Islamischer Superhelden-Comic

Die arabischen Hulks

In dem Comic "Die 99" kämpfen islamische Superhelden für eine bessere Welt - und erzürnen die Konservativen. Sonja Zekri berichtet.

Am liebsten mögen die Kinder Jabbar, den "Mächtigen". Nicht die zickige "Zerstörerin" Mumita, nicht Noora, das "Licht", die das innerste Wesen der Menschen erkennt, und auch nicht Darr, den "Peiniger", der aussieht wie ein Junkie und im Rollstuhl sitzt, aber mit seinen Schmerzwellen so präzise operiert wie mit einem Laserschwert. Von allen 99 Superhelden in dem Comic "Die 99" ist der gutmütige Riese im roten Strampelanzug eine eher konventionelle Wahl. Aber konventionell ist vieles an den "99", und gerade das ist das Erstaunliche.

"Die 99" ist ein islamischer Superhelden-Comic, sein Personal sieht aus wie die entfernte Verwandtschaft von Superman, die "Zchak-Zchak- Zchaks" knattern nur so, die Titelidee aber greift zurück auf einen zentralen Topos des Islam - die 99 Eigenschaften Gottes. Held um Held taucht in den Geschichten auf, jeder mit einem neuen Talent. Am Ende tritt eine ganze Armada islamischer Heroen an, um dasselbe zu tun wie die Kollegen aus dem Hause Marvel: die Welt retten, was in diesem Fall mit der Suche nach den 99 Steinen der Erkenntnis zu tun hat, die während des Mongolensturms in Bagdad abhandenkamen.

Kinderbücher mit Märtyrern

"Ich bin nicht naiv. Wären es die 98 Superhelden oder die 101, würde sich keiner für die Geschichte interessieren", sagt Naif Al-Mutawa, der Erfinder. Die Zahl 99 aber läßt keinen Muslim kalt: "99 ist eine Marke." Und sind die Eigenschaften Gottes, Großzügigkeit, Stärke, Weisheit, nicht allgemein anschlussfähige menschliche Werte?​​

Comichelden aus "Die 99"
Die "99" nehmen es mit den engstirnigen Steinzeit-Exegeten des Islam ebenso auf wie mit jenen westlichen Kulturkämpfern, die den Islam als Motor aggressiver Überwältigungsphantasien sehen.

Al-Mutawa ist Psychologe, er hat in Boston studiert, er hat Saddams Folteropfer und die traumatisierten Soldaten des Golfkriegs behandelt, heute lebt er mal in Kuwait, mal in Amerika, und seine derzeitige Mission ist nur unwesentlich leichter als die seiner Helden. In einer Region, die Kindern als Superhelden Osama bin Laden oder palästinensische Selbstmordattentäter präsentiert, wo iranische Kinderbücher die Himmelfahrt amputierter Märtyrer feiern, bieten seine Comics ungewöhnlich unblutige Konfliktlösungen.

Kaum Moscheen und kein Prophet

Die "99" nehmen es mit den engstirnigen Steinzeit-Exegeten des Islam ebenso auf wie mit jenen westlichen Kulturkämpfern, die den Islam als Motor aggressiver Überwältigungsphantasien sehen, denn Naif Al-Mutawa gehört einer bedrohten Spezies an: Er ist ein Gemäßigter. "Der Islam ist perfekt", sagt er, "die Menschen sind es nicht." Natürlich klingt sein Konzept ein bisschen wie die Weihnachtsfeier der Vereinten Nationen, und so sieht der Comic auch aus. Die Helden stammen aus Saudi-Arabien und Portugal, Kanada und vom Golf.

Die Umma, die Gemeinschaft der Muslime, oft kaum mehr als ein ideologischer Kampfbegriff oder eine ferne Utopie, findet bei Al-Mutawa ihre Verkörperung in einer knallbunten Taskforce, die ein äußerst diskreter Islam eint. Für manche ein zu diskreter. Moscheen sieht man nur auf den Bildern von Bagdad, der Prophet findet keine Erwähnung.

Frankie Shum, Vizepräsident für Finanzen der Teshkeel-Mediengruppe, die "The 99" herausgibt, muss deshalb viel erklären: "Ein saudischer Geschäftsmann hat gefragt, warum wir Jabbar oder Mumita nicht mal beten lassen", sagt er: "Da habe ich ihn gefragt, wie sie denn beten sollen: sunnitisch oder schiitisch? Sunnitisch natürlich, sagte er, er ist ja Sunnit. Aber was ist mit den Schiiten? Wenn Sie mit diesen religiösen Feinheiten erst mal anfangen, kommen Sie in Teufels Küche."

Weltweiter Erfolg, nur nicht auf Arabisch

Shum ist für ein paar Tage nach Kairo gereist, in ein lichtes Büro über einem Adidas-Geschäft im Mittelklasse- Viertel Doqqi. Die Hefte werden von amerikanischen Profis der Branche entworfen, zum Beispiel von Fabian Nicieza, der schon die "X-Men" und die "Power Rangers" schrieb. Übersetzt aber werden sie in Kairo, und eines Tages werden sie hier vielleicht auch mal gezeichnet. ​​Seit Sommer 2006 erscheint pro Monat ein neues "99"-Heft in einer englischen und einer arabischen Ausgabe.

Naif al-Mutawa, Erfinder der "99"; Foto: Getty Images
Naif al-Mutawa, Erfinder der "99", ist Psychologe, er hat in Boston studiert, er hat Saddams Folteropfer und die traumatisierten Soldaten des Golfkriegs behandelt, heute lebt er mal in Kuwait, mal in Amerika, und seine derzeitige Mission ist nur unwesentlich leichter als die seiner Helden.

10.000 Exemplare verkauft die Teshkeel-Gruppe pro Ausgabe, gerade ist eine indonesische Version und eine US-Version gestartet, eine malaysische folgt demnächst. Es gibt Pläne für Frankreich, die Türkei und für eine Fernsehserie. In der arabischen Welt laufen die "99" so gut wie "Superman" oder "Hulk", die die Teshkeel-Gruppe in Lizenz ebenfalls verkauft.

Doch obwohl der islamische Markt mit einer Milliarde Muslime potentiell sehr lukrativ ist, sind die "99" keine Goldgrube. In Ägypten werden die Hefte für sieben Pfund abgegeben, 86 Cent, das deckt nicht mal die Kosten für Produktion und Vertrieb. In palästinensischen Flüchtlingslagern wurden die Comics kostenlos verteilt. Langfristig lässt sich so vielleicht das nötige Markenbewusstsein schaffen, um teure Merchandising-Lizenzen zu verkaufen, aber ob die kleinen Leser in Gaza sich die schönen T-Shirts dann auch leisten können, ist eine andere Frage.

Verbot in Saudi-Arabien

"Der Vertrieb in Ägypten beispielsweise ist eine Katastrophe, und die Kinder lesen kaum", sagt Shum. Und da ist noch etwas: Der größte Markt für Comics ist Saudi-Arabien, aber der Zensor begriff die Sache mit den Namen Gottes als Beleidigung des Islam und verbot die Hefte. Jede Woche erscheint zwar eine Doppelseite mit den "99" in der größten englischsprachigen Zeitung Saudi-Arabiens, und wer will, lässt sich die neueste Ausgabe als E-Mail schicken, aber ohne eine offizielle Genehmigung lässt sich in Riad kein Riyal verdienen.

Die Saudis sind nicht die einzigen Kritiker. Ein Politologe aus Kuwait bemängelte, dass der Comic die Hilfe durch andere Menschen verspreche, der Koran aber verheiße Beistand nur durch Gott. Ein Leser notierte ungehalten, dass die Helden in Dreiergruppen arbeiten. Die Triaden hatte Al-Mutawa erfunden, weil ein Paar, Mann und Frau, erst recht anstößig wirkt. "Und jetzt warf er mir vor, dass ich die christliche Dreifaltigkeit propagiere", sagt Al-Mutawa: "Da sage noch einer, es gebe keine Kreativität in der arabischen Welt."

Burka statt Batmobil

Es ist eine Gratwanderung, das weiß er. Seine Superheldinnen tragen keine Miniröcke, und im Vergleich zu den Kurven von Wonderwoman wirken sie fast androgyn. Eine Figur namens Batina, die "Verborgene", tritt sogar in Burka auf - als wäre die Zwangsverschleierung ein Gadget wie das Batmobil. Schon einmal hatte ein Idealist einen arabischen Superhelden-Comic erfunden: Ayman Kandeel, Wirtschaftsprofessor aus Kairo, hatte den arabischen Schwertkämpfer Jalila, Prinzessin Aya, den zeitreisenden Pharao Zein und den Kämpfer Rakan in die Arena geschickt, um nach 55 Jahren Krieg zwischen zwei namenlosen Supermächten Ordnung auf der Welt zu schaffen.

Im Oktober 2006 schloss Kandeel sein Büro in Kairo. Demnächst wolle er die alten Hefte neu herausbringen, sagt er am Telefon. Nach einem großen Erfolg klingt das nicht. Vielleicht haben die "99" mehr Glück. Haisam Geber tut jedenfalls alles dafür. Er hat früher für Kandeel gearbeitet und wirbt heute für die "99" in den Schulen Kairos.

Er beschwichtigt die religiösen Vorbehalte der Eltern, erzählt von Jabbar, den alle lieben: "Die Kinder hier brauchen einen islamischen Superhelden", sagt er: "Es gibt hier nicht viele positive Vorbilder."

Sonja Zekri

© Süddeutsche Zeitung 2007

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