Jenny Nordberg: "Afghanistans verborgene Töchter"

Jungen auf Zeit

Diskriminierung macht kreativ – in Afghanistan geben manche Eltern ohne Söhne ihre Töchter einfach als Jungen aus. Ein Buch geht dieser Tradition auf die Spur. Marian Brehmer stellt es vor.

Seit der "Krieg gegen den Terror" vor fast 14 Jahren begann, erhält Afghanistan im Westen viel Aufmerksamkeit. So erscheinen bis heute zahlreiche Sachbücher und Romane, die sich mit dem Land beschäftigen. Auch begann sich ein ganzes Netzwerk von Analysten und Spezialisten zu bilden, die aus dem Ausland oder vor Ort über die afghanische Gesellschaft berichteten. Kaum jemand aber schien etwas von einer ebenso gängigen wie interessanten Familientradition bemerkt zu haben: dem Verkleiden von Mädchen als Jungen.

Als die schwedische Journalistin Jenny Nordberg vor einigen Jahren ihre Freundin Azita, eine Abgeordnete des Kabuler Parlaments, in ihrer Wohnung besuchte, traute sie ihren Augen nicht. Eine ihrer vier Töchter stellte Azita der Journalistin wie selbstverständlich als Sohn vor. Das Mädchen trug Jungenkleidung und verhielt sich im Gegensatz zu ihren drei Schwestern ganz und gar männlich und selbstbewusst. Sie war ein "bacha posh" (Dari für "Angezogen wie ein Junge"), wie Nordberg später herausfand.

Da die Journalistin keine Literatur über die "bacha posh" finden konnte, beschloss sie, das Phänomen selbst zu erforschen. Ihre Recherchen zwischen den Jahren 2010 bis 2012 mündeten in ein Buch, das auf Deutsch unter dem Titel "Afghanistans verborgene Töchter" erschien.

Mit journalistischer Neugier und Taktgefühl besuchte Nordberg Familien im ganzen Land, interviewte Hausfrauen genauso wie Ärztinnen und Politikerinnen. Sie fand heraus, dass "bacha posh" in allen Landesteilen existieren und praktisch jeder Afghane einen solchen Fall aus Familie oder Freundeskreis kennt.

Ohne Söhne kein Ansehen und Wohlstand

Buchcover "Afghanistans verborgene Töchter" von  Jenny Nordberg im Verlag Hoffmann & Campe
Nordbergs Buch ist glänzend recherchiert und enthält nuancierte Hintergrundinformationen zur afghanischen Gesellschaft, ohne dabei zu verallgemeinern. Die Autorin liefert eine fundierte Übersicht über die Geschichte der Frauenrechte unter den ständig wechselnden Herrschaften am Hindukusch.

Die Wurzeln dieses Brauchs sind in der männerdominierten Gesellschaft Afghanistans zu suchen. Für den Ruf einer jeden Familie ist es unerlässlich, mindestens einen Sohn zu haben. Ohne männlichen Nachwuchs gilt eine Familie als schwach und angreifbar. Eine Frau, die keine Söhne gebärt, wird missbilligend betrachtet und auch ein Mann ohne Söhne verliert sein Ansehen.

Da in Afghanistan Besitztümer wie Grundbesitz über die männliche Erblinie weitergegeben werden, setzt ein Mann ohne Söhne Macht und Wohlstand der Familie aufs Spiel. Wenn dann eine Mutter nach einer Reihe von Töchtern keinen Sohn mehr zur Welt bringt, wird einfach eines der Mädchen als Junge ausgegeben. Nach dem Motto: Besser ein falscher Sohn als gar keiner.

Zudem herrscht in manchen Gesellschaftsschichten der Glaube, dass ein "bacha posh" in der Familie dem Sohnesglück auf die Sprünge hilft. Wer jeden Tag einen falschen Sohn vor Augen hat, gebärt womöglich bald einen echten. Andere Eltern wollen ihrer Tochter durch den Rollentausch ein Leben ermöglichen, wie es sonst nur Söhnen vorbehalten ist: ein sorgenfreies Dasein außerhalb der vier Wände, frei vom Druck komplexer Verhaltenskodizes, der in Afghanistan bereits auf jungen Mädchen lastet.

Rebellion gegen die strikten Regeln der afghanischen Gesellschaft

Manche Töchter werden schon bei ihrer Geburt als Jungen deklariert, andere erst später dazu gemacht. Mit der Pubertät folgt die "Zurückverwandlung" in ein Mädchen. Die Tradition der "bacha posh" ist auch eine Form der Rebellion gegen die strikten Regeln der afghanischen Gesellschaft.

Trotz der rigiden Geschlechtertrennung wird die Praxis in der Gesellschaft toleriert und oft sogar als mutiger Akt befürwortet. So gibt es etwa Berichte von Mullahs, die neugeborenen Mädchen einfach einen Jungennamen verleihen. Ein Zitat der berühmten Afghanistanforscherin Nancy Duprée im Buch bringt es auf den Punkt: "Diskriminierung macht kreativ."

Nordbergs Buch ist glänzend recherchiert und enthält nuancierte Hintergrundinformationen zur afghanischen Gesellschaft, ohne dabei zu verallgemeinern. Die Autorin liefert eine fundierte Übersicht über die Geschichte der Frauenrechte unter den ständig wechselnden Herrschaften am Hindukusch, ist aber kritisch gegenüber der westlichen Instrumentalisierung des Frauenthemas beim "Krieg gegen den Terror": "Nachdem man die brutale Unterdrückung der Frauen durch die Taliban jahrelang mitangesehen, aber weitgehend ignoriert hatte, kam man nun im Ausland darin überein, dass schnellstens mehr Gleichberechtigung nach westlichem Vorbild anzustreben sei."

Jenny Nordberg wirft auch einen kritischen Blick auf die ausländische Forschung, die nur selten Zugang in das abgeschottete Privatleben der Afghanen gefunden habe. Um als Westler Afghanistan auch nur ansatzweise begreifen zu können, müsse man sich gänzlich von den gewohnten Schemata und Kategorien verabschieden.

Afghanische Frauen und Kinder; Foto: Deutsche Welle
Jenny Nordberg wirft auch einen kritischen Blick auf die ausländische Forschung, die nur selten Zugang in das abgeschottete Privatleben der Afghanen gefunden habe. Um als Westler Afghanistan auch nur ansatzweise begreifen zu können, müsse man sich gänzlich von den gewohnten Schemata und Kategorien verabschieden, meint die investigative Journalistin.

Um das Vertrauen ihrer Gesprächspartner zu gewinnen, brauchte Nordberg Geduld und Beharrlichkeit. So fing sie Szenen ein, wie sie selten ein Ausländer zu Gesicht bekommt: im Büro einer Gynäkologin aus der Provinz Wardak, in einem Trainingsworkshop für Hebammen aus acht verschiedenen afghanischen Provinzen, im chaotischen Politikbetrieb des Parlaments von Kabul, in Stadt- und in Dorffamilien. Über das Mädchenthema hinaus zeichnet sie so ein ausgewogenes Gesamtbild der afghanischen Gesellschaft.

Mädchen mit Doppelleben

Wie vielseitig das Phänomen der "bacha posh" ist, zeigen die kleinen Reportagen in dem Buch. Im sechsten Kapitel etwa führt die Autorin den Leser in eine paschtunische Familie, die in einem Armenviertel am Stadtrand von Kabul lebt. Hier lebt die kleine Niima ein Doppelleben: vormittags besucht sie in Kleid und Kopftuch für zwei Stunden die Schule. Am Nachmittag zieht sie sich Jungenklamotten an und arbeitet als Ladengehilfe in einem kleinen Lebensmittelgeschäft. Für eine paschtunische Frau wäre es sonst gesellschaftlich unmöglich, eine solche Arbeit zu verrichten.

Die fünfzehnjährige Zahra aus der nördlichen Provinz Faryab hingegen fühlt sich in ihrer Rolle als Junge wohl, trägt Jeans und hat eine direkte, rebellische Umgangsform. Sie möchte keine afghanische Frau werden und wird von Männern wegen ihrer starken Persönlichkeit respektiert. Auf der anderen Seite verurteilt sie das Machogehabe gleichaltriger Jungs, anstatt sich mit ihnen zu verbünden.

Als Nordberg einmal afghanische Mütter nach den psychologischen Folgen des "Geschlechterwechsels" für ihre Töchter fragt, wird sie nicht verstanden. Und merkt wieder, dass in diesem Land andere Werte zählen als wir sie kennen. Eine Idee wie die Selbstentfaltung des Individuums ist den Afghanen fremd – und gilt weder für Kinder noch für Erwachsene.

Marian Brehmer

© Qantara.de 2015

Jenny Nordberg: "Afghanistans verborgene Töchter. Wenn Mädchen als Söhne aufwachsen", 432 Seiten, Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg, ISBN: 978-3-455-50349-4

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