Jennifer Zeynab Joukhadars "The Map of Salt and Stars"

Die Macht der Erinnerung

Jennifer Zeynab Joukhadars Romandebüt "The Map of Salt and Stars" ist eine hintergründige Erzählung über Flucht und Exil. Sie verwebt darin auf meisterhafte Weise die Geschichte einer syrischen Familie mit einem Märchen über eine abenteuerliche Reise im 12. Jahrhundert. Von Richard Marcus

Joukhadar zeigt uns die Welt durch die Augen von Nour, dem jüngsten von drei Mädchen, und ihrer  Mutter, einer Kartogafin. Da sich nach dem Tod ihres Ehemannes die unbezahlten Rechnungen stapeln, beschließt die Mutter, mit ihren Töchtern von New York nach Syrien zurückzugehen, dem Herkunftsland ihrer Eltern.

Zahara und Huda, die beiden älteren Töchter, widersetzen sich ihrem Plan. Sie argumentieren mit dem Bürgerkrieg. Doch die Mutter versichert ihnen, ihr Ziel, die Stadt Homs, läge fernab der Unruhen und sie seien dort in Sicherheit.

Wie wir alle mittlerweile wissen, ist man in Syrien nirgendwo mehr sicher. Drei Monate nach  Ankunft der Familie erreichen die Kämpfe Homs. Ihr Haus wird von einer Bombe zerstört und die älteste Tochter dabei verwundet. Die Familie muss gemeinsam mit Abu Sayed, dem Adoptivbruder des verstorbenen Vaters, fliehen und versucht zunächst, nach Damaskus zu gelangen. Dort soll Huda medizinisch behandelt werden.

Das ist schon kompliziert genug, aber erst der Beginn einer regelrechten Odyssee. Wie wir von der Erzählerin Nour erfahren, folgt die Familie einer Route, die von Syrien über Jordanien nach Nordafrika führt, bis sie endlich ihr Ziel erreicht: die kleine, an Marokko angrenzende spanische Enklave Ceuta. Wer jemals etwas über die Not der Flüchtlinge auf ihrem Weg in eine sichere Zukunft gelesen hat, weiß zumindest ansatzweise, was diese Familie durchmacht.

Doch nicht einmal die blühendste Fantasie reicht an die Realität heran. Und das stellt für jeden Autor, der über die Erfahrungen von Flüchtlingen schreibt, eine schier unüberwindbare Schwierigkeit dar. Joukhadar erreicht mit ihrem Roman etwas Bemerkenswertes: Sie hat nicht nur einen, sondern gleich zwei literarische Kunstgriffe gefunden, mit denen sie den Horizont ihrer Leser erweitert und ihnen hilft, einen Zugang zur Geschichte ihrer Protagonisten zu finden.

Jennifer Zeynab Joukhadars Romandebüt „The Map of Salt and Stars“
Die Wirklichkeit der Phantasie: Die syrisch-amerikanische Autorin Jennifer Zeynab Joukhadar verwebt auf meisterhafte Weise die Geschichte einer syrischen Familie mit einem Märchen über eine abenteuerliche Reise im 12. Jahrhundert.

Faszinierende Bildsprache

Zum einen verfügt ihre junge Heldin (man erfährt ihr Alter nicht, aber während der Reise hat sie zum ersten Mal menstruiert) über die seltene Fähigkeit der Synästhesie. Das bedeutet, dass verschiedene Sinneswahrnehmungen miteinander verbunden sind. In Nours Fall lösen Gerüche und Geräusche Farbwahrnehmungen aus. Klänge - selbst der Klang eines einzelnen Buchstabens – verbinden sich in ihrem Gehirn mit bestimmten Farben.

Das erlaubt es der Autorin, ausgesprochen faszinierende und für den Leser anregende Bilder zu verwenden. So wird zum Beispiel Hundegebell zu einem violetten Klangkegel in der Dunkelheit der Nacht. Unglücklicherweise ist Nours besondere Fähigkeit mit Erinnerungen verknüpft: Das Mädchen kann weder den Klang und die Farben von Gelächter noch Geräusche und Farben explodierender Bomben vergessen.

Ihre Fähigkeit ist für Nour Fluch und Segen zugleich und es ist beeindruckend, wie die Autorin die Tiefe ihres Schmerzes, aber auch die Höhen ihrer Glücksgefühle beschreibt.

Trost in alten Geschichten

Mit Nours Erinnerungen hat auch der zweite Kunstgriff zu tun, den Joukhadar nutzt. Die Stimme des Vaters ist eine Erinnerung, an die sich Nour mit aller Kraft klammert. Seine Stimme erzählt die alten Geschichten und Mythen aus dem früheren Syrien.

Nours Lieblingsgeschichte handelt von einem jungen Mädchen, genannt Rawiya, das sich im 12. Jahrhundert als Junge verkleidet dem Kartographen al-Idrisi anschließt. Er hat für den fränkischen König von Sizilien Roger II. Karten vom Nahen Osten und von Nordafrika angefertigt.

In Zeiten größter Verzweiflung vertieft sich Nour in Rawiyas Erlebnisse und findet in ihnen Trost und Inspiration. Die Geschichten erinnern sie nicht nur an ihren Vater und den Klang seiner Stimme. Sie helfen ihr auch zu verstehen, wo sie und ihre Familie sich unterwegs gerade befinden.

Denn obwohl Rawiya und ihre Reiseabenteuer fiktiv sind, hat al-Idrisi tatsächlich existiert. Er hat die  Gegenden vermessen, die Nour und ihre Familie auf ihrem langen Weg durchqueren.

Die Städte sind nicht mehr dieselben, doch die Geografie ist gleich geblieben. Immer wieder erkennt Nour unterwegs Landschaften und erklärt ihrer Familie, an welchem Ort sie sich befindet. Ihre Freude darüber, dass sie sich an fremden Orten auskennt, springt den Leser geradezu an. Mit dieser Fähigkeit erkennt sie, dass sie den richtigen Weg in eine sichere Zukunft finden kann.

Auf der Achterbahn der Gefühle

Vieles ist über syrische Flüchtlinge gesagt und geschrieben worden. Aber nur wenige Autoren haben ihre Lebensumstände mit so viel Sensibilität eingefangen wie Joukhadar. Von Anfang an schließt der Leser die Familie ins Herz und im Verlauf der Geschichte lebt man immer intensiver mit ihr mit.

Da der Leser die Welt mit den Augen der jüngsten Tochter und deren synästhetischer Wahrnehmung sieht, kann er sich in das noch unverfälschte Innenleben eines Kindes versetzen. Mehr noch, er übernimmt ihre geschärfte Sinneswahrnehmung.

Gelegentlich droht das Geschehen den Leser  – wie auch Nour selbst – fast zu überwältigen. Doch Joukhadar findet stets im richtigen Moment eine Wendung, durch die die Geschichte glaubwürdig bleibt und weder der Leser noch Nour die Hoffnung aufgeben müssen.

Gerade die Achterbahn der Gefühle, der Nour und der Leser ausgesetzt werden, macht die Geschichte so wirkungsvoll. Joukhadar gelingt es, Nours innere Verfassung ungeheuer plastisch wiederzugeben, und so wird sie auch für den Leser erstaunlich lebendig.

Sicher kann kein Schriftsteller jede Gemütsregung, die ein Mensch auf einem solchen Weg erlebt, in allen Details wiedergeben. Doch "The Map of Salt and Stars" kommt dem Ideal so nahe, wie man ihm nur kommen kann.

Richard Marcus

© Qantara.de 2018

Übersetzt aus dem Englischen von Maja Ueberle-Pfaff

Der Roman erscheint demnächst auf Deutsch bei Heyne Encore.

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