Judenhass im Koran

Im Islam gibt es keinen traditionellen Antisemitismus

Muslime bringen den Antisemitismus nach Europa? Erst einmal haben Europäer den Antisemitismus in die Arabische Welt gebracht. Vor allem Diplomaten haben hierbei eine ziemlich miese Rolle gespielt. Ein Essay des Nahost-Historikers Peter Wien

Heilige Schriften sind das, was Menschen aus ihnen machen, denn auch das Gotteswort will verstanden und gedeutet sein. Das gilt für antijüdische Aussagen, die sich im Koran finden, gleichermaßen. Nicht nur sogenannte Islamkritiker bezeichnen sie heute als antisemitisch, auch muslimische Hassprediger zitieren sie. Für die traditionelle Korandeutung ist dies ein neuartiger Missbrauch.

Seit mehr als tausend Jahren mühen sich die Muslime, ihr Gotteswort als moralische und rechtliche Lehre anwendbar zu machen. Gelehrte beanspruchten das alleinige Recht auf Deutung. Demokratisch war dieses Vorgehen nicht, aber es garantierte, dass extreme, isolierte Deutungen wenig Chancen hatten.

Verse, die zu Gewalt gegenüber Juden aufrufen sind etwa eingebettet in Berichte über historische Ereignisse. Als der Prophet 622 von Mekka nach Medina auswanderte, schloss er ein Bündnis mit der Bevölkerung, das auch jüdische Stämme einschloss. Als diese der Überlieferung nach den Vertrag brachen, übten Muhammad und seine Anhänger Rache. Hass auf Juden in der frühislamischen Tradition entsprang der prekären Lage der Gemeinde, die in Konkurrenz zu gesellschaftlichen Gegnern stand. Nach diesem Verständnis war er situationsgebunden.

Muslimische Gelehrte der Medizin; Quelle: Bund für islamische Bildung
Blick in die Vergangenheit: Jüdisches Leben blühte in Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft unter islamischer Herrschaft durch die Jahrhunderte. Historiker sind sich einig, dass es Juden im Islam weit besser ging als im europäischen Christentum. Es gab zwar auch in der islamischen Welt Gewalt gegen Andersgläubige. Doch hatten islamische Gelehrte mehr Probleme mit den Christen und der Dreifaltigkeitslehre, die verdächtig an Vielgötterei erinnerte.

So oder ähnlich sahen es islamische Gelehrte bis in unsere Zeit. Jüdisches Leben blühte in Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft unter islamischer Herrschaft durch die Jahrhunderte. Historiker sind sich einig, dass es Juden im Islam weit besser ging als im europäischen Christentum. Es gab zwar auch in der islamischen Welt Gewalt gegen Andersgläubige. Doch hatten islamische Gelehrte mehr Probleme mit den Christen und der Dreifaltigkeitslehre, die verdächtig an Vielgötterei erinnerte.

Kein religiös oder rassistisch begründeter Antisemitismus

Die gegenwärtige Debatte in Deutschland über Antisemitismus unter muslimischen Migranten muss diesen historischen Hintergrund berücksichtigen. Im Islam gibt es keinen traditionellen, religiös oder rassistisch begründeten Antisemitismus. Dennoch ist er heutzutage in den mehrheitlich islamischen Ländern weit verbreitet.

Weder Rassismus noch die daraus entstehende Gewalt sind zu rechtfertigen. Die Akzeptanz antisemitischer Vorurteile unter Muslimen sollte aber politisch und gesellschaftlich eingeordnet werden und nicht religiös. Ohne die koloniale Unterwerfung der Arabischen Welt im 19. und 20. Jahrhundert ist die Verbreitung antisemitischen Gedankenguts auch in anderen islamischen Ländern kaum denkbar.

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Leserkommentare zum Artikel: Im Islam gibt es keinen traditionellen Antisemitismus

Mir fehlt in diesem Kommentar der Hinweis auf die Herkunft des Amin al-Husseini und damit die ständige Wühlarbeit Grossbritanniens, die eigenen Interessen zu 'pflegen'. Anscheinend wurden noch um 1900 die europäischen Juden eingeladen, in die arabischen Länder zu kommen, war dort doch damals Aufbruchstimmung und damit Mangel an geschulten Leuten. Das eine Bahnlinie von Berlin bis Bagdad nicht nach dem Gusto der Britten sein konnte, ist zwar verständlich, dass wir aber heute immer noch unter deren begangenen Schweinereien leiden, eher weniger!

M. Haggenmacher24.05.2018 | 10:38 Uhr

Zu dieser Thematik gibt es ja nun im deutschen Sprachraum ausgewiesenere Islamistik-Experten als den Junior-Professor Peter Wien. Statt derlei relativierende Seminar-Papierchen zu verbreiten, könnte quantara ja mal was substantielleres, etwa von Professor Bassam Tibi veröffentlichen. Den kann man seit geraumer Zeit lediglich in Schweizer Zeitungen lesen. In deutschen Medien scheint er Mon grata zu sein. In quantara auch??

Bernd Leber29.05.2018 | 20:59 Uhr