Junge Startup-Unternehmerinnen in Gaza

Selbst ist die Frau

Vor über einem Jahr fand im Gazastreifen ein gewaltsamer Konflikt statt, der 2.251 Palästinensern das Leben kostete und über 100.000 Menschen obdachlos machte. Davon hat sich die Wirtschaft in Gaza bis heute nicht einmal ansatzweise erholt. Trotz der düsteren Aussichten geben einige junge Frauen in Gaza nicht auf. Sie sind dabei, ihre eigenen Unternehmen zu gründen. Von Ylenia Gostoli

Ein Jahr nach dem 52-Tage-Krieg vom vergangenen Sommer bietet der Gazastreifen weiterhin ein trostloses Bild. Die israelischen und ägyptischen Blockaden haben die Wirtschaft zum Erliegen gebracht. Laut Weltbank steht sie "vor dem Zusammenbruch". Die Arbeitslosigkeit ist weltweit nirgendwo höher. Mehr als die Hälfte (60 Prozent) aller jungen Menschen sind ohne Beschäftigung.

Es ist die Jugend von Gaza, auf der die Bürde der endlosen Krisen lastet. Sie ist eingeschlossen im "weltweit größten Gefängnis" – ohne Aussicht auf eine bessere Zukunft. Dennoch haben einige junge Menschen in Gaza den Ausbruch aus der Tristesse in eine bessere Zukunft gewagt: mit einem eigenen Internet-Startup-Unternehmen.

Das neue Google aus Gaza

In einem Gemeinschaftsbüro in einem der Türme in der Nähe des Seehafens von Gaza-Stadt arbeitet eine Gruppe junger Programmierer, IT-Ingenieure und Webdesigner an ihrem Traum von einem neuen Silicon Valley. Sie glauben an ein neues Google aus Gaza.

An einem sonnigen Juni-Nachmittag stellte die 32-jährige Nawal Abu Sultan ihr Projekt einer Gruppe von etwa 20 Studierenden und angehenden Jungunternehmern vor. Für sie eine gute Vorbereitung auf die in wenigen Monaten folgende Präsentation vor potenziellen Investoren.

Zuhörer während einer Veranstaltung von "Gaza Sky Geeks" in Gaza-Stadt; Foto: Ylenia Gostoli
Neue Perspektiven für junge Startup-Unternehmerinnen in Gaza: Informationsveranstaltung des Förderprogramms "Gaza Sky Geeks" – dem ersten Entwicklungsprogramm im Gazastreifen zur Unterstützung von Startup-Unternehmen.

Die Idee der Lehrerin für Wissenschaft und Technik wurde aus insgesamt 40 Teams ausgewählt, die Anfang des Jahres am "Gaza Challenge" teilnahmen. Aktuell steht sie im Wettbewerb mit 18 weiteren Jungunternehmern um die nächste Runde an Investitionsmitteln aus dem Förderprogramm Gaza Sky Geeks – dem ersten Entwicklungsprogramm im Gazastreifen zur Unterstützung von Startup-Unternehmen.

Bereits Anfang 2014 vergaben regionale Investoren Finanzmittel in Höhe von 14.000 bis 20.000 US-Dollar an vier Startup-Firmen aus dem Gazastreifen. Nawal hofft, mit ihrem Projekt Menaship demnächst von dieser Förderung zu profitieren.

Studierende aus der MENA-Region, die Praktika im Ausland suchen, finden bei Menaship Orientierungshilfen sowie hilfreiche Tipps und Anleitungen für die Bewerbungsverfahren. "In Gaza gibt es zahlreiche Studierende, die ihre Ausbildung im Ausland abschließen möchten, die aber häufig von den komplexen Bewerbungsverfahren abgeschreckt werden", sagt Nawal. Sie selbst wuchs im belagerten Gaza auf, wo ein Praktikumsplatz im Ausland eine der wenigen Möglichkeiten für junge Menschen ist, ihre beruflichen Chancen zu verbessern und die Region zu verlassen.

Eine belagerte Generation

Seit die Hamas 2007 die Kontrolle in Gaza übernahm, unterwirft Israel den Gazastreifen einer strengen Blockade, was auch die Freizügigkeit der dort lebenden Bevölkerung betrifft. Eine Genehmigung zur Ausreise über den von Israel kontrollierten Grenzübergang Erez erhält man nur mit einem medizinischen Attest oder einer Einladung. Die Bearbeitungszeit beträgt zwei bis vier Wochen.

Der Grenzübergang Rafah war seit Oktober insgesamt nur 18 Tage geöffnet, sodass viele Studierende und Patienten fest sitzen. Bei den damaligen Angriffen auf der Sinai-Halbinsel kamen mindestens 30 ägyptische Sicherheitskräfte ums Leben. Laut Maher Abu Sabha, Leiter der Grenzbehörde in Gaza, sind in Gaza 90.000 Menschen, die eine Reiseerlaubnis beantragt haben, von der Blockade betroffen.

Nicht ein einziges der im 52-Tage-Krieg zerstörten 19.000 Häuser ist wieder aufgebaut. Nur ein Viertel der auf der internationalen Geberkonferenz in Kairo im Oktober zugesagten Mittel wurde bislang freigegeben. 100.000 Einwohner von Gaza sind nach wie vor obdachlos. Strom gibt es täglich nur sechs bis acht Stunden lang, da das Kraftwerk lediglich notdürftig repariert wurde.

In diesem Klima überrascht es nicht, dass ein Großteil der jungen Menschen auf eine Gelegenheit zur Ausreise hofft. "Wir sprechen hier nicht nur über Jugendliche aus dem Prekariat ohne Zukunftsaussichten, sondern über Familien aus der Mittelschicht. Die Menschen wollen raus aus Gaza und an einen sichereren Ort", sagt Ramy Abdu, Leiter der in Gaza ansässigen Menschenrechtsorganisation "Euro-Med Monitor". "Die Angriffe im Jahr 2014 führten die Menschen aus der Ungewissheit über die Zukunft Gazas zu der Gewissheit, dass sich die Dinge dort nicht verbessern werden."

Junge, gut ausgebildete Frauen ergreifen die Initiative

In Gaza herrscht insbesondere unter den jungen Menschen ein hohes Bildungsniveau (die Analphabetenrate liegt bei nur rund drei Prozent). Ein Fünftel der Bevölkerung hat mindestens einen BA-Abschluss oder eine Berufsausbildung, wobei die Frauen fast gleichauf mit den Männern liegen (ein bis zwei Prozent Differenz). Die Palästinenser in Gaza schneiden im Vergleich zu ihren Landsleuten im Westjordanland besser ab.

Ganz anders sieht es bei der beruflichen Teilhabe aus: Hier klafft zwischen Männern und Frauen eine gewaltige Lücke. Frauen finden nach dem Studium seltener einen der ohnehin raren Arbeitsplätze.

Amal al-Jarousha während einer Präsentation ihres Startup-Business "Dietii"; Foto: Ylenia Gostoli
Eigeninitiative und Gründergeist: Amal al-Jarousha traf sich zusammen mit Salam Dalloul und Abeer al-Shaer an der Gaza University, wo sie Software Engineering studieren. Vor wenigen Monaten richteten sie eine Facebook-Seite für Frauen zu Fragen über Ernährung und Fitness ein.

Der Technikbereich wird weltweit üblicherweise von Männern dominiert. Doch ausgerechnet in Gaza finden sich erstaunlich viele Frauen. "Von den insgesamt 18 Teams, die wir dieses Jahr fördern wollen, werden fünf von Frauen geleitet. Bei weiteren acht sind Frauen Mitbegründer", berichtet Iliana Montauk, Leiterin von "Gaza Sky Geeks", im Gespräch mit Qantara.de.

"Frauen achten bei ihren Entscheidungen allerdings tendenziell eher auf die Familie als Männer", sagt Montauk. "Bevor Gewinne zu erwarten sind, kostet die Gründung eines Startup-Unternehmens in den ersten ein bis zwei Jahren erst einmal Geld." An einem Ort wie Gaza, wo mehr als zwei Drittel der Bevölkerung über keine gesicherte Grundversorgung mit Lebensmitteln verfügen, sehen viele Familien es lieber, dass ihre Töchter arbeiten, als ein Startup zu gründen.

"Gaza ist ein ungemein kreativer Ort. Die Kosten sind ungleich niedriger als anderswo. Gleichzeitig sind die Investitionsmittel gleich hoch wie beispielsweise in Jordanien", weiß Montauk.

"Hier ist meine Heimat"

"Wenn ein Konflikt wie im vergangenen Sommer ausbricht, der die Arbeitswelt für Wochen zum Erliegen bringt, ist das zu einem frühen Zeitpunkt in der Gründungsphase von Unternehmen noch kein großes Problem. In einem höheren Entwicklungsstadium, beispielsweise dann, wenn das Unternehmen bereits viele Kunden gewonnen hat, ist eine kontinuierliche Geschäftstätigkeit von größter Bedeutung", so Montauk.

Die ganz jungen Startups versuchen daher, einen Teil ihres Teams außerhalb von Gaza zu rekrutieren oder Vereinbarungen mit Unternehmen im Westjordanland zu treffen. Die Mitarbeiter dort werden parallel eingearbeitet, um bei Bedarf einspringen zu können.

Salam Dalloul, Abeer al-Shaer und Amal al-Jarousha – alle 21 Jahre alt – trafen sich an der Gaza University, wo sie Software Engineering studieren. Vor wenigen Monaten richteten sie eine Facebook-Seite für Frauen zu Fragen über Ernährung und Fitness ein. Die Seite hat mittlerweile drei Millionen Follower aus der arabischen Welt. Die Gründerinnen sind derzeit dabei, aus ihrer Idee eine App mit der Bezeichnung Dietii zu entwickeln.

"Wir haben uns überlegt, welche Idee am meisten Gewinn verspricht", erklärt Salam. "Wir sehen das als Lernprozess, da wir in Zukunft unser eigenes Unternehmen gründen wollen." Auf die Frage, ob sich das Unternehmen in Gaza ansiedeln wird, lautet die entschiedene Antwort: "Selbstverständlich hier in Gaza. Ich werde nicht von hier fortgehen. Hier ist meine Heimat."

Ylenia Gostoli

© Qantara.de 2015

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

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