Islamfeindliche Pegida-Bewegung

"Das Produkt einer nervösen Gesellschaft"

Warum ist die islamfeindliche Pegida-Bewegung so stark geworden? Der Soziologe Oliver Nachtwey sieht eine Ursache in den politischen Parteien - und warnt im Gespräch mit Dennis Stute vor falschen Reaktionen.

Vor wenigen Wochen war die fremdenfeindliche "Pegida" (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) noch eine kleine Facebook-Gruppe; am vergangenen Montag (15.12.2014) hat sie in Dresden 15.000 Menschen mobilisiert. Wie lässt sich das erklären?

Oliver Nachtwey: Es gibt zwei Erklärungsmuster, die sich ergänzen. Das erste ist, dass es einen neuen antimuslimischen Rassismus der Mitte gibt, der mit der Sorge um abendländische Werte begründet wird. Das ist das Produkt einer nervösen Gesellschaft, in der Aufstieg immer weniger möglich ist und in der man das Gefühl hat, überall herrsche Kampf und Wettbewerb.

Die Affekte, die das erzeugt, werden oft nicht auf ein System, sondern auf das Andere, das Fremde gelenkt. Das wird auch aus der Politik lanciert und von unten aufgenommen. Erst vor kurzem hat die CSU vorgeschlagen, dass Ausländer zuhause Deutsch sprechen sollten. Die zweite Erklärung ist, dass die Parteien und die großen Organisationen die Bevölkerung nicht mehr wirklich repräsentieren. Weil Kanäle zur Artikulation von Ängsten verloren gegangen sind, poppen Protestbewegungen von unten auf, die mal linker sind, wie "Occupy", mal seltsamer und verschwörungstheoretischer, wie die Montags-Mahnwachen, und nun rechter, wie die Pegida-Bewegung.

Welche Kanäle zur Artikulation von Ängsten sind verloren gegangen?

Nachtwey: Wo sind zum Beispiel noch die großen Unterschiede zwischen den großen Volksparteien bezüglich des Euro? Selbst beim Mindestlohn ist man sich einig. Parteien waren ursprünglich dazu da, die großen Streitlinien der Gesellschaft von rechts bis links zu organisieren und - indem man sie in parlamentarische Kanäle gebracht hat - auch zu domestizieren, zu zivilisieren. Aber inzwischen leisten die Parteien das nicht mehr.

Ist das nicht einfach Ausdruck davon, dass sich bestimmte Milieus aufgelöst haben und die Gesellschaft weniger polarisiert ist?

Oliver Nachtwey, Soziologe der TU Darmstadt, Foto: privat
Oliver Nachtwey ist Soziologe an der TU Darmstadt und Experte für Soziale Bewegungen. Im März erscheint im Suhrkamp-Verlag sein Buch "Abstiegsgesellschaft", in dem es um den Zusammenhang zwischen wachsender Ungleichheit und sozialen Konflikten geht.

Nachtwey: Das stimmt zum Teil. Die klassischen Milieus, das Milieu der Arbeiterklasse, das Milieu der Mittelschicht und die konfessionellen Unterscheidungen existieren in dieser Form nicht mehr. Die Parteien reflektieren das auch: Gerade in den Parteiapparaten existieren relativ homogene soziale Milieus. Wenn Sie sich deren Mittelbau anschauen, finden Sie dort in der Regel Kinder aus Mittelklasse-Haushalten, die studiert haben und in der Politik einen gewissen sozialen Aufstieg suchen. Allerdings, und deshalb stimmt Ihr Argument nur zum Teil, werden seit Anfang der 1990er Jahre die Ungleichheiten in der deutschen Gesellschaft wieder größer - es entsteht wieder so etwas wie eine neue Unterklasse. Während diese Zentrifugalkräfte teilweise stärker werden, orientieren sich die Parteien immer stärker zur Mitte.

Wer wird von Pegida angezogen?

Nachtwey: Leider steht die soziologische Untersuchung noch aus. Mir scheint das im Wesentlichen ein Bürgerbündnis zu sein, eine Koalition zwischen unterer Mittelklasse und Facharbeitern, aber auch oberer Mittelklasse. Dass diese Koalition der Affekthandlung aus der Mittelklasse kommt, hat damit zu tun, dass auch die Ressentiments von dort kommen. Die Langzeitbeobachtungen des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer zeigen, dass vor allem in der bürgerlichen Mitte Ressentiments gegenüber Minderheiten zugenommen haben.

Hat Pegida das Potenzial, zu einer bundesweiten Bewegung zu werden?

Nachtwey: Was wir in Dresden sehen, ist nur der spektakulärste Ausdruck einer Bewegung, die sich bereits an verschiedenen Orten gebildet hat. Gerade in Nordrhein-Westfalen gibt es verschiedene Bürgerbewegungen, die sich gegen den Islam richten. Was bislang nicht existiert, ist eine parteipolitische Verdichtung, weil man als Bürger die NPD und die Nazis dann doch zu plebejisch findet - dahin will man nicht. Man will Teil des Establishments bleiben, indem man sagt: Wir sind Europäer, wir sind eigentlich pazifistisch. Man schielt eher von rechts heraus auf die Mitte des politischen Systems. Deshalb ist die Gefahr groß, dass Parteien sich darauf beziehen.

Plakate auf dem Europaparteitag der "Alternative für Deutschland" (AfD) in Erfurt; Foto: picture-alliance/dpa
Im rechtspopulistischen Fahrwasser: Die AfD fühlt sich durch die jüngste Geiselnahme von Sydney in ihrer Forderung nach weiteren Einwanderungsbeschränkungen bestätigt. Gleichzeitig führt sie die Tat des aus dem Iran stammenden Einzeltäters als Rechtfertigung für die umstrittenen Demonstrationen der Pegida (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) in Dresden an.

Vor kurzem hat Bernd Lucke, der Vorsitzende der AfD, in einem Facebook-Eintrag die Pegida-Bewegung begrüßt. Lucke gehört dem Flügel der AfD an, der sich betont bürgerlich, aufgeklärt und liberal gegeben hat. Insofern besteht die Gefahr, dass die Partei als Ganzes auf den antimuslimischen Rassismus aufsattelt.

Wie soll die Gesellschaft mit "Pegida" umgehen?

Nachtwey: Die Dresdner haben es doch vorgemacht. Sie haben das Problem erst etwas verschlafen, aber bereits am vorletzten Montag standen den 10.000 Pegida-Demonstranten 10.000 Gegendemonstranten gegenüber. Man darf nicht vergessen, dass Dresden ein besonderer Ort ist: Dresden war die letzte Dekade über der Ort des jeweils größten Neonazi-Aufmarsches in Europa. Aber die Zivilgesellschaft hat es in den letzten fünf Jahren geschafft, diese Aufmärsche systematisch durch sehr breite, mit zivilem Ungehorsam verbundene Demonstrationen zu blockieren. Dieses Jahr hat der Neonazi-Aufmarsch in Dresden erstmals nicht mehr stattgefunden.

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) hat zum Dialog mit den Anhängern der "Pegida"-Demonstrationen aufgerufen. Was halten Sie davon?

Nachtwey: Ich finde es schwierig, mit Menschen einen Dialog zu suchen, die von Ressentiments getragen werden. Man müsste sich den Argumenten, die dort vorgebracht werden, stellen und öffentlich kritisieren, also eine Aufklärungskampagne betreiben. Aber ich halte es für falsch, "Pegida" aufzuwerten indem man sagt: Wir suchen das Gespräch. Wenn man sich überlegt, dass "Pegida" von einem kriminellen, gescheiterten Parvenü angeführt wird, muss man sich die Frage stellen, welche Gefahr eigentlich in dieser Gesellschaft steckt, in der Ressentiments so einfach bis in die Mitte der Gesellschaft mobilisiert werden können.

Das Mittel der Zivilgesellschaft muss also ein Doppeltes sein: Die aktive Blockade, die aktive Konfrontation dieser Aufmärsche und ein öffentlicher Diskurs, der viel stärker die Ressentiments gegenüber dem Islam angeht und diese nicht weiter toleriert.

Das Interview führte Dennis Stute.

© Deutsche Welle 2014

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Leserkommentare zum Artikel: "Das Produkt einer nervösen Gesellschaft"

Dieser Artikel, die Fragen sowie die Antworten, zeugen von einer solch ignoranten Arroganz und einer Von-oben-herab-Perspektive auf die Fast-Plebejer da unten, dass sich mir die Nackenhaare hochstellen. Und ich finde es "....schwierig mit Menschen einen Dialog zu suchen...", die derart abgehoben an den realen Sorgen und Ängsten der Menschen vorbeischauen und kein weiteres Argument als fremdenfeindlich, islamfeindlich und rassistisch anführen als Begründung der Probleme. Arm und traurig! Lesen Sie mal den alten Beitrag von 2010 von Stefan Weidner "Warum die deutschen Medien die Anti-Islambewegung hofieren". So neu ist das Problem also auch nicht! Nur hat keiner richtig hingehört und auch damals schon alles nur in die rechte Ecke gedrängt. Fatal!

Ingrid Wecker17.12.2014 | 13:54 Uhr

Ich kann hier im Münsterland nur wenige Dokumente (z.B. Bilder in Zeitungen ) erhaschen. - Die selbstaufgelegte Mediensperre der Pegida-Demonstranten hat ja vielleicht auch ihren Hintergrund. Bis jetzt haben Politiker nur vorschnell geantwortet. Ihnen scheint das richtige "Eintüten" in ihrer Welt das Wichtigste zu sein. Und wenn dann auch noch ein Zeitungsbericht in den U.S.A. erscheint - womöglich sinkt die Bewertung des Landes an der Börse.
Die Demonstrationen sind ein Ventil. Sie zeigen, das die Chance eines Dialogs immer mehr schwindet. 1989 bekam ich im privaten Umfeld mit, wie in Berlin bei einem Mieterwechsel Türken ausgefiltert wurden. - Solche Kränkungen können nicht mit Gesetzen verhindert werden. Die religiösen Gegenpole Christentum und Islam werden nicht verschwinden. In 2017 soll das Lutherjahr begangen werden. Luthers grundsätzliche Kritik am Klerus der damaligen Zeit steht auch heute noch. Ein Eingehen auf diese Kritik seitens der katholischen Kirche steht noch aus.

Alfred Berkemeier17.12.2014 | 14:04 Uhr

Zum Thema PEGIDA möchte ich wie folgt beitragen:

Dass PEGIDA ausgerechnet in Dresden (Sachsen) initiiert wurde, wo der Anteil an Ausländern bzw. Migranten nur etwa 2% der Bevölkerung beträgt, liegt m.E. besonders an der latenten Fremdenfeindlichkeit der früheren Menschen in der eingegangenen Staat namens DDR. Nach meiner Beobachtung widerspiegelt diese weitverbreitete rechtsradikale und ausländerfeindliche Gesinnung der Jugend in und aus den neuen Bundesländern nur das latente Ergebnis des 40-jährigen DDR-Systems, das faktisch nur eine Verlängerung des Hitlerreiches in politisch farbveränderte Form darstellte. Während im Westen Deutschlands (einschließlich Westberlin) nach dem Zusammenbruch des Hitler-Reiches die Saat des liberalen, demokratischen und multikulturellen Denkens durch die Westalliierten gesät wurde und fast 100-prozentig aufgegangen war, wurde von den Sowjets die DDR geschaffen, in der nur die Farbe der braunen Nazi-Ideologie auf rot umgeschaltet worden war. Aus der NSDAP wurde die KPD, aus den Ermächtigungsgesetz-Parteien im Dritten Reich wurden die SED und die zwangsvereinigte ”Blockflötenparteien”, aus der HJ wurde die FDJ, aus der Gestapo wurde die MfS usw. usw. Bis 1989 zeigte das gesamte Staatssystem der DDR strukturell große Parallelen zu dem des Dritten Reiches – auch wenn sie keine KZ unterhielt -, im Gegensatz zur Bundesrepublik Deutschland. So auch bei der Behandlung von und im Umgang mit Ausländern. Während Ausländer in der Bundesrepublik Deutschland voll integriert wurden und die Bevölkerung die Gelegenheit hatte, sich an das multikulturelle Leben der Gesellschaft zu gewöhnen und daran mitzuwirken, wurden Ausländer in der DDR stets isoliert untergebracht, um sie 100-prozentig unter Kontrolle zu halten und bei Bedarf für politische Propagandazwecke leichter ausnützen zu können (vergleiche die Türken in der ”BRD” und die Vietnamesen und Mosambikaner in der DDR). Deutschtum spielte in der Erziehung der DDR-Menschen schon immer eine größere Rolle als in der weltoffenen Bundesrepublik Deutschland, und zwar im Sinne des ”besseren Menschen”, eines sozialistischen und marxistisch-leninistischen deutschen Menschen, fast analog zu den arischen Menschen im Dritten Reich. Auch gegenüber den sozialistischen Brüdern und Schwestern des osteuropäischen Bündnisses fühlten sich die DDR-Menschen schon immer überlegen. Über vierzig Jahre lang wirkte diese SED-Indoktrination auf die DDR-Menschen ein. Hitler und die NSDAP hatten dazu nur zwölf Jahre (von 1933 bis 1945) Zeit gehabt. Trotz der liberalen und demokratischen Erziehung der Bürger der alten Bundesländer haben die Nazis bei manchen bis heute noch bleibende Spuren ihrer Gesinnung hinterlassen. Insoweit könnte man dieses Phänomen zwar einigermaßen verstehen, teilen oder akzeptieren kann man es als zivilisierte Menschen und Bürger eines demokratischen Staates nicht.
An und für sich ist die Bevölkerung der neuen Bundesländer m.E. absolut die glücklichste Volksgruppe dieser Welt. Nirgendwo auf der Welt hat es in den letzten 25 Jahren Menschen gegeben, denen soviel Positives widerfahren sind wie den meisten der früheren Staatsbürgern dieses verschwundenen Staates, der sich am liebsten als Kürzel “DDR” nannte. Stolz oder sogar übermütig zu sein, dafür haben sie jedoch keinen Grund, sondern glücklich, demütig und dankbar sollten sie sein, und sollten sich nicht von rechten Rattenfängern verführen lassen.

Mit freundlichen Grüßen

R.N.Soetarjono, Berlin-Lichtenrade

Radi1230519.12.2014 | 23:20 Uhr