekennt Foad, sei mit Fantasie vermischt. "Manchmal erzähle ich Sachen, von deren Wahrheitsgehalt ich nicht ganz überzeugt bin". Er gibt für diese Irritation hauptsächlich der Flucht aus seinem Vaterland die Schuld: "Wer nie mehr in seine Heimat zurück kann, ist in der Welt der Fantasie zu Hause."

Zu diesem Fantasiereich zählt auch die titelgebende Krähe, die an verschiedenen Stationen in Foads Leben in den Zweigen eines Baumes auftaucht. Er lässt sie als stille Beobachterin über sein Leben wachen und lauscht ihrem Krächzen, während er in der Dachkammer sitzt und sich mit dem Schreiben abmüht. Die Krähe ist die heimliche Adressatin seiner ehrgeizigen Schriftstellerpläne – erst am Ende des Buchs wird sie abgelöst von einer weitaus bedeutenderen Leserin: die niederländische Königin, von der Foad hofft, sie werde eines Tages vor seinem Kaffeeladen vorfahren, ihm, dem Einwanderer, einen Tulpenstrauß überreichen und begeistert ausrufen: "Ich habe Ihr Buch gelesen." 

Dichtung und Wahrheit liegen in Foads Lebensgeschichte immer dicht beieinander. Ob die Fakten, die der Schriftsteller notiert, verlässlich sind, ob die gezeigte Entwicklung vom politisch aktiven Studenten in den Siebziger Jahren in Teheran bis zum Kaffeehändler und Hausbesitzer in Amsterdam streng genommen wahr ist, bleibt ungewiss. Doch Foad weiß, dass literarische Wahrheit sich ohnehin nicht in Faktentreue spiegelt, sondern vor allem mit den Mitteln der Fiktion und der Magie der Sprache arbeitet. Sein Wunsch Schriftsteller zu werden steht seit seiner Jugend fest. Doch ebenso klar ist ihm von Anfang an, dass er sich diesen Traum als Student im Iran niemals erfüllen wird.

Buchcover Kader Abdolah: "Die Krähe" im Arche Literatur Verlag
"Die Krähe" ist ein packendes und stilistisch hoch befriedigendes Lese-Erlebnis. Die Mischung aus Literaturbegeisterung des Helden und sein nicht nachlassender Ehrgeiz durchzuhalten, ergibt ein ungemein sympathisches Bild eines Menschenschicksals unserer Tage.

Das Gesicht von Lenin und die Züge von Stalin

Die Geschichte des Iran vom Zeitpunkt der Demonstrationen gegen den Schah bis zu seinem Sturz im Zuge der Revolution im Jahre 1979 und die Etablierung des Ayatollah-Regimes bildet einen der politischen Schwerpunkte der Novelle. Doch auch diese Geschichte wird stark gekürzt aus der Perspektive Foads dargestellt. Er gerät mitten unter die Aufständischen und wird hineingerissen in eine lebensgefährliche Aktion: Einer der Imame greift mit Hilfe einiger Soldaten die amerikanische Botschaft in Teheran an. Als linker Student ist Foad Zeuge dieser Aktion und wird nun selbst von den Soldaten des religiösen Regimes niedergeschlagen, getreten und beinahe getötet. Rettung naht jedoch, als eine junge Frau dazwischen tritt und Foad hilft zu entkommen. "Mit ihr", so erfahren wir im nächsten Abschnitt, "teile ich heute mein Leben an der Lauriergracht 37."

Auch andere Episoden aus Fouads Leben, wie seine Flucht in die Türkei und die vergeblichen Versuche von Istanbul nach Moskau weiterzureisen, sind in dieser Mischung aus Fakten und Fiktion erzählt. Sie besitzen mitunter filmische Qualität, etwa wenn es Fouad gelingt bis zum sowjetischen Botschafter vorzudringen, um ihm einen geheimen Zahlencode zu übermitteln, durch den er sich eine Einreisegenehmigung in die Sowjetunion erhofft. Sehr treffend-witzig beschreibt Foad den Botschafter: "Er hatte das Gesicht von Lenin und die Züge von Stalin."

Doch seine Moskau-Pläne zerschlagen sich letzten Endes und es bleibt ihm nur die Flucht nach Europa, für die er auf die Hilfe von "Menschenschmugglern" angewiesen ist. Die Entscheidung für eine illegale Einreise in die Niederlande scheint Zufall zu sein. Da er zu diesem Zeitpunkt nur noch zweitausend Dollar besitzt, scheiden andere Ziele aus: "Für zehntausend Dollar brachten die Schmuggler einen innerhalb einer Woche nach New York. (…) Für Berlin zahlte man siebentausend, für Stockholm fünf, für Oslo vier und für Kopenhagen drei." Einzig die Niederlande sind noch billiger, weil dort keiner der Flüchtlinge hin will. Einerseits sei die Sprache schwer zu lernen, andererseits regne es jeden Tag.

Vom unertägliches Dasein im überfüllten Aufnahmelager

Nicht nur was die "Menschenschmuggler" betrifft, auch die Beschreibungen seines einsamen, verzweifelten Lebens im Asylantenheim in den Niederlanden erinnern an die bedrückenden Flüchtlingsprobleme von heute. Diese Szenen wirken ungemein plastisch; mit wenigen Strichen zeichnet Abdolah ein realistisches Bild von unerträglichen Zuständen im überfüllten Aufnahmelager. In dieser Situation, die zweifellos zu den Tiefpunkten in Foads Leben zählt, ist es vor allem die Sprache und sein nicht nachlassendes Interesse an der Literatur, was ihm einen Weg aus der Misere ermöglicht.

Er beginnt Niederländisch zu lernen, schon bald liest er Gedichte, sogar solche aus dem siebzehnten Jahrhundert, er schreibt sie sich aus Büchern ab und übersetzt sie ins Persische. Ungebrochen ist sein Ehrgeiz sich sprachlich auf hohem Niveau auszudrücken und Schriftsteller zu werden. Dass er diesen Traum in der fremden Sprache verwirklicht, ist eine der berührenden Seiten der Novelle.

Doch Abdolah verliert nicht die alltäglichen Seiten aus dem Blick, die mit der Einwanderung verbunden sind. Als aufmerksamer Beobachter seiner Umwelt fällt Foad beispielsweise auf, dass es die Einwanderer mit ihren vielen Geschäften sind, die die Innenstadt Amsterdams verändern. Kebab-Läden, Schawarma-Restaurants breiten sich aus, wo sich früher Bierkneipen, Zigarettenläden, Souvenirshops aneinander reihten und "alle Geschäfte noch fest in niederländischer Hand" waren. So gelingt es Foad auch selbst sich als Kaffeehändler in Amsterdam zu etablieren, obwohl er jederzeit stolz bekennen würde: "Ich schreibe! Das ist meine eigentliche Arbeit."

"Die Krähe" ist ein packendes und stilistisch hoch befriedigendes Lese-Erlebnis. Die Mischung aus Literaturbegeisterung des Helden und sein nicht nachlassender Ehrgeiz durchzuhalten und sich immer neue Ziele zu setzen, ergibt ein ungemein sympathisches Bild eines Menschenschicksals unserer Tage.

Volker Kaminski

© Qantara.de 2016

Kader Abdolah: "Die Krähe", Arche Verlag, Zürich 2015, ISBN 9783716027189, 128 Seiten

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