Iranische Rockband "Kiosk"

Musikalisches Nomadentum

Irans Rock- und Pop-Musiker können sich gegen die Zensur ihrer Songs in der Islamischen Republik kaum wehren. Viele Bands kehren daher ihrem Land den Rücken und treten nur noch im Ausland auf – so auch die Rockgruppe "Kiosk". Shanli Anwar stellt die Band vor.

Konzert der iranischen Rockband Kiosk in Bonn am 23.09.08; Foto: DW
Musikverbote und drakonische Zensurmaßnahmen veranlassten bisher viele iranische Rockbands ins Exil zu gehen und vor ausländischem Publikum zu spielen: Die Band "Kiosk" während eines Auftritts in Bonn.

​​Auf der jährlichen Pizza-Bäcker-Weltmeisterschaft in Italien schaffte 2007 ein Iraner den dritten Platz mit seiner "Pizza Ghorme Sabzi". Der Belag, ein traditionelles persisches Gulaschgericht, machte die Kreation zu einer skurrilen Verbindung zwischen Orient und Okzident. Und genau diese Pizza besingt die iranische Rockband "Kiosk" im Refrain von "Eshgh-e Soraat". Sie symbolisiert die iranische Gesellschaft, die gespalten ist zwischen politisch aufgezwungenem, religiösen Traditionalismus und dem Drang nach Modernität. Die Band zeigt in ihren Songs die gesellschaftlichen und politischen Missstände auf: die Perspektivlosigkeit der Jugend, die Heimlichkeit der Liebe, der Fluch des Öls, die wachsenden Drogenprobleme, Wahlfälschungen und vieles mehr.

Rockmusik im Keller

2005 reiste der Sänger und Begründer von "Kiosk", Arash Sobhani, in die USA. Die musikalische Laufbahn des 35-jährigen begann 1987. Damals komponierte er auf seiner Gitarre englische Songs – für ihn die Sprache des Rock and Roll. Dementsprechend waren für ihn, wie für die meisten iranischen Rockbands, Pink Floyd, Dire Straits und Bob Dylan die musikalischen Vorbilder. Sobhani spielte zunächst für "Raz-e Shab" Gitarre, stieg dann aber aus der Band aus, um kritischere Texte zu schreiben. Nach der Wahl des reformorientierten Präsidenten Khatami entwickelte sich die alternative Musikerszene im Iran schnell weiter. Gemeinsam mit befreundeten Musikern traf sich Sobhani in Teheran oder Isfahan zu heimlichen "Jam-Sessions" im Keller, wobei die Musiker vor allem Blues, Rock und Jazz spielten. ​​

Aus der "Kellermusik" wurde 2002 schließlich die Band "Kiosk". Dabei versteht Arash Sobhani die Gruppe als "Kollaborationsprojekt", bei dem mehrere Musiker wechselnd spielen. Fester Bestandteil sind neben ihm der Produzent und Gitarrist Babak Khiavchi, der 2005 das Label "Bamahang" in Kanada gründete – ein Label mit dem er der iranischen Rockmusik im Iran selbst, aber vor allem im Ausland, eine Plattform bieten will. Von den Möglichkeiten des Internetbooms, insbesondere in der Khatami-Ära, profitieren nicht nur iranische Blogger, sondern vor allem auch die Musikszene.

Arash Sobhani; Foto: &copy Morgenlandfestival
Innovation auf musikalischer Ebene: Lead-Sänger Sobhani lässt in die Musik der Band "Kiosk" auch Gypsy-Jazz miteinfließen.

Das "Kiosk"-Debüt wurde 2005 in Teheran aufgenommen. Dort nur illegal zu bekommen, war das erste Album "Adameh Mamooli" aus dem Iraner Untergrund bei iTunes. Die neuen Vertriebswege steigerten den Bekanntheitsgrad iranischer Bands bei Exil-Iranern in Europa und Nordamerika.

Im Visier des "Ershad"-Ministeriums

Im Iran selbst ringen jedoch viele Musiker mit dem Ministerium für Kultur und islamische Führung ("Ershad") um jede Textzeile. Genehmigungen für Veröffentlichungen oder Auftritte erhalten nur Bands, die der strengen Zensur standhalten oder gute Kontakte zum Ministerium pflegen. Nicht nur die staatlichen Repressionen behindern die Entwicklung der iranischen Musikszene. Moderne Musik wird weder an Schulen unterrichtet, noch stellt sie ein gesellschaftlich angesehenes Hobby dar. Mittlerweile gibt es Verbindungen zwischen den Musikern außerhalb Irans. So tourte "Kiosk" 2007 gemeinsam mit der iranisch-schwedischen Band "Abjeez" in Nordamerika. Abjeez wurde von den in Schweden aufgewachsenen Schwestern Safoura und Melody Safavi gegründet. Beide Bands singen auf Farsi, sodass ihr Publikum hauptsächlich aus im Ausland lebenden Iranern besteht.

Da Arash Sobhani jetzt außerhalb der Islamischen Republik in San Francisco lebt, kann er frei texten. Die ersten Lieder vor zehn Jahren auf Farsi zu schreiben fiel ihm schwer – aufgrund der literarischen Tradition der Sprache. Mit der Zeit entfernte sich Sobhani jedoch vom Maßstab der persischen Dichtkunst, um seinen eigenen Stil zu finden. Auf dem zweiten "Kiosk"-Album ("Eshgh-e Soraat") sind neben zynischen Kommentaren über die politische Situation im Iran und der unverkennbaren Gesellschaftskritik auch Liebeslieder über Sehnsucht und Trennung zu hören. Dabei versteht sich Kiosk nicht unbedingt als politische Band.

Doch aufgrund der wachsenden politischen und gesellschaftlichen Krise im Land ist es den Bandmitgliedern inzwischen ein wichtiges Anliegen, die Veränderung Irans seit der bald 30 Jahre zurückliegenden Islamischen Revolution aus ihrer Sicht zu beschreiben.

Nomadentum und Protest als Antwort auf die Krise

"Ich bin jetzt nicht mehr der Alte" heißt es im neusten Lied "Pragmatism-e Eshghi" – ein Statement, das zur musikalischen Entwicklung der Band, wie auch zum Leben der einzelnen Mitglieder im Ausland passt. Nachdem viele Hörer dem zweiten Album nachsagten sehr nach der Teheran Musikrichtung zu klingen, will Arash Sobhani bewusst einen neuen Sound entwickeln und arbeitet dafür auch zusammen mit amerikanischen Musikern. Das Affen-Portrait auf dem neuen Album "Bagh-e Vahsh-e Jahani", das im November erscheint, erinnert stark an Ahmadinejad. Neu auf diesem Album zu hören ist Gypsy-Jazz, untermalt mit Akkordeon und Kontrabass. Inhaltlich hat sich Sobhanis kritischer Blick auf die Exil-Iraner und auch auf sein eigenes Exil-Dasein ausgeweitet.

Trotz seiner Ausreise lässt Sobhani es sich nicht nehmen, weiterhin über die prekäre Lage im Iran zu schreiben. Während sich die Songs inhaltlich nicht wesentlich verändert haben, findet die Innovation auf musikalischer Ebene statt. Die Gypsy-Elemente unterstreichen nicht nur das nomadische Leben der "Kiosk"-Bandmitglieder, die mittlerweile in Kanada und Kalifornien leben. Sobhani attestiert dem Großteil der "entwurzelten", im Ausland lebenden Iranern in Gedanken ständig an ihrer Heimat zu hängen.

Shanli Anwar

© Qantara.de 2008

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