Jameel Gallery of Islamic Art

Religiöse und säkulare Kunst aus dem islamischen Raum

In London öffnete das "Victoria and Albert Museum" nach dreijähriger Umbauzeit seine neue "Jameel Gallery of Islamic Art". Gezeigt werden etwa 400 Objekte islamischer Kunst. Charlotte Collins hat sich dort umgesehen.

In London öffnete das "Victoria and Albert Museum" nach dreijähriger Umbauzeit seine neue Jameel Gallery of Islamic Art. Gezeigt werden etwa 400 Objekte islamischer Kunst – die vollständige Sammlung des Museums umfasst nahezu 10.000 Exponate. Charlotte Collins hat sich dort umgesehen.

​​Von Spanien im Westen bis nach Usbekistan und Afghanistan im Osten reichte das einstige islamische Kalifat. Aus eben dieser Region werden in der derzeitigen Ausstellung Objekte aus dem 7. bis zum frühen 20. Jahrhundert gezeigt.

Religiöse Kunst wird ebenso berücksichtigt wie das säkulare Leben - dekorative Silberwaren und Glasobjekte, Kleidung und Wandschmuck, Teppiche und Koranausgaben. Exquisite Keramik zeigt, wie sich die verschiedenen Herstellungstechniken und Stile in den einzelnen Regionen entwickelten.

Die Renovierung der "Islamischen Sammlung" des Victoria and Albert Museum (V&A) wurde durch das Sponsoring des saudischen Geschäftsmanns Mohammed Abdul Latif Jameel und seiner Familie ermöglicht. Vor dem Hintergrund seines "Einsatzes für ein besseres und wachsendes Verständnis für die islamische Welt" zielt Jameel auf ein Publikum, das normalerweise nicht mit islamischer Kunst in Kontakt kommt.

Während der drei Jahre andauernden Schließung des Museums wurden die Exponate auf einer Wanderausstellung in Washington, Texas, Tokio und Sheffield gezeigt und von mehr als 285.000 Besuchern gesehen.

Religiöse und herrschaftliche Kunst

Tim Stanley, Chefkurator der "Middle Eastern Collection" im V&A, erklärt, dass die Ausstellung für viele Besucher der erste Kontakt mit islamischer Kunst überhaupt darstelle.

"Wir haben versucht, alles so einfach wie möglich zu halten”, sagt er. "Man muss vermitteln, wie schön die islamische Kunst ist, und dass nicht alles religiöse Kunst ist, sondern dass es sich vielmehr um herrschaftliche Kunst handelt. Vier Bereiche repräsentieren die Reiche der Mamelucken, der Kadscharen, der Safawiden und das der Osmanen. Nahe beim Eingangsbereich illustrieren einige Ausstellungsstücke die vier Hauptelemente der islamischen Kunst."

Innenraum der Jameel Gallery for Islamic Art
Während des Umbaus des Museums waren die Exponate auf einer Wanderausstellung zu sehen, nun haben sie wieder ihren festen Ausstellungsraum

​​Die einzelnen Bereiche – "Kalligraphie", "Geometrie", "Von Pflanzen inspiriert" und "Bilder und Poesie" - erläutern, wie diese Elemente so allgegenwärtig in der islamischen Kunst wurden.

Die Vermeidung von lebenden Wesen in der religiösen Bildersprache und die Bedeutung der schriftlichen Tradition führten zur Entwicklung der arabischen Kalligraphie als eigenständiger Kunstform - sowohl in Koranhandschriften wie auch als Bildelement in praktisch jeder anderen Kunstform von der Keramik bis zu seidenen Wandgehängen.

Im weltlichen Bereich war auch die Poesie ein beliebtes Thema. Sakralbauten, Möbel, Bücher und Kleidungsstücke wurden traditionell mit kalligraphischen Elementen aus dem Koran verziert, aber auch mit geometrischen Mustern oder abstrakten, von Pflanzen inspirierten Arabesken.

Verschiedene Interpretationen und Einflüsse

Gleichzeitig zeigt die Ausstellung, wie sehr in den verschiedenen Zeiten und Regionen - zumindest im Bereich der weltlichen Kunst - das Darstellungsverbot lebender Wesen unterschiedlich interpretiert wurde.

Tim Stanley erklärt dies damit, dass sich die geistlichen Führer des Osmanischen Reichs als Hüter des wahren Glaubens sahen und die religiösen Gesetze entsprechend strikt anwandten, während dies für die konkurrierenden Safawiden und Kadscharen im Iran des 17. und 18. Jahrhunderts in weit geringerem Maße galt.

Der Einfluss europäischer Porträtkunst ist in den großen Ölgemälden religiöser Figuren oder "imaginärer" Porträts von Mitgliedern des herrschaftlichen Harems deutlich sichtbar. Ein Stück von der Kleidung eines Safawiden etwa war geschmückt mit der Darstellung zweier großer junger Männer und mit sich gegenseitig jagender Gazellen und Leoparden.

Ein Teppich des Schahs

Hauptattraktion der Ausstellung aber ist der berühmte Ardabil-Teppich. Als einer von zwei Teppichen von Schah Tahmasp für einen Schrein in Ardabil im nordwestlichen Iran in Auftrag gegeben, handelt es sich um den frühesten datierten Teppich überhaupt: "946" ist als Datum in das Muster an einem Ende eingestickt (1539/40 AD).

Teppich von Shah Tahmasp
Das Prunkstück der Ausstellung: ein Teppich von Schah Tahmasp aus dem 16. Jahrhundert

​​Mit 10,5 mal 5 Metern gehört er wohl auch zu den größten Teppichen der Welt. Er zeigt ein gleichmäßiges Design von komplex ineinander verschlungenen Blüten und Ranken und wurde auf einem einzigen Webstuhl gefertigt.

Früher hing der Teppich an einer entlegenen Wand im Museum, nun entschlossen sich die Kuratoren, ihn im Zentrum der Ausstellung auf den Boden zu legen, wo er, geschützt durch eine besondere Glasvitrine, besonders gut zur Geltung kommt.

Charlotte Collins

Aus dem Englischen von Daniel Kiecol

© Qantara.de 2006

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