Islamische Debatte über Menschenrechte

Kein kultureller Sonderweg

Der syrische Publizist Morris Ayek kritisiert die Verfechter einer vermeintlichen „kulturellen Besonderheit“ im islamischen Raum. Seiner Ansicht nach steht dieser Diskurs im Widerspruch zur Universalität islamischer Werte.

Universelle Werte besitzen eine allgemeine Gültigkeit unabhängig von der Kultur, in der sie entstanden sind. So ist beispielsweise die Vorstellung von den universellen Menschenrechten eine allgemeingültige Idee, auch wenn ihre Wurzeln in der westlichen Kultur liegen. Die Menschenrechte stellen grundlegende Rechte dar, die jedem Menschen als solchem zustehen – und zwar unabhängig von seinen individuellen Fähigkeiten, seinem gesellschaftlichen Status und seiner ethnischen Zugehörigkeit.

Im Gegensatz dazu hängt die Gültigkeit von kulturell geprägten Wertvorstellungen an der jeweiligen Tradition. Kulturelle Eigenheit kennt keine allgemeingültigen Werte. Im Namen kultureller Besonderheiten wird die Idee der Menschenrechte zu einem exklusiven Ausdruck westlicher Kultur und kann daher nicht universell gültig sein.

Obwohl die Debatte über Vereinbarkeit zwischen universellen Menschenrechten und partikularen kulturellen Besonderheiten grundsätzlich eine europäische ist, spielt sie in islamischen Diskursen immer häufiger eine Rolle.

Wer die Idee der Demokratie und der Gültigkeit von Menschenrechten auch für islamische Gesellschaften bestreitet, stützt sich in der Regel darauf, dass diese angeblich nicht zu den islamischen Werten und Traditionen passen.

Das Eigenartige an dieser Argumentation ist, dass sie – obwohl sie für sich beansprucht, den Islam und seine Werte zu verteidigen – im Widerspruch zu einem seiner zentralen Inhalte steht. Denn der Islam versteht sich als eine universelle Religion mit einer Botschaft an alle Menschen, ungeachtet ihrer Kultur oder Nationalität.

Universelle Werte im Islam

Der Islam streitet Unterschiede zwischen den Menschen nicht ab, dennoch postuliert er gemeinsame, allgemeingültige Werte, auf deren Grundlage Gott über die Menschen richtet. Ohne diese für alle geltenden Werte könnte die göttliche Botschaft nicht universell sein.

Der Islam ist also prinzipiell einem Universalismus verpflichtet. Die Frage ist dann nicht, ob universelle Werte für die gesamte Menschheit gelten, sondern was diese Werte beinhalten.

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass die wie ein Mantra wiederholte Behauptung einer kulturellen Besonderheit im Islam schlicht unvereinbar ist mit dem muslimischen Selbstverständnis und dem islamischen Anspruch, eine universelle Religion zu sein, deren Gott ein Gott aller Menschen ist.

Doch warum kommt es dann immer wieder zum Dissens hinsichtlich der Frage nach der Vereinbarkeit von universellen Menschenrechten und kulturell begründeten Traditionen?

Wir sollten uns die Anhänger der kulturellen Besonderheit näher ansehen. Als erstes kommen einem hier Russland und China in den Sinn:

Wann immer China seine schlechte Bilanz in Sachen Menschenrechte vorgehalten wird, lautet die Reaktion, dass diese Kritik lediglich die Vorherrschaft westlicher Werte spiegeln würde. Man betont die asiatischen Werte, für die Staat und Kollektiv über dem Individuum stehen.

Doch abgesehen davon, dass die Hypothese von der Existenz eines statischen und dauerhaft abgegrenzten Modells kultureller Eigenheit realitätsfremd ist, entpuppt sich ein derartiger Bezug auf die eigenen Werte als fragwürdig.

Denn das Regime der Kommunistischen Partei beruft sich zwar auf asiatische Werte, aber es erlaubt es die Frage nicht, woher sie überhaupt die Legitimation bezieht, dieses Kollektiv zu repräsentieren. Ohne staatliche Repression hätte sich die Kommunistische Partei niemals durchgesetzt.

Vergessen wir auch nicht, dass sich die heutige Verfasstheit Chinas mit seiner Kommunistischen Partei im Zuge einer Revolution etabliert hat, die sich explizit gegen das alte Regime und seine asiatischen Werte richtete. Dabei bezog die Partei ihre Legitimität aus einer modernen westlichen Ideologie: dem Marxismus.

Man kann den Anhängern der chinesischen Besonderheit also das Gleiche entgegenhalten, das sie am Prinzip der Universalität kritisieren: Die Betonung kultureller Eigenheit sei (auch) bloß eine Form der Herrschaft und der Unterdrückung.

Menschenrechte als Vorwand für westliches Dominanzstreben

Die Situation in den islamischen Ländern unterscheidet sich nicht grundlegend von derjenigen in China. In islamischen Ländern preisen autoritäre Regierungen und traditionelle religiöse Institutionen, die einen „offiziellen Islam“ vertreten, diese vermeintliche kulturelle Besonderheit.

Sie sprechen dann davon, dass islamische Völker nicht für Demokratie geschaffen seien. Dass Demokratie und Menschenrechte – und hier insbesondere freiheitliche Grundrechte – nicht zum arabischen Kulturerbe und den islamischen Traditionen passen würden. Nur wenn es ihrem eigenen Vorteil dient, haben Staat und religiöse Institutionen paradoxerweise kein Problem damit, internationales Recht für sich in Anspruch zu nehmen!

Doch auch andere, Linke und Islamisten, beteiligen sich an dieser Debatte, obwohl sie in Opposition zum Staat und seinen Institutionen stehen und seine „ungerechte Weltordnung“ ablehnen.

Die meisten Verfechter kultureller Besonderheit (aber nicht ausschließlich diese) lehnen den Imperialismus ab. Sie begründen ihre Ablehnung damit, dass sich die imperialistische Politik auf die universellen Werte der Menschenrechte beruft.

Die Argumentation ist hierbei denkbar simpel: Da imperialistische Politik die Menschenrechte als Vorwand benutzt, um unter ihrem Deckmantel andere Länder zu beherrschen, müssen Menschenrechte das Instrument eines westlichen Dominanzstrebens sein.

Ich möchte jedoch an dieser Stelle daran erinnern, dass sich auch die historische Strömung des Antiimperialismus von Lenin bis zu den nationalen Befreiungsbewegungen in den islamischen Ländern auf die universellen Werte der Menschenrechte berufen hat.

Antiimperialistische Bewegungen benutzten die großen Werte von Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit, um in ihrem Namen auf die Brutalität und Verlogenheit imperialistischer Politik aufmerksam zu machen.

Die Anhänger der kulturellen Besonderheit im islamischen Raum bieten einerseits keine überzeugende Begründung für ihre Ablehnung universeller Werte. Aber was noch schlimmer ist: Ihre Argumentation steht im Widerspruch zur Universalität islamischer Werte und Normen.

Morris Ayek

© Qantara.de 2017

Aus dem Arabischen von Antonia Brouwers

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Leserkommentare zum Artikel: Kein kultureller Sonderweg

Oberflächlich betrachtet bin ich geneigt dem Autor vorbehaltlos zuzustimmen.
ABER
wie paßt da die Kairoer Erklärung ins Bild, wie genau ließe sich die mit dem Koran in der Hand aushebeln? So wie Hr. Ayek argumentiert ist das m. E. zu vage.

Wolfram Obermanns04.11.2017 | 22:57 Uhr