Jüdisches Leben in Istanbul

Die Hüter der Hoffnung

Istanbul war einst ein Zentrum jüdischen Lebens, heute wohnen noch 20 000 Sephardim am Bosporus. Der Schriftsteller Mario Levi lässt den Geist der vergangenen Zeit in seinen Büchern aufleben, aber auch ein Unternehmer und eine Linguistin pflegen das. Näheres aus Istanbul von Kai Strittmatter

Synagoge in Istanbul; Foto: AP
"Voll von Gräbern ist Istanbul, die in fremden Sprachen Geschichten erzählen"

​​Die Dinge, sie laufen nicht so, wie ein Träumer sie sich gerne zu Recht rückte. Aber das ist in Ordnung. Noch immer, sagt der Schriftsteller, sei dies der beste Ort der Welt. Es fällt schwer, zu widersprechen an diesem Abend in der Windmühlenstraße im Bernsteinschleifer-Haus, beim frisch gebrühten Mokka auf dem Balkon im vierten Stock. Unter einem das Meer, das Meer mitten in der Stadt, das gerade heute Morgen einigen Glücklichen wieder den Anblick einer Gruppe sich tummelnder Delphine geschenkt hat.

Drüben, am anderen Ufer, Europa, das man im Licht der untergehenden Sonne verglühen sieht. Istanbul. Mario Levi kichert, wie er das gern tut. Einmal weggehen von hier? Wie denn? "Ich lebe in einer Stadt, die mir einen solchen Fluss an Geschichten liefert, dass ich nie aufhören werde, sie zu schreiben."

In seine Erzählungen, sagt Levi, passe jeder, der Schwierigkeiten habe, sich zu integrieren. Das macht diese Stadt, dieses Land zu einem unerschöpflichen Quell. Es ist seine Stadt, sein Land, doch von Zeit zu Zeit fühlt er sich als Fremder.

Mario Levi ist einer, der am Rand lebt. Das hat mit seinem Gemüt zu tun, aber auch mit seiner Herkunft. Ihm gefalle das, sagt der 51-Jährige: "Ich bin glücklich mit meiner Trauer. Sie ist ein Geschenk. Wäre ich ein glücklicher Mensch, ich wäre kein Schriftsteller." Es ist noch nicht lange her, da kam nach einer Lesung in einem fremden Land ein türkisches Mädchen auf ihn zu, bat ihn auf Englisch um ein Autogramm, und als er sich als Istanbuler zu erkennen gab, da rief sie erschrocken aus: "Sie sind Türke? Das kann nicht sein. Warum heißen Sie Mario Levi? Das ist doch kein türkischer Name!"

Die osmanischen Juden waren die wohlhabendste Gemeinde der Diaspora

Warum also heißt er so? Levi ist ein Sohn Jakobs im Alten Testament, der Vater eines der jüdischen Stämme. Und Mario ist ein spanischer Vorname. Mario Levi heißt so, weil er einer der aus Spanien stammenden Juden ist, ein Sephardim. Einer von jenen, deren Familien seit mehr als 500 Jahren hier leben.

Seit jenem Jahr 1492, da Ferdinand und Isabella von Spanien alle Juden in ihrem Reich vor die Wahl stellten: Werdet Christen oder flieht. Fast alle flohen. Die meisten ins noch junge Reich der Osmanen, "wo ein jeder in Frieden im Schatten eines Weinstocks oder Feigenbaums lebt", wie der Rabbi von Edirne seinen Glaubensgenossen vorschwärmte. Sultan Beyazid hatte sie eingeladen, begierig nach ihrem Wissen und ihren Talenten, und bald waren die osmanischen Juden die wohlhabendste Gemeinde der Diaspora.

In Saloniki stellten sie bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts die Mehrheit der Bürger, den Istanbuler Stadtteil Balat machten sie zu Europas größter jüdischer Siedlung. Noch immer leben 20 000 Sephardim in Istanbul, vor hundert Jahren lebten zehnmal so viele im ganzen Land. Sie sind Hüter einer Sprache, die sie aus ihrer einstigen Heimat mitbrachten. Wer aufpasst, kann sie noch hören: Im Sommer auf den Prinzeninseln oder in den Ufercafés des Bosporus, wo sich rührige alte Damen auf einen Tee und eine Partie Karten treffen und auf einmal vom Türkischen in jenes merkwürdig anrührende Spanisch verfallen, das sie sich aus dem Mittelalter bewahrt haben und das sie hier Ladino nennen. Und doch gibt es junge Türken, die von alledem nichts wissen.

Istanbul ist eine verwundete Stadt

Unternehmer Ishak Alaton; Foto: Qantara.de/Hülya Sancak
Der 81-jährige Unternehmer Ishak Alaton schwor als Jugendlicher, Rache zu nehmen, "auf positive Art".

​​ Auch deshalb schreibt Mario Levi. "Damit die Geschichten von einem zum andern fließen." Um die Lücken zu füllen, die sich aufgetan haben: in der Erinnerung, aber auch im Antlitz dieser Stadt, die noch voll ist vom Erbe der Verdrängten, von Inschriften auf Häusern, Kirchen und Synagogen, deren Lettern heute schon wie fremde Chiffren anmuten, obwohl sie doch gestern noch hier zu Hause waren, die Juden und die Griechen und die Armenier.

Voll von Gräbern ist die Stadt, die in fremden Sprachen Istanbuler Geschichten erzählen, von verfallenen Holzhäusern voller Moder, in denen noch der Geist des alten Istanbul spukt und an die sich bis heute kein Bulldozer wagt. Aus schlechtem Gewissen? Dies ist eine verwundete Stadt.

Es passt schon, dass der Suhrkamp-Verlag mit Mario Levis Roman auf die Buchmesse geht, die nun in Frankfurt beginnt. Die Zeiten scheinen zu weichen, da die Türkei allem und jedem ihr Türkentum aufdrücken wollte. Kulturminister Ertugrul Günay hat vor seiner Abreise nach Frankfurt gesagt, es sei ihm ein Anliegen, die ethnische und religiöse Vielfalt seines Landes zu präsentieren. Neue Töne für dieses oft so zerrissene, so paranoide Land.

Mario Levi: "Istanbul war ein Märchen"

"Istanbul war ein Märchen" hat Mario Levi sein Buch genannt. Zauber und Verklärung wird man darin vergeblich suchen. Es ist ein aus unendlich vielen Bächen gespeister Fluss. "Niko suchen hieß, ein verlorenes Leben zu suchen", heißt es über den Westenmacher Niko, der seinen alten Kater Yorgos Abend für Abend mit Raki füttert, bis ihn der antigriechische Mob von 1955 in die Verbannung treibt.

Es wirkt, als wolle Levi sie möglichst alle versammeln, die verlorenen Leben, keinen auslassen: nicht die so elegante wie unglückliche Olga, deren Familie vor den Pogromen aus Riga geflohen war, nicht Ibrahim, den Silberdieb, nicht den armenischen Onkel Kirkor, der sich mit Monsieur Jacques die Zeit beim Tavla, beim Backgammonspiel vertreibt. Eine Zeit war das, "da konnte keiner sagen, welches die eigentliche Sprache der Stadt war." Jiddisch hörte man auf den Straßen um den Galataturm ebenso wie Griechisch, Armenisch, Französisch und Arabisch. Kleinbürger, Händler und Handwerker, oft waren die Istanbuler Juden zu Beginn des 20. Jahrhunderts arm.

Wenn dieses Istanbul ein Märchen ist, dann deshalb, weil seinem Erzähler auch nach 1001 Nächten noch der Atem nicht ausgeht. Es geht Mario Levi wohl um das: Was hätte sein können. Wenn man Istanbul das "schreckliche Erwachen" (Levi) im nationalistischen Taumel der jungen Republik erspart hätte.

Ishak Alaton: "Rache nehmen, auf positive Art"

Blick über den Bosporus; Foto: dpa
Istanbul: "Voll vom Erbe der Verdrängten, von Inschriften auf Häusern, Kirchen und Synagogen"

​​Was hätte sein können. Auch den heute 81-jährigen Ishak Alaton trieb dieser Gedanke. Siebzehn war er, als er schwor, "Rache zu nehmen, auf positive Art". An dem System, das seinen Vater zerstört hatte. Seinen Vater, der Republikgründer Atatürk liebte und der der Familie befahl, zu Hause nur Türkisch zu sprechen. Der Vater, der ein bescheidenes Vermögen gemacht hatte mit dem Import von Textilien aus England. Bis das Jahr 1942 kam.

Jenes Jahr, in dem erst einmal die türkischen Nationalisten Rache nahmen, an allen, die nicht Türken waren und denen es dennoch gut ging. Die Türken hatten ein Vielvölkerreich verloren und eine Republik gegründet; es war eine Zeit, die einen Justizminister hervorbrachte, der den Nichttürken im Land verkündete, sie hätten "einzig das Recht, Sklaven zu sein".

Es war eine Zeit der Widersprüche: Einerseits nahm der Staat jüdische Flüchtlinge auch aus Nazideutschland auf, andererseits erließ er 1942 eine Vermögenssteuer, die nur ein Ziel hatte: allen nicht-muslimischen Wohlstand zu ruinieren. Wer seine Schulden nicht bezahlen konnte, wurde zu Zwangsarbeit verurteilt. Alatons Vater arbeitete in einem Steinbruch im ostanatolischen Erzurum, gemeinsam mit 2000 anderen Juden, Griechen und Armeniern. 30 erfroren. Der Vater kehrte zurück, ein gebrochener Mann. Der Sohn schwor, er würde berühmt werden und reich. "Ich wollte sie zum Nachdenken bringen. Alle sollten sehen: Wie schlecht es gewesen war, so viele gute Menschen zu vernichten."

Ishak Alaton ging nach Schweden, lernte Schweißer und wurde Sozialdemokrat. Er kehrte zurück in die Türkei. Dann gründete er mit einem Partner die Firma Alarko. Heute ist er reich. Der bekannteste jüdische Unternehmer der Türkei. Immobilien, Bau, Tourismus. Sozialdemokrat ist er noch immer, und wenn er der jüdischen Gemeinde eines nachträgt, dann dies: "Sie wollte früher auf keinen Fall bemerkt werden. Mir war das ein Gräuel." Alaton gründete politische Denkfabriken, warb für die Demokratie.

"Die anderen duckten sich. Ich ging ins Fernsehen und rief: ,Ich bin Jude'." Einmal, zehn Jahre ist es her, da rief ein Zuschauer live in seiner Talkshow an und wollte wissen, ob Alaton sich überhaupt als Türke fühle. "Meine Familie lebt hier seit 500 Jahren", entgegnete Alaton: "Und Ihre?"

Ishak Alaton: "Antisemitismus ist hier nicht verbreitet"

Eine so brutale Vertreibung und Verfolgung wie Griechen oder Armenier mussten die Juden hier aber nicht erleiden. Viele sind nach Israel ausgewandert. Die Zurückgebliebenen gaben sich betont loyal. Noch heute wird in der Synagoge bei jeder Zeremonie ein Gebet für den Staatspräsidenten gelesen.

Die Gemeinde agiert als Lobby für die Türkei bei den einflussreichen Glaubensbrüdern in den USA und in Israel. "Das bringt uns Pluspunkte", sagt David Ojalvo. Der 25- jährige Ojalvo arbeitet für Shalom, das jüdische Gemeindeblatt, und betreut dort die Meinungsseite. Er sagt: "Wir haben keine politische Meinung. Wir halten uns raus." Wer die Redaktion im gutbürgerlichen Stadtteil Tesvikiye besucht, muss sich vor einer vergitterten Türe von einer Kamera beäugen lassen. Es hat Anschläge auf Synagogen gegeben: 1986 wurden 22, 2003 sechs Juden getötet.

Ojalvo, dessen beste Freunde Muslime sind, gibt dennoch dem Unternehmer Alaton Recht, wenn der sagt, Antisemitismus sei unter den Türken nicht verbreitet, das Problem sei die Diskriminierung durch den Apparat. Einerseits, kritisiert Alaton, benutze der Staat seine vermeintliche Großmut gegenüber den Juden zur Propaganda im Ausland, andererseits hält er Gemeindeland beschlagnahmt, und Angehörige von Minderheiten können noch immer nicht aufsteigen in Ministerämter oder hohe Offiziersränge. "Aber wer will das schon?", scherzt der Schriftsteller Mario Levi: "Ich nicht." Alaton ist da ernster: "Ich will, dass die Türkei sich entschuldigt."

Die Zeitung Shalom ist heute 61 Jahre alt und hat eine Auflage von knapp 5000.

Die 15 Redakteure bekommen kein Gehalt, David Ojalvo studiert Medizin. Was ihm Sorgen macht: Viele junge Juden interessieren sich nicht mehr für die Gemeinde, wenn sie einmal 18 sind. Der Kitt bröckelt. Säulen, die über Jahrhunderte die Gemeinde aufrecht erhalten haben, drohen wegzubrechen. Das Ladino etwa, die Sprache der Ahnen. In frühen Jahren war die Mehrzahl der Artikel in Shalom in Ladino geschrieben. Heute ist es noch eine Seite von acht.

Ladino stirbt. Keiner wüsste das besser als Karen Gerson Sarhon. Die Linguistin hat ihre Abschlussarbeit über den Niedergang des Ladino geschrieben, sie macht die Ladinoseite in Shalom, sie zuckt mit den Schultern: "Die Zeiten ändern sich." Als sie jung war, hat sie sich mit ihren Freunden in Theaterstücken lustig gemacht über ihre Ladino sprechenden Eltern und Großeltern. Heute betreut sie das Istanbuler Zentrum für Sephardische Kulturstudien und tritt mit Ladino-Liedern auf. Sarhon singt. Sarhon gehört zur letzten Generation, die noch Ladino spricht. Wer liest ihre Seite noch? "Alle über 50."

Die resolute, lebhafte Sarhon sieht das erstaunlich unsentimental: Man habe die Sprache in den letzten Jahren gut erforscht, sie quasi fürs Museum präpariert, nun ruhe sie in Frieden. Die Alten trügen ohnehin die Schuld, meint Sarhon: "Sie sind immer ins Französische oder später ins Türkische ausgewichen. Ladino war ihnen nicht intellektuell genug. 'Das ist keine Sprache, das ist ein Salat', hat meine Mutter immer gesagt."

Türkische Sprache als Heimat

Autor Mario Levi; Foto: Hülya Sancak
"Wäre ich ein glücklicher Mensch, ich wäre kein Schriftsteller": Für den jüdischen Autor Mario Levi ist Istanbul der beste Ort der Welt, eine Stadt voller Inspiration - trotz mancher Widrigkeiten und Widersprüchlichkeiten.

​​ Mario Levi sagt, seine Heimat sei keine Stadt und kein Land, seine Heimat sei die türkische Sprache. Das Schreiben allein ernährt in der Türkei keine Handvoll Leute, also unterrichtet er an der Uni noch die Werbetexterei. Am Wochenende geht er ins Fußballstadion, zu Fenerbahce. Es ist der Lieblingsverein der Generäle. Es war auch der Lieblingsverein von Levis Vater.

Manchmal, wenn sie in der Synagoge von Kadiköy nicht die zehn Mann zusammenbekommen, die für das Gebet vorgeschrieben sind, dann rufen sie ihn an, und er, der seinen Gottesglauben als Jugendlicher an Voltaire und Rousseau verlor, eilt hinüber. Im Radio hat er eine Sendung. Am liebsten spricht er über das, was er am liebsten macht: Kochen und Essen. Letzte Woche war der Lüfer dran, der Blaubarsch. "Was Istanbul angeht", sagt er mit genießerischem Gackern, "da bin ich Chauvinist: Nirgends schmecken die Fische so gut wie aus dem Bosporus." Mag der auch noch so verdreckt sein.

Diese Stadt, dieses Land, sie verlangen manchmal viel von einem. Im letzten Jahr brachte eine Bande Nationalisten Levis Freund, den armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink um. Die Dinge, sagt Mario Levi, sie laufen nicht so, wie er sie gerne hätte. "Aber ich bin optimistisch", sagt er dann. "Ich will optimistisch sein." Pause. "Ich sollte optimistisch sein."

Kai Strittmatter

© Süddeutsche Zeitung

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