Diese ist selbstverständlich auch im Hinblick auf den Islam legitim, der – wie alle monotheistischen Religionen – auf einem Wahrheitsanspruch gründet und patriarchal strukturiert ist. Die Berufung auf egalitäre Argumente, wie das Eintreten für die Rechte von Frauen oder Homosexuellen, reicht als Kriterium zur Unterscheidung von legitimer Kritik und Ressentiment allein nicht aus. Es bedarf vielmehr einer genaueren Analyse des jeweiligen Kontextes, in dem die Kritik – von wem? und mit welcher Motivation? – geäußert wird, und der Funktion, die ein Argument darin einnimmt.

Niemand wird nach einem Blick in Geschichte und Gegenwart das repressive Potenzial von Religionen leugnen können – dieses jedoch einzig und allein im Islam erkennen zu wollen, kann als Anhaltspunkt für ein Messen mit zweierlei Maß gedeutet werden, das ein wichtiges Kriterium zur Unterscheidung von seriöser Kritik und Ressentiment ist. Wenn emanzipative Argumente dann auch noch dazu benutzt werden, die Diskriminierung und Ausgrenzung von Muslimen zu rechtfertigen, liegt eindeutig eine Instrumentalisierung von Menschenrechten vor, die auf die Legitimierung von Rassismus zielt.

Mit zweierlei Maß

Bei den "PEGIDA"-Demonstrationen wurden beispielsweise Plakate hochgehalten mit der Aufschrift "Islam = Karzinom". Der Islam wird auf diese Weise mit einer tödlichen Krankheit gleichgesetzt. Da "der Islam" aber kein sozialer Akteur ist, stellt sich die Frage, ob Muslime hier nicht zwangsläufig mit gemeint sind, wenn ihre Religion pars pro toto attackiert wird.

Die Abwertung und Ablehnung des islamischen Glaubens hat vor allem dann Konsequenzen für als Muslime markierte Menschen, wenn der Begriff der Religion in einer deterministischen Art und Weise verwendet wird und ihr gesamtes, insbesondere negatives Verhalten vor dem Hintergrund der tatsächlichen oder zugeschriebenen Religionszugehörigkeit gedeutet wird. Dann münden die "Wesenseigenschaften", die am Islam kritisiert werden, ohne größere Argumentationsbrüche in Vorstellungen über einen Kollektivcharakter "der Muslime".

Infografik Wahlergebnisse rechtspopulistischer Parteien in Europa; Quelle: DW
In Deutschland ist die AfD mit 94 Sitzen drittstärkste Kraft im Bundestag, in einzelnen Umfragen hat sie inzwischen sogar die SPD überholt. In Frankreich hatte der Front National (FN) von Le Pen 2017 im zweiten Wahlgang 33,9 Prozent der Wählerstimmen geholt, in Italien hat nach der jüngsten Wahl ein Rechts-Bündnis um den ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi rund 37 Prozent der Stimmen erzielt und ist damit stärkste Kraft. Und auch die niederländische Freiheitspartei (PVV) des Rechtspopulisten Geert Wilders legte bei der Wahl im März 2017 zu.

Auch hierin offenbart sich ein doppelter Maßstab, denn auf die Idee, jegliches negative Verhalten getaufter Menschen analog dazu auf das Christentum zurückführen, kommen "Islamkritiker" für gewöhnlich nicht.

Solche Wechselwirkungen zwischen dem Ressentiment gegen eine Religion und dem Ressentiment gegen die Mitglieder der betreffenden Religionsgemeinschaft sind unter anderem aus dem Antisemitismus bekannt. Dort zielt der Verweis auf den "rachsüchtigen" Gott des Alten Testaments darauf ab, diese vermeintliche Charaktereigenschaft ihres Gottes auch auf Juden zu übertragen.

Es besteht also ein nicht zu vernachlässigender Zusammenhang zwischen dem Bild, das Außenstehende sich von einer Religion machen und dem Bild, das sie von deren Anhängern haben. Mechanismen, die zur Stigmatisierung und Ausgrenzung einer Minderheit über den Weg des Attackierens der Religion führen, mit der diese Minderheit assoziiert wird, müssen daher in der Analyse Berücksichtigung finden.

Dominanzkonflikte und Identitätsstiftung

Ein Teil der heutigen Konflikte um den Islam und Muslime in westlichen Gesellschaften lässt sich auch durch eine voranschreitende gesellschaftliche Partizipation erklären. Dies erscheint zunächst paradox, da einer der Hauptvorwürfe an Muslimen ihr vermeintlicher Mangel an Integration ist. Doch Integration im Sinne einer Partizipation zieht auch Dominanzkonflikte nach sich. Es sind z.B. nicht die Hinterhofmoscheen, die Abwehr hervorrufen, sondern repräsentative Gotteshäuser, die Muslimen als im Stadtbild sichtbare Mitglieder der Gesellschaft ausweisen.

Antimuslimische Diskurse sind daher durchzogen von dem Bedürfnis, Muslimen auf einen gesellschaftlich untergeordneten Rang zu verweisen sowie ihre Zugehörigkeit zur deutschen und europäischen Gesellschaft zu negieren. In der Abgrenzung von ihnen werden daher nicht zuletzt auch Identitätsfragen der nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft verhandelt.

Der antimuslimische Rassismus dient dabei sowohl der Stabilisierung einer nationalen Gemeinschaftskonstruktion (Stichwort "deutsche Leitkultur") wie auch der Anrufung einer übernationalen "abendländischen" Identität. Die Sehnsucht danach, die eigene Nation "ethnisch rein" und "kulturell-religiös rein" zu halten oder wenigstens die Dominanz der Eigengruppe darin zu sichern, wird ausgeweitet auf die Sehnsucht nach einem wenn schon übernationalen, dann wenigstens homogenen Europa.

Es ist daher wichtig festzuhalten, dass der gegenwärtige antimuslimische Rassismus sich im Kontext der Migrationsgesellschaften nicht gegen eine neue Zielgruppe richtet, sondern sich lediglich verstärkt solcher Begründungszusammenhänge bedient, die auf das Merkmal der Religion rekurrieren.

Yasemin Shooman

© Qantara.de 2018

Dr. Yasemin Shooman leitet die Akademieprogramme des Jüdischen Museums Berlin und hat am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin zum Thema Islamfeindlichkeit promoviert.

***

[1] Vgl. Bertelsmann Stiftung (Hg.): Religionsmonitor. verstehen was verbindet. Sonderauswertung Islam 2015, S. 8, https://www.bertelsmannstiftung.de/fileadmin/files/Projekte/51_Religions... mmenfassung_der_Sonderauswertung.pdf.

[2] Vgl. Foroutan, Naika u.a.: Deutschland postmigrantisch I. Gesellschaft, Religion, Identität, Berlin 2014, S. 6.

[3] Vgl. Oliver Decker/Johannes Kiess/Elmar Brähler (Hg.), Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland, Gießen 2016, S. 49.

[4] Vgl. Andreas Zick/Beate Küpper/Andreas Hövermann, Die Abwertung der Anderen. Eine europäische Zustandsbeschreibung zu Intoleranz, Vorurteilen und Diskriminierung, Berlin 2011, S. 70.

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Leserkommentare zum Artikel: Rassismus unter dem Deckmantel der Religionskritik

Ein auszeichnetet und fundierter Beitrag. Danke!!!

Hans 21.06.2018 | 09:36 Uhr